Der Verfasser, Dezernent im Landeskirchenamt der EKiR und dort zuständig für die Aus- und Fortbildung der Theologinnen und Theologen, hat nicht umsonst seinem schmalen Band einen Satz des berühmten englischen Baptistenpredigers aus dem 19. Jahrhunderts, C.H. Spurgeon als Motto vorangestellt: Ich warne euch sehr davor, eure Predigten vorzulesen ...
Der ganze Band ist ein anregender, spritziger Versuch, die Predigerinnen und Prediger zu freiem Reden von der Kanzel anzuleiten, zu inspirieren. Ich soll einem Auditorium nichts vorlesen, sondern zu und mit ihm sprechen, nicht vorsprechen, sondern verkündigen, nicht behaupten, sondern in Bewegung setzen, nicht nur etwas mitteilen, sondern etwas auslösen, etwas bewirken. (S. 8). Dabei geht es nicht darum, so der Autor, eine ideologische und damit falsche Alternative zwischen Manuskript und freier Rede aufzubauen. Jeder und jede muss seinen eigenen Stil finden und entwickeln.
Eine Homiletik in sieben Schritten will zum freien Reden auf der Kanzel hinführen. Wie macht sie das? Von den sieben Schritten, die der Autor anbietet, beschäftigen sich die ersten vier mit den klassischen Stationen der Predigtvorbereitung, wobei das Ziel, die (möglichst) freie Rede von der Kanzel, nie aus dem Blick gerät. Was ist überhaupt Predigt? Ein Sprachereignis, in dem die beiden Subjekte der Predigt, Gott und Mensch, zusammenwirken. Was die menschliche Seite betrifft, geht es nicht ohne Begeisterung, aber auch Zweifel und Anfechtung sind Kennzeichen lebendigen Glaubens. Die Exegese als Eindringen in die Schrift (2. Schritt) vergleicht der Autor mit dem Betreten eines Raumes, in dem ich Neues und Faszinierendes entdecken kann. Zwischen mir und dem Text entsteht ein Dialog, in den ich in einem nächsten Schritt die Gemeinde einbeziehe. Ich frage mich, was ich der Gemeinde mit welchem Ziel sagen möchte. Predigt muss etwas wollen und soll dabei die Rhetorik einsetzen als die Kraft, durch Reden zu überzeugen (S. 44) . Damit die freie Predigt eine Chance bekommen kann, muss weiterhin eine klare, logische, überschaubare und nachvollziehbare Gliederung (S.67) erarbeitet werden.
Beim 5. Schritt wird es dann ernst mit dem freien Sprechen. Wer bisher gewohnt war, die Predigt Wort für Wort vom Manuskript abzulesen, erhält hier hilfreiche und praktikable Angebote zu einer schrittweisen Loslösung vom Manuskript, z.B. Bilder und Erzählungen frei darzustellen, oder sich den Predigtanfang und den Predigtschluss sinngemäß einzuprägen. Im 6. Kapitel geht es um die Performance der Predigt, die der Autor dialogischen Monolog nennt, weil die Rede im Dialog mit dem Hörer auf der Kanzel neu entsteht. Wie das geschehen kann, dafür gibt er brauchbare Hinweise und Ratschläge, mit gelungenen und misslungenen Beispielen gewürzt.
Das Buch ist bei aller Wissenschaftlichkeit unterhaltsam geschrieben. Mit seinen locker dahin geworfenen Anmerkungen zu den Tücken und Fallen der Predigtpraxis trifft Lehnert immer wieder den Nagel auf den Kopf. Und es ist ein anregendes Buch, weil es Lust macht, das Manuskript zur Seite zu legen und es mit dem freien Reden selber zu versuchen.
Karl-Hermann Haverkamp