Es ist schon ein Wagnis: Ein autobiographischer Roman in Comicform. Autobiographisch, wirklich? Gerne wird Craig Thompson das einfach so abgenommen. Zuweilen wechselt er aber unversehens die Erzählperspektive, zeigt Szenen, die er selbst niemals mitbekommen haben kann (Szenen aus dem Leben von Rainas Vater und Mutter). Einige seiner Schicksalsschläge wirken auch nicht nur im wörtlichen Sinne überzeichnet. Ein anderes Problem ist die Veröffentlichung des Buches selbst - glaubt man den Worten und Bildern buchstäblich und Strich für Strich, so ist mit Erscheinen ein kaum kittbarer Bruch mit seinen Eltern verbunden. So muss man als Leser auch immer rätseln, was wahr ist und was Fiktion - was aber keineswegs Kritikpunkt ist, sondern in der Tat zur "literarischen" Interpretierbarkeit des Buches beiträgt.
Thompsons Bildsprache ist nicht neu. So konzentriert und intensiv wie in "Blankets" allerdings konnte man sie noch in keinem Comic sehen. Gefühle werden durch expressionistische Experimente (z.B. "Verwischen" des Kopfes als Ausdruck für schmerzhafte Erinnerungen) und bildhafte Vergleiche (ein gehasstes Feldbett in einer dunklen Kammer bekommt gruselige Augen und Zähne) dargestellt; über visuelle Leitmotive wie die allgegenwärtige "Decke", das "Singen" und die "Seenot" hat der Zeichner volle Kontrolle - "Blankets" ist ohne Zweifel ein bildgewaltiges und allegorisches Werk.
Zur Geschichte selbst müssen die wertenden Adjektive vorsichtig gewählt werden. Ist Thompsons Lebensgeschichte "banal"? Sicher nicht. Die Urängste des Teenagers, seine Leiden in Liebe, Religion, Familie und Schule, seine Einsamkeit, das Finden seines eigenen Selbst, sind weder langweilige noch unwichtige Themen. Neu sind sie allerdings auch nicht. So passt vielleicht der Terminus "abgegriffen" - ein altes Thema wird uns auf neue Art präsentiert. Ist Craigs Geschichte "inkonsequent" erzählt? Sicher auch nicht. Die Anonymität, in der etwa seine Mutter und sein Bruder verschwinden, ist gewollt, zeigt uns die Grenzen der Perspektive des Autors auf, der insbesondere die Teenager-Zeit seines Bruders einfach nicht mitbekommen hat. So wundert es nicht, wenn dieser Bruder auf lange Strecken des Buches ausschließlich in Kindheits-Rückblenden oder (und hier wird der Leser wirklich mit der Nase auf eine zugrundeliegende Erzählabsicht gestoßen!) nur von hinten gezeigt wird. Oder die Mutter anfangs nur in Ausnahmemomenten ein Gesicht bekommt (meistens dann, wenn es um christliche Erziehung geht). Statt "inkonsequent" mag allerdings das Wort "ausschweifend" passen. Für eine eingehende Charakterisierung auch seiner Nebenfiguren verweilt Thompson sehr gerne in Momenten, die für die eigentliche Handlung eher zweitrangig sind. Mit scharfer Beobachtungsgabe zeigt er etwa den Vater und die mongoloiden Adoptivkinder der Familie seiner Freundin Raina. Nicht immer kann man sich des Eindrucks erwehren, dass sich Thompson in der Darstellung der fremden Familie festfährt; unbestritten ist dagegen, dass das Panorama dieser Familie letztlich in sich geschlossen und an sich erzählwürdig ist.
Was Craig Thompson allerdings wirklich angekreidet werden kann, ist ein spezifisch autobiographisches Problem. Ein Autor eines vollkommen fiktiven literarischen Werks kann versuchen, am Ende einen "Sinn", ein "Fazit", eine "Endsituation" oder gar eine "Auflösung" aus den beschriebenen Geschehnissen zu stricken. Bei echten Lebenserfahrungen wirkt das immer etwas bemüht, und eben das unterläuft leider auch Thompson. Die "Endsituation" des Verhältnisses zu seiner Familie wirkt aufgesetzt und angesichts früherer Erfahrungen fast absurd; das angedachte Fazit "Hey, aber für eine Weile habe ich Spuren hinterlassen" ist nicht nur für den Leser unbefriedigend, sondern kann es auch für den Autor nicht sein. So fehlt diesem grandiosen Werk letztlich doch noch ein Stern zur Perfektion. Raum also für aufstrebende Comic-Autoren, das epochale "Blankets" vielleicht doch noch zu übertreffen.