Welcome to so9os [so nineties]
Da sind sie also in den 90ern angekommen. Seit über einem Jahr haben sich Blank & Jones immer wieder mit der Idee beschäftigt, nach so8os [so eighties] auch eine so9os [so nineties] Serie zu starten.
Das war nicht so ganz einfach – aus mehreren Gründen. Vor allem bedeuteten die 90er für Piet & Jaspa persönlich einen kompletten Wandel ihres bisherigen Lebens. Im Laufe dieses Jahrzehnts passierte ihnen das, wovon sie als Teenager noch nicht mal zu träumen gewagt hätten – sie konnten vom Musikmachen und DJ’ing plötzlich leben, wurden sogar eine Art von Popstar mit ihrer eigenen Musik. Aber der Reihe nach:
Nachdem die 80er ja eigentlich ein musikalisch doch sehr homogenes Jahrzehnt waren (man konnte locker The Cure, ABC, Bananarama, Divine und Die Ärzte in einem Set spielen), kam es in den 90ern zu einer extremen Abgrenzung. Wer Hip Hop mochte, konnte Grunge nicht leiden und den Technofans war jede Art von Mainstream Pop zuwider. Irgendwie haben Blank & Jones aber beim Kramen in ihren Plattenkisten dann doch festgestellt, was für großartige Songs, die durchaus alle begeistern konnten, in diesem Jahrzehnt entstanden sind.
Sie haben hier bewusst die komplette Explosion der Dance Szene ab 1995 und damit auch ihre eigene Karriere als Künstler ausgeblendet und versucht, auch auf die 90er wieder mit den Augen des Fans zu schauen.
Was macht also die 90er musikalisch aus, was ist geblieben? Oftmals werden leider nur Boygroups und Euro Dance thematisiert, wenn es um dieses Jahrzehnt geht, dabei gab es ihn auch in den 90ern, diesen großartigen Pop, der auch noch zwanzig Jahre später nicht angestaubt klingt.
Plötzlich tauchten Bands wie die Stereo MC's oder Brand New Heavies auf und groovten, was das Zeug hielt, Trevor Horn zeigte auch weiterhin sein ganzes Können mit einem Ausnahmekünstler namens Seal, die Dancemusik wurde in England von Bands wie Shamen oder Felix revolutioniert, während in Amerika die DJs von C&C Music Factory für frischen Wind auf dem Dancefloor sorgten. Lupenreiner Pop wurde uns von den Lightning Seeds, Saint Etienne oder Simply Red serviert, aber auch das Label "Brit Pop" wurde neben Oasis und Blur noch von Künstlern wie Pulp oder The Verve in die Welt getragen. Und es gab diese einzigartigen Nummern, bei denen mal eben komplett die Zeit stehen bleibt: Olive ist sowas gelungen mit "You're Not Alone" oder der großartige Nightmares On Wax Remix von Bush's "Letting The Cables Sleep": Gänsehaut pur.
Aber auch ein paar unverwüstliche Bands aus den 80ern schafften den Sprung ins neue Jahrzehnt. Duran Duran lieferten mit dem "Wedding Album" etwas ganz Großes ab und "Ordinary World" ist bis heute einer ihrer besten Songs. Auch New Order waren wieder aktiv und liefen mit "Regret" sogar im Radio rauf und runter. Da der Output der einzelnen Mitglieder aber auch in den Pausen der Band weiter hoch blieb, gibt es zum Glück Songs wie "What Do You Want From Me?" von Peter Hook's Band Monaco oder "Getting Away With It" von dem genialen Künstlermix Bernard Sumner (New Order), Johnny Marr (The Smiths) und Neil Tennant (Pet Shop Boys) alias Electronic. Andere Helden der 80er lebten dank der amerikanischen Hip Hop Kultur in den Top 10 der weltweiten Charts weiter. P.M. Dawn sampelten 1991 gleich mal einen riesigen Teil des Spandau Ballet Klassikers "True" und zeigten mal wieder, wie kreativ man mit Sampling sein konnte und was für neue Möglichkeiten diese Technik auch im Popbereich zuließ. Ein weiterer Sampling Hit war natürlich "Tom's Diner" von Suzanne Vega. Zwei Londoner DJs nahmen sich unter dem Namen DNA den kompletten a cappella Song, unterlegten ihn mit den damals unwiderstehlichen Soul II Soul Beats und brachten das Ganze unter "Oh Suzanne" als Bootleg heraus. Zum Glück für die beiden Jungs gefiel es sowohl der Sängerin als auch ihrer Plattenfirma und anstatt verklagt zu werden, bekamen sie von ihnen einen dicken Scheck und stürmten weltweit die Top 10. Auch aus Deutschland gab es weltbewegendes zu vermelden: Ebenfalls inspiriert von den Soul II Soul Beats tauchten plötzlich Mönchsgesänge in den Charts auf. Mastermind hinter dem Enigma Projekt war Michael Cretu und die Stimme kam von seiner damaligen Frau und 80er Popstar Sandra. Chill Out Musik wäre heute nicht da, wo sie ist, hätte es nicht die Visionen und stilbildenen Alben von Enigma gegeben. Das wohl längste Sample in der Musikgeschichte spielten allerdings 1990 zwei Produzenten über ihre Platte "Natural Thing". Im Mittelpart stand ein drei Minuten langer Teil des Pink Floyd Klassikers "Shine On You Crazy Diamond" vom "Wish You Were Here" Album.
Auch ein gewisser Norman Cook zeigte in den 90ern erstmals sein Können als Produzent. Nachdem er in der 80ern als Bassist bei den Housemartins tätig war, hatte er unter diversen Pseudonymen wie Mighty Dub Cats, Beats International und Pizzaman Charterfolge. Mit dem Projekt Freakpower landete er dann seinen bis dahin größten Hit dank eines Jeans-Werbespots, der "Turn On, Tune In, Cop Out" weltweit in einer Millionen-Dollar-Kampagne benutzte. Das war aber alles gar nichts im Vergleich zu dem, was in den Folgejahren unter dem Namen Fatboy Slim passieren sollte.
Nachdem in den 80ern Jahren die Musikvideos teilweise avantgardistisch entstanden, ging in der darauf folgenden Dekade nichts mehr ohne ein Top Musikvideo. Es war die Glanzzeit des Musikfernsehens, allen voran natürlich MTV. Durch die Eröffnung ihres Offices in London setzten sie nun auch zum Siegeszug in Europa an. Fast wehmütig denken wir an die Tage zurück, wo die erste Bewegung des Tages das Anklicken der Fernbedienung auf MTV war, um mit Rebekka de Ruvo "Awake On The Wild Side" zu sein. Lange vor Klingeltonwerbung war MTV das wohl stilprägendeste Medium in den frühen Neunzigern mit all seinen State of the Art-Videos und Station ID-Filmen. Mit Viva wurde es dann noch bunter, und plötzlich hatten auch nationale Künstler mit kleinerem Budget eine Chance, sich zu präsentieren. Ebenfalls bahnbrechend in Deutschland war 1995 der Sendestart von 1Live. Die rückblickend sehr mutige Entscheidung, konsequent den kompletten Neustart einer Jugendwelle im Radio mit diesen Freiheiten zu ermöglichen, lässt den Sender bis heute sehr erfolgreich sein. Natürlich dürfen hier auch einige der heimlichen Hits der Anfangsjahre nicht fehlen, da Piet zum Start nicht nur als Moderator diverser Sendungen mit an Bord war, sondern auch hinter den Kulissen zu dem Team gehörte, das die Musik für das Tagesprogramm auswählte.
Die 90er waren aber auch das Jahrzehnt des Siegeszuges der Remixkultur. Während in den 80ern langsam die Extended Versions immer wichtiger im Bereich der Clubmusik wurden, ließen Anfang des neuen Jahrzehnts auf einmal auch Popstars wie U2, Michael Jackson oder Lenny Kravitz Dancefloor taugliche Remixe ihrer Songs anfertigen. Wie es bei Dance Musik halt so üblich ist, ist sie extrem zeitgeistorientiert und hat vor allem das Ziel, die Leute zum Tanzen zu bringen. Somit wurden die DJs, die wussten, welche Sounds und Beats für garantiert volle Tanzflächen sorgten, immer wichtiger in diesem Bereich und erlebten als Remixer einen wahren Boom. Jeder wollte vom hippsten DJ einen Remix haben, um so bei den Clubkids ein Stück Coolness zu ergattern. Rückblickend haben die meisten Remixe der 90er nicht wirklich Bestand – was ja auch niemals das Anliegen war –, sondern die Original Version ist in der Regel das, was bleibt. Da aber die klassische Extended Version parallel zu der Masse an Remixen eher vernachlässigt wurde, haben sich Blank & Jones bei so9os dafür entschieden, jeweils mit der Version zu arbeiten, die ihrer Meinung nach den Song am besten präsentiert. Das kann mal eine Albumversion sein, eine extra nochmal abgemischte Radioversion, ein Extended Mix oder eben doch ein Remix. Man merkt den beiden leidenschaftlichen Muiskliebhabern mal wieder den großen Spaß an dieser Zeitreise an.