Annette von Droste-Hülshoff war eine Person voller innerer Widersprüche. Hohe Sensibilität und lebhafte Phantasie äußerten sich neben ihrer literarischen Produktion in hoher schauspielerischer Begabung, mit der sie ihre Umgebung zu bezaubern aber auch zu umgarnen wusste. Ängstlich darauf bedacht, niemandem ihr Inneres zu zeigen, waren Schmeichelei und wahre Zuneigung bei ihr nicht leicht zu unterscheiden. Wann sind die überschwenglichen Liebesbeteuerungen in ihren Briefen das eine oder das andere?
Zu Recht fühlt sie sich bei ihrer Begabung in einer arroganten Männerwelt benachteiligt. Verstärkte das ihre Abneigung gegen eine eheliche Bindung? Im Alter von 40 verliebt sie sich bis über beide Ohren in den 17 Jahre jüngeren Literaten Schücking, verweigert sich jeder engeren Bindung und beansprucht dennoch das Recht, als „Mütterchen" ihrem geliebten „Pferdchen" in verletzender Form die heftigsten, eifersüchtigen Vorschriften zu machen, als er die Ehe mit einer anderen Frau sucht. Bei allem Verstand lebte sie offenbar in einer Scheinwelt und machte sich selbst und Anderen etwas vor.
Ihre zerrissene Persönlichkeit hat dieses Dilemma selbst erkannt und auszugleichen versucht, ist aber daran gescheitert und wurde davon krank. Dieser Zerrissenheit entstammte auch die Unsicherheit bzw. die Angst, sich einer politischen oder literarischen Idee oder Denkrichtung voll und ganz zu verschreiben, wie auch z. B. eine Ehe einzugehen. Vor Unwiderruflichem schreckte sie zurück. Die Sehnsucht, geliebt, bewundert und anerkannt zu werden, und der Drang nach Nähe und Wärme paarten sich mit der Angst vor Enttäuschung und machten sie körperlich krank. In dieser Hinsicht verdient die Droste unser Mitgefühl und für ihren bewussten Kampf gegen diese Mächte unsere Bewunderung.
Die Biographie ist außerordentlich gut recherchiert und überzeugend erzählt. Die Autorin kennt das dichterische Werk der Droste beeindruckend gut und macht reichlichen Gebrauch davon. Mit feinem Einfühlungsvermögen geht sie dem Seelenleben ihrer Heldin nach. Auch gibt sie einen guten Überblick über die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse des Münsterlandes vor 200 Jahren. Was etwas ausführlicher hätte zu Wort kommen können, ist die Frage, wie die Droste in ihrer Zeit von ihrer Leserschaft als Mensch und als Dichterin gesehen wurde, und welchen Stellenwert sie in der literarischen Welt ihrer Zeit einnahm. Ebenso vermisst man eine abschließende Bemerkung, wie man die Droste heute in die Geschichte der deutschen Literatur einordnet.
Insgesamt sowohl vom Stoff als auch von der Darstellung her ein sehr lesenswertes Buch.