"Ich arbeitete mich zum Kopf der Gestalt vor. Es handelte sich um einen Mann, der vom Gewicht seiner Kleider nach unten gezogen wurde und nur wegen des Gestrüpps aus Wasserpflanzen unter ihm an der Oberfläche trieb. Ich griff unter seine Achseln und zerrte ihn zum Rand des Teiches, wobei ich darauf achtete, dass sein Kopf über Wasser blieb, falls er noch nicht tot war." - Doch leider ist Vic Warshawski dieses Glück nicht gegönnt: Der Mann, auf den sie bei ihrem nächtlichen Sturz in einen eiskalten Vorgartenteich gerade unsanft gefallen ist, ist mausetot. Stellt sich nur die Frage: Wie kam es dazu? Was macht der Tote an diesem Ort? Und was hat das Ganze mit jenem mysteriösen und beständig von Einbrechern aufgesuchten Anwesen zu tun, das Privatdetektivin Vic Warshawski für Geraldine Graham, die inzwischen sehr alte Mutter eines Freundes, überwachen soll?
Die spannenden Antworten auf diese Fragen lässt die amerikanische Autorin Sara Paretsky ihre Privatdetektivin Warshawski fortan auf den folgenden rund 500 Seiten des Romans "Blacklist" ermitteln. 500 Seiten, dicht bedruckt, sind dabei durchaus ein ganz schöner Brocken für einen Kriminalroman, aus dem Englischen von Sibylle Schmidt übersetzt. Dennoch, es lohnt sich: Denn mit Sicherheit dürfte keine einzige der Seiten Langeweile aufkommen lassen. Nicht zuletzt liegt das daran, dass Autorin Sara Paretsky ihre Leser zusammen mit der zentralen Figur Vic Warshawski gemeinsam und auf Augenhöhe die steinige Recherche antreten lässt. Der Leser sieht mit Warshawskis Augen, spürt ihre Furcht, ihren Ärger, die Erschöpfung und den Schmerz am eigenen Leib. Ihr Fall wird zu dem des Lesers, Seite um Seite mitfiebernd mit der bissigen, intelligenten und durch und durch "toughen" Vic Warshawski auf der Suche nach der dringend geforderten Lösung.
Selbstredend - das ist das Schicksal aller Privatdetektive - kommt natürlich auch Vic Warshawski in Konflikte mit der Polizei. Fortan heißt es: Noch vorsichtiger ermitteln, noch behutsamer vorgehen - und vor allem eines: Schneller sein als der uniformierte Arm des Gesetzes. Das schließlich macht das Tempo des Buch aus, das trotz der Textmenge mit einem sehr gefühlvollen Maß für Dramatik mit Beschleunigung und verlangsamenden Momenten arbeitet.
Besonders lebendig macht "Blacklist" jedoch das Vermögen der Autorin, überzeugende, facettenreiche Charaktere und dynamische Dialoge zu entwerfen. Das muss mit der gewitzt-durchsetzungskräftigen Privatdetektivin Vic Warshawski anfangen - man sieht, wie sie lebt, lernt ihre Vergangenheit, Orte von Kindheit und Studium kennen, weiß was sie isst und was sie denkt, wie sie fühlt, agiert - und hört auch bei den Nebenfiguren nicht auf. "Blacklist" ist ein Buch, das von einem Höchstmaß an Plastizität lebt: Die zentrale Figur Vic Warshawski öffnet sich dem Leser zu 100 Prozent, Schritt für Schritt ist der Roman in Orten und Ereignissen vorstellbar; angenehm gemächlich schnurrend spielt sich "Blacklist" so als Film vor dem inneren Auge des Betrachters ab.
"Der alte Mann war ganz aus dem Häuschen vor Erleichterung darüber, dass man mich nicht eingesperrt hatte. Kurz darauf lag ich in seinem Wohnzimmer auf dem Boden, die Arme um Peppy geschlungen, und erstattete Bericht über die Ereignisse des Abends. Als mein Nachbar hörte, dass die FBI-Leute auch mein Büro durchsucht und vermutlich mein Telefon angezapft hatten, ließ er sich ausführlich über Strafverfolgung in diesem Lande aus. Er mochte ja gerne glauben, dass alle Maßnahmen der Regierung zum Schutz des Landes gerechtfertigt waren, egal, wessen Rechte da mit Füßen getreten wurden, aber da es um mich ging, war das FBI seiner Ansicht nach nun wirklich zu weit gegangen." - Und auch dies ist eine Besonderheit des Buches: Denn immer wieder klingen Hinweise auf aktuelle Themen der amerikanischen Gegenwart auf: Seien es die Verhörmethoden des FBI, sei es die Panik vor Terrorismus, die Amerika an den Rand einer neuen Hexenjagd bringt, sei es die Afghanistan-Frage, die exemplarisch an Vics Lebensgefährten Morell exerziert wird. Als Journalist begleitet er eine karitative Ärztevereinigung in das kriegsgeschüttelte Land - und begibt sich damit in eine offenbar noch größere Gefahr als die allein zuhause gelassene Vic.
Selbst wenn diese Anleihen beim Zeitkolorit mitunter ein wenig gewollt wirken - insgesamt ist das Buch von einer dichten Schlüssigkeit, über die wenige Kriminalromane verfügen. Wenn also eine amerikanische Alternative zu schwedischen Kommissaren oder italienischen Comissarios gesucht wird, dann ist Privatdetektivin Vic Warshawski und der Roman "Blacklist" eine gute Wahl!