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Blacklist [Gebundene Ausgabe]

Sara Paretsky , Sibylle Schmidt
3.8 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (8 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

In ihrem elften Fall wird die Privatdetektivin Vic Warshawski von ihrem besten Klienten gebeten, für seine alte Mutter in dem wohlhabenden Städtchen New Solway tätig zu werden. Dort, in der Nähe von Chicago, soll Vic ein altes verlassenes Herrenhaus unter Beobachtung nehmen. Denn die 91-jährige Geraldine Graham schwört Stein und Bein, dass dort nachts ungebetene Gäste ihr Unwesen treiben. Was zunächst recht harmlos aussieht, wird schon in der ersten Nacht zum bitteren Ernst: Vic trifft nicht nur auf einen geheimnisvollen Eindringling, sondern stößt -- eher zufällig -- auf die Leiche eines Mannes, die im Zierteich des Anwesens versenkt wurde.

Als sich der Tote als junger, eifriger Enthüllungsjournalist schwarzer Hautfarbe erweist, schwant Vic, dass hinter der Geschichte in Larchmont Hall mehr steckt als nur ein nächtlicher Streich mit bösen Folgen. Bei den Reichen und Mächtigen der Stadt stoßen ihre Ermittlungen allerdings auf wenig Gegenliebe. Auch die örtlichen Polizeibehörden, die zur selben Zeit fieberhaft nach einem 15-jährigen mutmaßlichen al-Quaida-Terroristen suchen, reagieren nervös und ungehalten auf ihre Recherchen...

Wie in den meisten Romanen um ihre Privatdetektivin Vic Warshawski greift Paretsky ein brandheißes, aktuelles Thema auf. Und wie in den geschliffenen Dialogen ihrer Heldin nimmt auch Paretsky erzählerisch kein Blatt vor den Mund: Blacklist ist nur oberflächlich ein Detektivroman. Es geht darin, wie der Titel schon andeutet, um weit mehr als eine dunkle Familiengeschichte aus der Welt der US-amerikanischen Oberschicht. In den USA hat sich bekanntlich eine Terrorismus-Hysterie breitgemacht, die vielleicht nur noch mit den Auswüchsen der McCarthy-Zeit zu vergleichen ist. Paretsky beschreibt präzise die Wirkungen des so genannten Patriot Act, einer Gesetzgebung, mit der die amerikanischen Bürgerrechte erheblich eingeschränkt werden. Paretskys altbewährte Heldin Vic Warshawski bekommt während den Ermittlungen nicht nur einmal die Keule dieser Anti-Terror-Gesetze zu spüren.

Sara Paretskys Roman in bester Hammett-Tradition ist äußerst mutig. Mit ihrem schonungslosen Realismus und ihrer spannenden Handlung verpackt sie eine deutliche Botschaft: Bushs konservative Regierung fährt einen bedenklichen politischen Kurs, bei dem um den Bestand der demokratischen Rechte im Land zu fürchten sei. Inwieweit das genau zutrifft, ist schwer zu beurteilen. Aber wie schnell eine solche Politik tatsächlich in Unrecht umschlagen kann, zeigt Paretsky mit den Mitteln des Kriminalromans sehr eindrucksvoll. --Christian Koch

Pressestimmen

"Wenn es darum geht, interessante Charaktere zu erschaffen, faszinierende Schauplätze zu entwerfen, geistreiche Dialoge zu schreiben und überzeugende Krimiplots zu entwerfen, dann hat Sara Paretsky nicht ihresgleichen." (Chicago Tribune)
"Paretskys Romane stellen nicht nur ein ganzes Genre auf den Kopf, sie sind darüber hinaus auch noch wunderbar geschrieben, haben einen überzeugenden Handlungsverlauf, und die Dialoge sind klug und erfrischend lebendig." (Newsweek)
"Sara Paretsky ist und bleibt unübertroffen!" (The Washington Post Book World)

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"Endlich ist sie zurück - die weibliche Kultheldin unter den Detektiven. Und gibt richtig Gas! Was Elizabeth George für den englischen und Donna Leon für den italienischen Kriminalroman ist, ist Sara Paretsky für den amerikanischen Krimi." Bild am Sonntag

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"Sara Paretsky beweist mit 'Blacklist' ein Mal mehr, dass die besten Krimiplots auf gesellschaftspolitischen Themen basieren. Die Autorin gründete 1986 den Schriftstellerinnenverband 'Sisters of Crime', der ein explizit weibliches Publikum ansprechen soll. Paretskys Detektivin V.I. verfügt jedoch über derartige Rambo-Allüren, dass sie auch mordslüsterne Machos begeistern dürfte." FACTS

Kurzbeschreibung

Eines Tages erhält Privatdetektivin Vic Warshawski einen ungewöhnlichen Auftrag: Sie soll ein altes, verlassenes Herrenhaus in einem noblen Vorort von Chicago observieren. Denn die betagte Geraldine Graham, ehemalige Besitzerin des Anwesens und Oberhaupt einer hoch angesehenen Familie, will dort nachts ungebetene Gäste beobachtet haben. Tatsächlich stößt Vic bei ihrer Erkundung auf einen mysteriösen Eindringling und wenig später auf die Leiche eines Mannes, die im Gartenteich versenkt wurde. Wie sich herausstellt, handelt es sich bei dem Toten um den Journalisten Marc Whitby, und Vic ahnt, dass sie in ein Wespennest gestochen hat. Welcher Spur ist Whitby gefolgt, die so brisant war, dass er dafür mit dem Leben bezahlen musste? Doch ehe sie sich versieht, gerät Vic selbst in die dunklen Machenschaften, die sich hinter der glänzenden Fassade der feinen Chicagoer Gesellschaft verbergen. Und es scheint, als habe der Täter sein nächstes Opfer bereits im Visier.

Klappentext

"Paretskys Romane stellen nicht nur ein ganzes Genre auf den Kopf, sie sind darüber hinaus auch noch wunderbar geschrieben, haben einen überzeugenden Handlungsverlauf, und die Dialoge sind klug und erfrischend lebendig."
Newsweek

"Sara Paretsky ist und bleibt unübertroffen!"
The Washington Post Book World

"Victoria Iphigenia Warshawski ist die kühnste und zugleich irritierendste Privatdetektivin in der heutigen Krimiliteratur. Diese unnachahmliche Mischung aus Sturheit und Verletzlichkeit, diese sandpapierne Zärtlichkeit ... Größtes Kompliment an Sara Paretsky!"
Chicago Sun-Times

Über den Autor

Sara Paretsky wurde 1947 in Kansas geboren und zog in den späten 60er Jahren nach Chicago. Dort promovierte sie in Wirtschaftswissenschaften und Geschichte und arbeitete von 1977 bis 1985 als Verkaufsmanagerin einer großen Versicherungsgesellschaft. Ihre Kriminalromane um die Privatdetektivin V.I. Warshawski wurden in 24 Sprachen übersetzt und erfolgreich verfilmt. Sie wurde mit diversen Literaturpreisen und bereits zweimal mit einer Ehrendoktorwürde ausgezeichnet.

Auszug aus Blacklist von Sara Paretsky, Sibylle Schmidt. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Gratwanderung
Wolken hatten sich vor den Mond geschoben, sodass ich fast nichts mehr sah. Ich war tags zuvor schon auf dem Grundstück gewesen, aber im Dunkeln wirkt alles anders. Ständig stolperte ich über Baumwurzeln und Ziegelstücke auf den verwahrlosten Wegen.
Ich bemühte mich, keinen Krach zu machen, falls wirklich irgendwo jemand lauerte, aber in erster Linie lag mir meine Gesundheit am Herzen: Ich hatte keine Lust, mit verstauchtem Knöchel die weite Strecke zurück zur Straße zu kriechen. An einer Stelle stolperte ich über einen losen Ziegelstein und landete mit Karacho auf dem Steißbein. Tränen schossen mir in die Augen; ich atmete hastig ein, um nicht vor Schmerz aufzuschreien. Als ich die malträtierte Stelle rieb, fragte ich mich, ob Geraldine Graham meinen Sturz beobachtet hatte. Ihre Augen waren nicht mehr gut, aber sie benutzte ein Fernglas mit Bild- und Restlichtverstärker.
Ich war so müde, dass es mir schwer fiel, die nötige Konzentration aufzubringen. Es war Mitternacht, eigentlich keine ungewöhnliche Arbeitszeit für mich, aber seit einer Weile schlief ich schlecht – Angst plagte mich und das Gefühl, damit alleine zu sein.
In den ersten Wochen nach dem Anschlag auf das World Trade Center war ich so verstört und verängstigt wie jeder in Amerika. Dann, nachdem wir die Taliban in den Untergrund gescheucht hatten und das Anthrax sich als Werk eines einheimischen Irren erwies, schienen sich die meisten Leute in Rot-Weiß-Blau zu hüllen und zum Alltag zurückzukehren. Doch mir blieb das versagt, solange Morrell sich in Afghanistan aufhielt – auch wenn es ihm Spaß machte, auf der Jagd nach irgendwelchen Warlords, die sich zwischendurch mal in Diplomaten verwandelt hatten, in Höhlen zu übernachten.
Als die Ärzteorganisation Humane Medicine im Sommer 2001 nach Kabul reiste, schloss Morrell sich an, in der Tasche einen Buchvertrag zum Thema »Alltag bei den Taliban«. Ich hab schon Schlimmeres überstanden, sagte er, als ich meiner Sorge über Probleme mit den berüchtigten Sittenwächtern der Taliban Ausdruck gab.
Das war vor dem 11. September. Danach blieb Morrell zehn Tage lang verschwunden. Damals fing das mit der Schlaflosigkeit an, obwohl mich jemand von den Humane-Medicine-Leuten aus Peshawar anrief und mir ausrichtete, Morrell halte sich in einer Gegend auf, in der es keine Telefone gab. Die meisten Leute aus der Gruppe flohen gleich nach dem Terrorakt nach Pakistan, aber Morrell konnte mit einem alten Freund nach Usbekistan fahren und so über den Flüchtlingstreck nach Norden berichten. Die Chance meines Lebens, hatte Morrell laut Bericht meines Anrufers gesagt – das hatte ich auch schon bei seinem Ausflug in den Kosovo zu hören gekriegt. Vielleicht war das die Chance eines anderen Lebens gewesen.
Als wir im Oktober mit den Bomben loslegten, blieb Morrell zunächst in Afghanistan, um direkt von der Front zu berichten, und dann, um über das neue Regierungsbündnis zu schreiben. Margent.Online, die Web-Version der alten Monatszeitschrift Margent, bezahlte ihn für Auslandsreportagen, die er zu einem Buch verarbeiten wollte. Auch der Guardian nahm die eine oder andere Story ab. Manchmal hatte ich ihn sogar auf CNN gesehen. Sonderbar, das Gesicht des Liebsten zu sehen, obwohl er zwanzigtausend Kilometer entfernt ist, sonderbar, zu wissen, dass hundert Millionen Menschen der Stimme zuhören, die mir Zärtlichkeiten ins Haar raunt. Oder vielmehr raunte.
Als er in Kandahar wieder auftauchte, heulte ich erst vor Erleichterung und schrie ihn dann per Satellit an. »Aber, Süße«, protestierte er, »ich bin in einem Kriegsgebiet ohne Strom und Mobilfunksender. Hat Rudy dich nicht aus Peshawar angerufen?«
In den nächsten Monaten reiste er so viel durch die Gegend, dass ich nie wusste, wo er sich aufhielt. Aber er meldete sich wenigstens regelmäßig, vor allem, wenn er Infos brauchte: (V.I., kannst du checken, warum Ahmed Hazziz in Coolis in Isolationshaft gesteckt wurde? V.I., kannst du nachprüfen, ob das FBI Hazziz’ Familie davon in Kenntnis gesetzt hat? Ich muss los – wichtiges Interview mit dem ältesten Sohn der dritten Frau des Stammeshäuptlings hier. Rest folgt später.)
Ich war etwas verschnupft darüber, dass er mich wie ein kostenloses Recherchebüro behandelte. Ich hatte Morrell nie für einen Adrenalin-Junkie gehalten – diese Journalisten, die immer mitten in der Katastrophe sein müssen –, aber ich schickte ihm eine grantige E-Mail, in der ich ihn fragte, was er wohl beweisen wolle.
»Seit Kriegsbeginn sind mehr als zehn westliche Journalisten ermordet worden«, schrieb ich an einer Stelle. «Wenn ich den Fernseher einschalte, rechne ich jedes Mal mit dem Schlimmsten.«
Binnen Minuten hatte ich seine Antwort per E-Mail: »Victoria, geliebte Detektivin, wenn ich morgen nach Hause komme, versprichst du mir dann, künftig von jedem Fall Abstand zu nehmen, bei dem ich mir Sorgen um dich mache?«
Was mich noch mehr auf die Palme brachte, weil ich wusste, dass er Recht hatte – ich war manipulativ und unfair. Aber ich brauchte ihn, ich wollte ihn sehen, spüren, hören – und zwar live, nicht im Cyberspace.
Ich ging dazu über, mich müde zu laufen. Jedenfalls schaffte ich es, die beiden Hunde müde zu laufen, die meinem Nachbarn von unten und mir gehören: Sie verkrochen sich jetzt immer in Mr. Contreras’ Schlafzimmer, sobald sie mich im Joggingzeug sichteten.
Trotz meiner Mammuttouren – ich lief zur Zeit fünfzehn Kilometer statt acht oder neun wie sonst – war ich nicht erledigt genug, um zu schlafen. Nach dem Anschlag auf das World Trade Center hatte ich fünf Kilo abgenommen, was Mr. Contreras beunruhigend fand: Er setzte mir Toast und gebratenen Speck vor, sobald ich vom Laufen kam, und bearbeitete mich so lange, bis ich zum Durchchecken zu Lotty Herschel ging. Lotty meinte, ich sei körperlich völlig in Ordnung, nur psychisch überanstrengt, wie so viele.
Wie man es auch nennen wollte, ich war jedenfalls zurzeit nicht wirklich bei der Sache, wenn es um meine Arbeit ging. Ich bin auf Wirtschafts- und Industriekriminalität spezialisiert. Früher war ich häufig zu Fuß unterwegs, marschierte zu Verwaltungsgebäuden, um etwas in Akten nachzuschlagen, machte Beschattungen und so fort. Seit es das Internet gibt, tappt man nur noch von Website zu Website. Wenn man stundenlang vor einem Computer sitzt, muss man sich konzentrieren können, und das fiel mir zurzeit schwer.
Deshalb strich ich nun im Dunkeln um Larchmont Hall herum. Als mein wichtigster Klient mich bat, nach Einbrechern Ausschau zu halten, die sich nachts in dem Haus herumtrieben, war ich so scharf auf Arbeit mit Körpereinsatz, dass ich auch die zerbröselnden Steinbänke am Rand des Zierteichs dort geschrubbt hätte.
Darraugh Graham war schon Klient von mir, als ich die Detektei gerade eröffnet hatte. Der New Yorker Ableger seines Unternehmens, Continental United, hatte drei Mitarbeiter im World Trade Center verloren. Darraugh setzte das schwer zu, aber er trauerte mit eiserner Miene und kalkweißem Gesicht, was anrührender war als manches Gezeter, das man dieser Tage zu hören bekommt. Er wollte nicht über den Verlust und die persönlichen Folgen für ihn sprechen, sondern ging mit mir in seinen Sitzungsraum, wo er eine Detailkarte von den Vorstädten im Westen aufrollte.
»Ich habe Sie aus persönlichen Gründen hergebeten, nicht aus geschäftlichen.« Er wies mit dem Mittelfinger auf einen grünen Fleck nordwestlich von Naperville in New Solway, das noch nicht zu Chicago gehört. »Das ist alles Privatbesitz hier. Große Villen von alten Familien, Sie wissen schon, die Ebbersleys, Felittis und so fort. Es ist ihnen gelungen, das Land zu erhalten wie eine Art privates Naturschutzgebiet. Auf diesem braunen Streifen hier hat Taverner ’72 knapp sechzigtausend Quadratmeter an einen Makler verkauft. Es gab ein großes Geschrei damals, aber er war im Recht. Musste wahrscheinlich irgendwelche Steuern zahlen.« Mein Blick folgte Darraughs langem Zeigefinger einem braunen Streifen entlang, der sich in dem ganzen Grün wie eine Möhre ausnahm.
»Auf der Ostseite liegt ein Golfplatz. Im Süden der Gebäudekomplex, in dem meine Mutter lebt.« Darraugh ist ein kühler, distanzierter Mann – wenn er umgänglicher Stimmung ist. Es fällt schwer, sich ihn in normalen Lebenslagen vorzustellen, wie zum Beispiel beim Geborenwerden.
»Mutter ist einundneunzig. Sie kommt alleine zurecht, und außerdem will ich nicht – sie will nicht mit mir zusammenleben. Sie wohnt dort in einer Siedlung – Anodyne Park. Reihenhäuser, Apartments, ein kleines Einkaufszentrum, ein Pflegeheim, falls sie Hilfe braucht. Ihr scheint es zu gefallen. Sie ist ein geselliger Mensch. Wie mein Sohn – das scheint nicht jedem in der Familie gegeben zu sein.« Sein frostiges Lächeln zeigte sich flüchtig.
»Alberner Name für eine Siedlung, Anodyne Park, und geradezu geschmacklos, wenn man an die Alzheimer-Station im Pflegeheim denkt – Mutter behauptet, es heißt so etwas wie ›Lindern‹ oder ›Heilen‹. Sie kann von ihrer Wohnung aus Larchmont Hall sehen, eines der großen Anwesen dort. Es steht seit einem Jahr leer – früher gehörte es der Familie Drummond. Die Erben haben es vor drei Jahren verkauft, aber die neuen Besitzer gingen bankrott. Felitti hat verlauten lassen, er wolle es kaufen, um die Makler aus der Gegend rauszuhalten, aber daraus ist bislang nichts geworden.«
Er verfiel in Schweigen. Ich wartete, dass er zur Sache kam, wofür er sonst nicht lange braucht, aber nachdem eine Minute verstrichen war, sagte ich: »Und nun wollen Sie, dass ich einen Krösus auftreibe, damit es nicht an ordinäre Reiche verschachert wird?«
Er blickte finster. »Ich habe Sie nicht hergebeten, damit Sie sich über mich lustig machen. Mutter meint, dass dort nachts Leute ein und aus gehen.«
»Und sie will nicht die Polizei rufen?«
»Die Polizei war schon mehrmals da, hat aber niemanden gefunden. Die Grundstücksverwaltung, die sich für die Holding um das Objekt kümmert, hat eine Alarmanlage installieren lassen. Sie ist vollständig intakt.«
»Haben die Nachbarn was beobachtet?«
»In dieser Gegend kann man die Nachbarn nicht sehen, Vic. Da sind die Häuser, umgeben von hundert Jahre alten Bäumen und Gärten und so fort. Man könnte die Nachbarn natürlich fragen.« Er wies erneut auf die Karte, um mir die Entfernungen zu zeigen, aber er klang unsicher – was ihm gar nicht ähnlich sah.
»Worum geht es für Sie bei der Sache, Darraugh? Wollen Sie das Anwesen kaufen?«
»Großer Gott, nein.«
Mehr sagte er nicht dazu, sondern trat ans Fenster und blickte hinunter auf die Bauarbeiten am Wacker Drive. Ich starrte verblüfft seinen Rücken an. Selbst als er mich vor einigen Jahren darum gebeten hatte, seinen Sohn aus einer Anklage wegen Drogenbesitz rauszuhauen, hatte er nicht so um den heißen Brei herumgeredet.
»Mutter hat schon immer ihre eigenen Regeln aufgestellt«, murmelte er am Fenster. »Natürlich werden Leute aus ihrem – unserem – sozialen Umfeld von der Polizei meist besser behandelt als Leute – nun ja, andere. Aber sie ist konsterniert, weil keiner sie ernst nimmt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sie sich etwas einbildet – sie ist schließlich über neunzig –, aber sie ruft mich inzwischen jeden Tag an und beklagt sich darüber, dass die Polizei nichts unternimmt.«
»Ich schau mal, ob ich irgendwas finde, was die Polizei übersieht«, sagte ich ruhig.
Seine Schultern entspannten sich, und er wandte sich zu mir um. »Ihr übliches Honorar, Vic. Den Vertrag bekommen Sie von Caroline. Und die genaueren Angaben über Mutter.« Er brachte mich hinaus zu seiner Assistentin, die ihm mitteilte, seine Konferenzschaltung nach Kuala Lumpur warte auf ihn.
Dieses Gespräch hatte an einem Freitagnachmittag stattgefunden, am ersten März, einem grauen, trüben Tag. Am Samstagmorgen machte ich meine erste Tour nach New Solway, der viele weitere folgen sollten. Bevor ich aufbrach, fuhr ich im Büro vorbei, um meine Generalstabskarten von den westlichen Vororten zu holen. Ich blickte auf meinen Computer und wandte ihm dann entschieden den Rücken zu: Ich hatte mich seit gestern Abend um zehn schon dreimal eingeloggt und keine Nachricht von Morrell vorgefunden. Ich fühlte mich wie eine Alkoholikerin mit der Flasche in Reichweite, aber ich schloss das Büro ab, ohne meine E-Mails zu checken, und machte mich auf, um siebzig Kilometer ins Land der Reichen und Mächtigen zu reisen.
Wenn ich in Chicago Richtung Westen unterwegs bin, komme ich mir immer vor wie auf Himmelfahrt, zum Kapitalistenhimmel jedenfalls. Zuerst kommt man durch die verqualmten Industriegegenden, durch Arbeiterviertel, wie ich sie aus meiner Kindheit kenne – kleine Häuschen, in denen die Frauen mit vierzig alt aussehen und die Männer sich durch Maloche und schlechtes Essen frühzeitig ins Jenseits befördern. Dann fährt man in die gnadenlosen Vororte am Stadtrand – Cicero, Berwyn, wo es einem immer noch passieren kann, dass man wegen einem Dollar zusammengeschlagen wird. Wenn man diese Orte hinter sich lässt, wird die Luft sauberer, und der Wohlstand mehrt sich. Als ich in New Solway ankam, schlingerte ich quasi auf dicken Polstern aus Wertpapieren dahin.
Ich verließ die Mautstrecke und inspizierte meine Karten. Coverdale Lane war die Hauptstraße, die durch ganz New Solway führte. Sie fing im Nordwesten des Ortes an und führte in einem großen Bogen auf die Dirksen Road im Südosten. Von der Dirksen aus kam man weiter südlich auf die Powell Road zwischen New Solway und Anodyne Park, wo Geraldine Graham wohnte. Ich blieb auf der Hauptachse zum nordwestlichen Teil der Coverdale.
Auf der war ich erst ein paar Meter unterwegs, als mir auffiel, was Darraugh gemeint hatte: In dieser Gegend bekamen sich die Nachbarn nicht zu Gesicht. Pferde grasten auf Koppeln; in Obstgärten hingen einzelne schrumplige Äpfel vom letzten Herbst. Da die Bäume kahl waren, konnte man ab und an von der Straße aus ein Haus entdecken, doch meist sah man nur die langen Auffahrten. Die ärmeren Anwohner hatten vielleicht Ausblicke auf die Zufahrt der Nachbarn, doch die meisten Anwesen befanden sich auf Grundstücken, die sechzig- oder siebzigtausend Quadratmeter umfassten. Und sie waren alt. Hier gab es kein neues Geld. Keine McVillas, die protzige Klötze auf winzige Grundstücke bauten.
Als ich zweieinhalb Kilometer nach Süden gefahren war, machte die Coverdale Lane einen Bogen Richtung Osten. Ich fuhr weiter fast bis zum Ende und entdeckte schließlich an einem steinernen Pfosten ein diskretes Schild, das auf Larchmont Hall verwies.
Ich fuhr daran vorbei bis zur Dirksen Road und hielt mich Richtung Südwesten, um einen Blick auf den Gebäudekomplex zu werfen, in dem Darraughs Mutter lebte. Ich wollte mich davon überzeugen, dass sie das Larchmont-Anwesen tatsächlich sehen konnte. Von unten versperrte eine Hecke den Ausblick auf die Anwesen von New Solway, aber Ms. Graham wohnte im vierten Stock eines kleineren Apartmenthauses, von dem sie durchaus das Grundstück überblicken konnte.
Ich fuhr zur Coverdale Lane zurück und bog dann auf die kurvige Zufahrt zu Larchmont Hall ein. Den Wagen stellte ich so ab, dass ihn jeder, der das Gelände betrat, sofort sehen konnte, und stattete mich mit meiner perfekten Tarnung aus: Schutzhelm und Klemmbrett. Wenn die Leute einen Schutzhelm sehen, glauben sie, man sei vom Bau oder für die Wartung der Klimaanlage zuständig. An Orten wie diesen sind die Leute an Service gewöhnt; sie erkundigen sich nicht nach Ausweisen. Hoffte ich zumindest.
Als ich mir einen ersten Eindruck vom Gelände verschaffte, pfiff ich vor mich hin: Die ursprünglichen Eigentümer hatten nicht geknausert. Außer der Villa befanden sich eine Garage, Stallungen, ein Gewächshaus und ein kleineres Haus auf dem Grundstück, in dem wohl das Personal wohnte – oder gewohnt hätte, wenn sich jemand so einen Lebensstil noch leisten konnte. Die Grundstücksverwaltung schien kein Geld in die Wartung zu stecken, denn in dem Zierteich zwischen Haus und Nebengebäuden trieben Blätter und verrottete Lilien. Sogar ein Karpfen driftete kieloben im Wasser. Die formellen Gärten waren mit Unkraut überwuchert, und die Wiesen waren schon lange nicht mehr gemäht worden.
Die Anzahl der Gebäude und der verwahrloste Zustand des gesamten Anwesens war bedrückend. Selbst wenn man vermögend genug war, sich so ein Anwesen zuzulegen – wie sollte man sich darum kümmern können? Die Vorstellung, jedes dieser Gebäude auf Löcher in Fenstern und Wänden zu untersuchen, war niederschmetternd. Ich richtete mich auf. Wer jammert, braucht doppelt so lang, pflegte meine Mutter zu sagen, wenn ich mit dem Abspülen haderte. Ich beschloss, klein anzufangen, und nahm mir als Erstes das Dienstbotenhaus vor.
Als ich bei allen kleineren Gebäuden an den Fenstern gerüttelt hatte, beim Gewächshaus auf Zaunpfählen balanciert war, um zu checken, ob im Dach Glasscheiben zerbrochen waren, und mich vergewissert hatte, dass die Türen und Tore zu den Stallungen und der Garage nicht nur verschlossen waren, sondern auch keinerlei Einbruchspuren aufwiesen, war es früher Mittag. Ich hatte Hunger und Durst, aber in der ersten Märzwoche wird es noch früh dunkel. Da ich keine Zeit mit der Suche nach Essbarem vergeuden wollte, nahm ich mir zähneknirschend das Hauptgebäude vor.
Es war riesig. Aus der Ferne sah es elegant aus, erinnerte mit seinen schlanken Säulen und eckigen Elementen an der Fassade an die Bauten des Federal Style, aber ich hatte nur Augen für die vier Stockwerke mit Fenstern, Türen auf allen vier Seiten im Erdgeschoss, Flügeltüren an Balkonen in den oberen Geschossen – ein Paradies für Einbrecher.
Doch an allen Fenstern der unteren beiden Stockwerke schien die Alarmanlage intakt. Im Erdgeschoss prüfte ich einige mit einem Strommesser, fand aber nirgendwo eine Stelle, wo der Stromkreis unterbrochen war.
Zweifellos gab es Besucher hier: Bierflaschen, Alufolie von Chipstüten, zerknüllte Zigarettenpackungen und das eine oder andere Kondom erzählten eine deutliche Geschichte. Vielleicht hatte Ms. Graham nur Kids aus der Gegend bemerkt, die sich hier zum Stelldichein trafen.
Ich sinnierte gerade, ob ich eine der Säulen hochkraxeln sollte, um die Balkontüren zu überprüfen, als ein Streifenwagen vorfuhr. Ein Cop mittleren Alters stieg aus und kam gemächlich angeschlendert.
»Haben Sie irgendeinen Grund, sich hier aufzuhalten?«
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