Nach 12 Jahren treuer Verbundenheit zu den Produkten der Firma Palm wurde ein Umstieg leider unausweichlich: Mein Treo hat den Geist aufgegeben und wird nicht mehr hergestellt, die Entwicklung von Palm OS ist eingestellt. Aber wohin wechseln?
Gefragt waren: Hardware-Tastatur, gute Organizer-Funktionen, gute Verfügbarkeit von Fremdsoftware (z.B. für Ebooks, pdf, ...), UMTS-Fähigkeit, WLAN und Bluetooth. Weniger wichtig war die Kamera, irgendwelche Multimedia-Funktionen weitgehend wurscht.
Suspekt sind mir allerdings Anbieter mit zu großem Datenhunger und zu großer Bevormundung des Anwenders, womit Android-Geräte schon mal ausfallen (iPhone disqualifiziert sich zusätzlich wegen fehlender Tatatur). Beim Palm pre kann man mit Zusatztools zumindest das Cloud-Computing aushebeln und seine Daten über den guten alten Palm-Desktop synchronisieren - aber wie lange noch? Außerdem wollte die BT-Funktion nicht mit der Freisprechanlage meines Autos. Nachdem ich mich mit dem Bedienkonzept von Symbian nicht anfreunden konnte, blieb also eigentlich nur noch ein Blackberry, und so wurde es dann der Bold 9700 (bei Amazon gekauft, also ohne Branding).
Erster Eindruck: Die Hardware wirkt sehr hochwertig, das Gerät liegt gut in der Hand, ist schön flach und uneingeschränkt hosentaschentauglich - auf Anhieb sympathisch.
Zubehör: Besteht aus Ladekabel, USB-Kabel und einer Lederhülle (Holster), die das Gerät allerdings nicht vollständig umschließt und ziemlich aufträgt. Durch einen integrierten Magneten wird der BB beim Reinstecken automatisch in den Standby-Modus versetzt, ansonsten finde ich das Ding ziemlich unpraktisch und verwende es nicht. Software-CD und Schnellstart-Faltblätter liegen ebenfalls bei.
Gehäuse: Gut verarbeitet, das Öffnen des Akkufachs fällt allerdings zunächst schwer - nach 2-3mal hat man den Bogen raus. Praktisch ist die gummierte Rückseite im Kunstleder-Look, dadurch rutscht der BB nicht so leicht vom Tisch, Armaturenbrett u.s.w. Die Tasten am Gehäuserand sind für meine Finger nicht ganz optimal positioniert, für die Schnellstart-Tasten muss ich umgreifen.
Das Display ist gestochen scharf und brilliant. OK, es spiegelt etwas, aber trotzdem ist es auch im Freien gut ablesbar. Die Auflösung ist mit 360x480 recht hoch, dadurch sind Schriften und Bedienelemente eher klein geraten. Weitsichtige sollten also noch etwas warten, ein Nachfolger mit größerem Display und Slider-Tastatur (9800 Torch) wird in den USA gerade vorgestellt..
Skeptisch war ich zunächst bezüglich des Mini-Touchpads unter der Tastatur, das man ständig benötigt, da die Blackberrys (mit Ausnahme des Bold) keinen Touchscreen haben. Die Skepsis war allerdings unbegründet, das Teil funktioniert sehr gut und man vermisst den Touchscreen fast nicht - außer beim Surfen, da wäre es wirklich praktischer.
Die vielgelobte Tastatur fand ich anfangs etwas mühsam (die Tasten sind konkav, beim Palm waren sie konvex), aber das ist Gewohnheitssache. Eher unpraktisch ist die Eingabe von deutschen Sonderzeichen (Buchstaben gedrückt halten und dabei übers Touchpad streichen). Dass der Punkt (.) nur über die "Alt"-Taste erreichbar ist, ist ebenfalls unpraktisch. Insgseamt bin ich vielleicht einen Tick langsamer als mit dem Treo.
Die Einrichtung des Geräts lief problemlos: SIM-Karte rein, Mailadresse eingeben, Anweisungen auf dem Bildschirm befolgen, Netzwerkschlüssel fürs heimische WLAN angeben, fertig. Wenn es allerdings um detaillierter Einstellungen geht, wird es doch häufig unübersichtlich, Hilfe und Handbuch helfen nicht immer weiter, z.B. bei der Bedeutung vieler Einstellungen. So intuitiv wie früher bei Palm (eine Stunde Handbuchstudium, dann jahrelang glücklichsein) ist es keinesfalls - aber auch nicht schlechter als z.B. beim neuen pre oder Nokia Symbian (Vergleich zu iPhone oder Android habe ich nicht).
Allerdings benötigt man unbedingt einen Mobilfunkvertrag mit Blackberry-Option, sonst hat man nur ein besseres Handy und kann z.B. den Email-Pushservice nicht nutzen. Hier sind die Angebote der Netzanbieter sehr unterschiedlich und z.T. ziemlich teuer und verwirrend. Auch Servicemitarbeiter erzählen hier oft Unsinn: Ich habe mehrere Falschberatungen per Mail, Telefon und in Shops hinter mir - wenn ich denen geglaubt hätte, hätte ich jetzt einen völlig untauglichen Vertrag. Also selber informieren, bei www.blackberry-forum.de gibt's eigene Diskussionsboards zu den verschiedenen Providern. Aber da besteht noch deutlicher Handlungsbedarf, wenn der Hersteller RIM wirklich verstärkt in den Endkundenmarkt will...
Dieser Handlungsbedarf besteht auch noch anderweitig: Man sollte wissen, dass es für Endkunden von RIM *keinen* direkten persönlichen Support und *keine* Herstellergarantie gibt! Man ist diesbezüglich also auf die Sachmängelhaftung (früher "Gewährleistung") des Händlers bzw. Mobilfunkproviders und gegebenenfalls dessen Service und Kulanz angewiesen. Na gut, bei Amazon habe ich da wenig Bedenken, aber herstellerseitig ist das schon eine schwache Vorstellung!
Am Handyempfang und der Sprachqualität gibt's nichts zu meckern, ich habe weniger Verbindungsabbrüche als mit früheren Handys. E-Mail-Push funktioniert sehr gut, auch bei schlechter Verbindung. Surfen fühlt sich allerdings zäh an, was aber nicht an der Geschwindigkeit des Mobilfunknetzes liegt (über WLAN geht's nicht schneller). Entweder liegt es an der Datenkompression (auch www-Anfragen laufen über die Server von RIM und werden dort komprimiert) oder der eingebaute Browser ist einfach so langsam (vermutlich letzteres, Opera mini ist nämlich schneller).
WLAN-Verbindung klappt ebenfalls gut, bei vorhandener WLAN-Verbindung wird Datenverkehr automatisch über diese abgewickelt statt übers Mobilfunknetz - großer Pluspunkt! Bluetooth läuft mit meiner Auto-Freisprechanlage problemlos (Opel Astra H). Das "Hands-free"-Profil funktioniert, ich kann also die Telefonbucheinträge des Blackberry im Autodisplay sehen und vom Lenkrad aus wählen.
GPS: Funktioniert, allerdings vorzugsweise als "assisted GPS" (wie es in mobilfunk-unversorgten Bereichen aussieht, konnte ich noch nicht testen). Mit "location based services", dem Kartendienst u.s.w. habe ich noch kaum etwas gemacht, kann also nicht darüber berichten.
Die Akkulaufzeit ist übrigens zufriedenstellend, liegt bei mir bei 2-3 Tagen (häufig WLAN, viel Lesen, wenig telefonieren). Von iPhone- und Palm pre-Benutzern hört man schlimmeres. Geladen wird in etwa 2 Stunden über einen etwas fummeligen Mini-USB-Anschluss.
Das wichtigste bei einem Smartphone ist aber natürlich die Software - mal sehen:
Die Kontaktdatenbank wirkt sehr durchdacht und gut bedienbar, mit reichlichen Eingabemöglichkeiten für Kontaktinformationen. Kleine verbesserbare Details gibt es natürlich trotzdem: Ich würde mir z.B. wünschen, dass auch in der Listenansicht der Kontakte gleich die Haupttelefonnummer mit angezeigt wird (praktisch, wenn man nur die Nummer raussucht, um mit einem anderen Telefon anzurufen, z.B. im Firmennetz). Insgesamt finde ich sie aber etwas durchdachter als die des alten Palm-Systems (und die war schon recht gut).
Der Kalender ist sehr schick gemacht und gut zu bedienen. Leider gibt es nur eine Variante der Wochenansicht mit grafischer Darstellung der Termine. Speziell bei geringerer Anzahl von Terminen wäre eine tabellarische Wochenübersicht (wie z.B. bei der Fremdsoftware "Agendus") übersichtlicher. Störender finde ich, dass man bei Nutzung der Wochenansicht nichts von Terminen am Abend sieht, die aufgrund der Tageszeit unterhalb des grafisch dargestellten Bereichs liegen.
Die E-Mail-Anwendung ist einfach bedienbar, die push-Funktion läuft problemlos mit meinem IMAP-Postfach. Allerdings ist die Zusammenarbeit mit IMAP erheblich eingeschränkt: Unterordner einsehen u.s.w. ist nicht möglich, das geht nur mit Synchronisation zu PC-Mailprogrammen (Outlook, Mozilla Thunderbird). Nutzer eines Firmennetzwerks (Blackberry Enterprise Server, BES) sind hier natürlich besser bedient - auch hier zeigt sich mal wieder, wer die bevorzugte Zielgruppe der Firma ist.
Auch ansonsten hat das Programm ein paar Macken: Warum muss ich z.B. zum Ändern der Signatur oder erstellen eines Filters das separate Mailkonfigurations-Tool verwenden und kann das nicht aus der Mailanwendung heraus tun wie bei jeder anderen Mailsoftware auch? Höchst ärgerlich finde ich, dass Mailentwürfe nicht automatisch gespeichert werden, wenn man zwischendurch mal die Anwendung wechselt, um mal eben was nachzuschauen. Beim Rückkehr zum Mailprogramm befindet man sich dann in der Posteingangsansicht und die begonnene Mail ist im Nirvana.
Office-Dokumente: Vorinstalliert ist die Basisversion von "Documents to go" - zu Recht der "Platzhirsch" auf dem Gebiet der mobilen Office-Arbeit: Anzeige und kleinere Bearbeitungen von Word-Dateien gehen übersichtlich und problemlos. Wer erweiterte Funktionen braucht (Umgang mit passwortgeschützten Dokumenten, Anlegen neuer Dateien u.s.w.) benötigt die pro-Version für 25$. Dann bekommt man auch gleich noch einen pdf-Viewer dazu.
Ach ja, pdf-Dateien: Leider ist kein Betrachter vorinstalliert. Per Mail empfangene pdf kann man serverseitig konvertieren und anzeigen lassen, das ist aber eine ziemliche Krücke (kommt z.B.
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