Aller Anfang ist schwer...doch manchmal kann ein kompletter Neuanfang viel, viel schwerer sein. Niemand dürfte dies besser wissen als die legendären Seattle-Veteranen von ALICE IN CHAINS, die Anfang der 90er Jahre einer der wichtigsten Wegbereiter des Grunge waren, und es mit Rock-Meilensteinen wie "Facelift" und "Dirt" (in eingeweihten Fankreisen eines der besten Grunge-Alben überhaupt!) quasi über Nacht zu Weltruhm brachten. Zusammen mit Bands wie SOUNDGARDEN , PEARL JAM , TEMPLE OF THE DOG und natürlich NIRVANA avancierte man urplötzlich zum musikalischen Aushängeschild einer neuen Generation, wenn gleich ALICE IN CHAINS diese hohe Popularität niemals gewollt haben. Das Ende ist natürlich bekannt...infolge persönlicher Zerwürfnisse - wobei vor allem die exzessive Drogensucht des Sängers Laney Staley maßgebend war - zerbricht die Band Ende der 90er Jahre, und schien somit bereits frühzeitig in die "ewigen Jagdgründe" des Rock-Business einzugehen. Im Jahre 2002 geschah das, was im Grunde jeder Fan schon lange erwarten musste, und was das endgültige Ende von ALICE IN CHAINS scheinbar für immer besiegeln sollte. Laney Staley setzte sich eine Überdosis Drogen und wurde erst nach mehreren Tagen tot in seinem Appartement aufgefunden. Die Szene verlor dadurch einen seiner schillerndsten Persönlichkeiten und stimmlich begnadetsten Sänger...ALICE IN CHAINS waren fortan nur noch eine Legende, die auf eine herausragende musikalische Vita zurückblicken konnte. Doch glücklicherweise kam dann alles doch ganz anders.
Im Rahmen eines Reunion-Konzerts rappelten sich Haupt-Songwriter Jerry Cantrell und seine Musikerkollegen nochmals zusammen. Was zunächst losen Projekt-Charakter zu haben schien, entwickelte sich im Laufe der Zeit jedoch wieder zu einer festen Band. Während ALICE IN CHAINS zunächst nur durch vereinzelte Konzerte bzw. Mini-Tourneen beschränkten, entschied sich die Band dann jedoch dazu, eine neue Studio-Scheibe in Angriff zu nehmen, die nun in diesen Tagen - 7 Jahre nach dem Tod von Laney Staley - weltweit in den CD-Regalen steht.
"Hope, a new beginning. Time, time to start living. Like just the way we died. There's no going back to the place we started from." Bereits mit den ersten Worten des superben Openers "All secrets known" wird dem Hörer bereits früh bewusst, wie wichtig Jerry Cantrell die Auseinandersetzung mit den dunklen Kapiteln der Band-Historie ist. Insofern kommt "Black gives way to blue" einem Befreiungsschlag gleich, mit dem die Band den Blick endlich wieder in die Zukunft richten kann. Und auch in musikalischer Hinsicht ist dieses Comeback eindrucksvoll geglückt. Während sich Bands wie z.B. NIRVANA seinerzeit eher vom Hardcore/Punkrock beeinflussen ließen, eilte ALICE IN CHAINS schon immer der Ruf voraus, die BLACK SABBATH des Grunge zu sein. Und auch im Jahre 2009 hat sich diese Maßgabe nicht geändert. Die auf düsteren, tonnenschweren Riffs basierenden Groover "Last of my kind" , "A looking in view" oder "Lesson learned" stehen allesamt in typischer ALICE IN CHAINS-Tradition, wobei man jedoch fairerweise sagen muss, dass die alten Band-Klassiker (speziell der Oberknaller "Dirt") erwartungsgemäß unerreicht bleiben. Darüber hinaus handelt es sich bei diesem knapp einstündigem 11-Tracker um eines der mitreißensten und komplettesten Rock-Scheiben des Jahres, welches komplett ohne Durchhänger daherkommt. Hierbei muss man zunächst mal Neu-Sänger William DuVall erwähnen, der mit seiner Stimme wirklich verdammt nah an Laney Staley herankommt. Teilweise möchte der Hörer tatsächlich glauben, der Geist des Ex-Fronters wäre auf die Erde herabgestiegen und in den Stimmbändern Duvall's wiedergeboren. Natürlich kann man diesbezüglich auch mit dem Argument "mangelnde Originalität" ins Felde ziehen...an der musikalischen Klasse von "Black gives way to blue" ändert dies aber nichts.
Weitere Highlights sind zweifelsohne das ziemlich schräg arrangierte Refrain-Wunder "Check my brain" , das zwischen sanften Melodien und harten Riff-Ausbrücken pendelnde "Acid bubbles" sowie die halbballadesken Ohrwürmer "Your decision" , "When the sun rose again" und "Private hell" (wundervoll!). Und wenn der leider etwas kurze Seelenschmeichler "Black gives way to blue" - auf dem kein geringerer als Sir Elton John am Klavier zu hören ist! - diese Scheibe nach 55 Minuten ausläutet, ist jeder Fan einfach nur erleichtert, dass ALICE IN CHAINS nach Jahren der Abstinenz endlich wieder in die Spur gefunden haben.
Kein Zweifel, so ein derart starkes Comeback konnte die Musikwelt nun wirklich nicht erwarten. Und wenn es heutzutage überhaupt eine Band gibt, die kläglich substanzlosen Post-Grungern wie NICKELBACK , 3 DOORS DOWN oder STAIND die Leviten lesen kann...dann sind es eindeutig ALICE IN CHAINS. 5 Sterne für ein kleines Juwel!!!