Nachdem Ward mit "Lover Unleashed" in meinen Augen leicht schwächelte, habe ich mich umso mehr auf Tohrs Buch gefreut - und wurde nicht enttäuscht.
Davon ausgehend, dass sich die wardschen Liebespärchen ganz gern mal innerhalb kürzester Zeit verlieben und verheiraten, hatte ich mich im Vorfeld ernsthaft gefragt, wie dieses System bei Tohr und No'One funktionieren sollte. Es wäre einfach aus meiner Sicht vollkommen unwahrscheinlich, sollte sich Tohr, der erst vor etwas mehr als einem Jahr seine Shellan Wellsie verlor, so schnell wieder in jemanden verlieben können. Und auch die vom Leben gezeichnete No'One erscheint mir nicht gerade wie eine Frau, die ihr Leben so eben mal innerhalb kürzester Zeit auf den Kopf stellt. Zum Glück lässt es die Autorin jedoch gar nicht erst dazu kommen, diese Geschichte in den knappen Zeitrahmen weniger Tage zu pressen. Ich war sehr positiv überrascht, als ich feststellte, dass "Lover Reborn" insgesamt im Zeitraum eines ganzen Jahres spielt. Das empfinde ich als eine angemessene Zeitspanne, um diese zwei Herzen zueinander finden zu lassen.
Ohne zu spoilern kann ich sagen, dass mich der Spannungsbogen um No'One und Tohr sehr gefesselt hat und ich die Verhaltensweisen beider meist sehr gut nachvollziehen konnte. Gerade für Tohr ist es nicht leicht, sich die Gefühle für eine andere Frau als Wellsie einzugestehen, was Ward sehr glaubhaft dargestellt hat. Tohr hat stark mit sich und seinen Gefühlen zu kämpfen, es dauert lange, bis ihm seine Lage wirklich bewusst wird. Doch auch No'One ist kein seichter, problemloser Charakter. Ursprünglich in das Haus der Bruderschaft gekommen, um sich ihrer Tochter und ihren eigenen Problemen zu stellen, fällt es ihr schwer, ihr Leben in die Hand zu nehmen und einen Schritt nach vorn zu tun. Mit Tohr und No'One präsentiert Ward zwei vielseitige und sympathische Charaktere, deren Geschichte sich gut lesen lässt. Zugegebenermaßen fiel es mir aber anfangs etwas schwer, mit No'One warm zu werden.
Neben ihr und Tohr sind in diesem Band mal wieder allerlei weitere Personen präsent. Besonders positiv anmerken muss ich, dass John und Xhex einen größeren Anteil des Buches einnehmen. Ehrlich gesagt hätte es mich aber auch sehr gewundert, wenn Ward die Beiden in diesem Buch nur am Rande erwähnt hätte, schließlich geht es ja um das Zusammenfinden ihrer (Adoptiv-)Eltern. Es gibt so einige Dinge, die noch nach den bisherigen Bänden sowohl zwischen John und Tohr als auch zwischen Xhex und No'One zu klären sind, was Ward glücklicherweise auch tut. Nachdem Ward den Konflikt zwischen Payne, Vishous und der Jungfrau der Schrift ja unerklärlicherweise fast komplett in "Lover Unleashed" ignoriert hat, hatte ich beinahe schon mit einer weiteren Aktion dieser Art gerechnet. Doch nicht nur die Beziehungen zu ihren Eltern haben John und Xhex in diesem Band zu klären, auch untereinander tun sich die ersten ehelichen Schwierigkeiten auf. Mehr soll hier nicht verraten werden.
Einen weiteren großen Anteil in "Lover Reborn" nimmt Lassiter ein, der versucht, Tohr so gut wie möglich mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, um endlich seinen Auftrag zu erfüllen. Ich bin gespannt, wie es mit ihm weitergeht, Ward hat ja bereits angekündigt, dass auch er irgendwann sein eigenes Buch bekommen soll.
Und nun zur Band of Bastards, deren Präsenz im Gegensatz zum Vorgängerband angestiegen ist. Da wird wohl auch in den nächsten Bänden noch so einiges kommen, mit Sicherheit handelt es sich bei diesen Freunden nämlich mal nicht um solch handzahme Gegner wie die Lesser, bei denen sich wohl in nächster Zeit erst mal nicht mehr viel tun wird. Die B. o. B. bringt wirklich wieder Spannung in die Sache und gibt den Brüdern ernsthaft was zu tun. Aber egal wie ich das Blatt auch drehe und wende, mit Xcor werde ich nicht warm. Da kann Ward ihn auch noch so bemitleidenswert darstellen im Sinne von "Ich bin zwar ein ganz harter Bursche, aber da mich keine Frau will, ist alles blöd", trotzdem sehe ich noch nicht, dass sich an meiner Meinung über ihn noch viel ändern wird. Aber man weiß ja nie... So wie es ausschaut, wird er wohl demnächst auch zum Protagonisten eines der Folgebände werden.
Viel interessanter als der Handlungsstrang um die B. o. B. ist für mich definitiv die Beziehung zwischen Qhuinn und Blay. Ich finde es toll, wie Ward die Geschichte der Beiden quasi durch die letzten Bände hindurch gesponnen hat und man als Leser die Entwicklung der Zwei miterleben kann. Sie sind mittlerweile durch so viele Höhen und Tiefen zusammen gegangen und auch in "Lover Reborn" geht es für beide turbulent weiter. Insbesondere Qhuinns innerer Konflikt ist so emotional und glaubhaft von Ward ausgearbeitet worden, dass seine und Blays Szenen in diesem Band für mich zu den absoluten Highlights zählen. Ich kann es kaum erwarten, dass die Geschichte der Beiden in einem eigenen Band weitererzählt wird, laut Ward sind Qhuinn und Blay ja als Nächste dran. Hoffentlich in Form eines kompletten Buches und nicht nur einer Novelle, das haben sie zumindest aus meiner Sicht unabstreitbar verdient.
Von den anderen Pärchen ist in Band 10 mal wieder mit kurzen Ausnahmen nicht allzu viel zu erfahren, aber das ist denke ich schon so in Ordnung. Über Wrath, Beth, Mary und Rhage wird schließlich demnächst mal wieder mehr in den von Ward angekündigten Novellen zu lesen sein. Ich würde mich aber auch freuen, wenn daraus vielleicht noch einige Novellen mehr entstehen würden, insbesondere um Phury und Cormia war es ja in letzter Zeit ziemlich still. Mal sehen, was sich Ward da noch einfallen lässt.
Insgesamt hat Ward mit "Lover Reborn" ein sehr schönes Buch vorgelegt und zum Glück ihre Ausdrucksweise im Gegensatz zum letzten Band wieder etwas zurückgeschraubt. Ich finde ihren Schreibstil ausgezeichnet und die vielen Schimpfwörter, die sie den Protagonisten nun mal in den Mund legt, stören mich nicht im Geringsten. So ist eben der Umgangston insbesondere zwischen den männlichen Charakteren, zuviel "Bitte" und "Danke" wäre einfach unglaubwürdig. Was mich jedoch bei "Lover Unleashed" massiv gestört hat, waren die von Ward benutzen Floskeln. Mir schien es häufig so, als wollte die Autorin jetzt noch eine neu erfundene Metapher mehr in den Absatz quetschen, nur um zu demonstrieren, auf welch vielfältige Weise sie mit der englischen Sprache umgehen kann. Zu ihrer Verteidigung muss ich jedoch sagen, dass sie diese Sprachspielchen bei den eher traditionelleren Charakteren wie Xcor, Throe oder Layla unterlässt und den Grad an für mich teilweise eher nervigen Wortgruppen-Neuschöpfungen in "Lover Reborn" um Einiges reduziert hat. Deshalb und weil Ward für mich mit diesem Buch in dieser Reihe mal wieder trotz der umfangreicheren Präsenz Xcors einen kleinen Höhepunkt geschaffen hat, 5 Sterne.