Nach Mick Taylors Kündigung nutzten die Rolling Stones die Aufnahmen zu diesem (fast ausschließlich in München aufgenommenen) Album Ende '74 bis Frühling '75 als Vorspieltermine u.a. für die Ersatzkandidaten Ron Wood, Wayne Perkins und Harvey Mandel, der durch Alben wie Canned Heats "Future Blues" und John Mayalls "Back to the Roots" in mein Gesichtsfeld rückte. Nachdem Rod Stewart die Faces verlassen hatte, war auch Ron Wood frei, um auf dem Cover von "Black and Blue" gleich als Bandneuzugang vorgestellt zu werden. Keith hat später gescherzt, diese Entscheidung habe mit Rons britischer Staatsangehörigkeit zu tun gehabt, und er mag als Persönlichkeit gut zu den Stones und vom Stil her gut zu Keith passen; die Musikalität und elegante Virtuosität eines Mick Taylor konnte er nicht ersetzen.
Hot Stuff und Hey Negrita (basierend auf einem Riff von Ron Wood) fallen in die Kategorie "Ich hab' nicht viel Geld, Mädel, aber lass die Hüften kreisen und tanz für mich!" Zum Tanzen gut, für viel mehr nicht - aber toll!
Vorläufiger Tiefpunkt nicht nur auf diesem Album, sondern in der ganzen Karriere der Stones ist für mich der kinderliedartige, flügellahme Reggae Cherry oh Baby, der dem ohnehin schon nicht aufregenden Original nichts Neues abringt, einer der wenigen Songs überhaupt, die ich bisweilen überspringe; da haben die Stones mit Ain't too proud to beg oder (Just my) Imagination in den 70ern weitaus überzeugender gecovert.
Das sacharinsüße Fool to cry - ausgerechnet die Singleauskopplung!- sollte wohl in die Erfolgskerbe von Angie hauen; Macho Mick kann aber als im Falsett singender Softie, der sich beim Weinen nach einer laaangen, harten Nacht im Büro von seiner Tochter auf dem Schoß trösten läßt, nicht wirklich überzeugen. Der Legende nach soll Keith bei dem Song auf der Bühne regelmäßig eingeschlafen sein; eine gesunde Reaktion.
Viel überzeugender ist für mich Melody Motel, der Höhepunkt auf dem Album, in dem Jagger von der Liebe unterwegs singt, und wie immer in seinen besten Songs scheint die Protagonistin nicht ganz frei erfunden zu sein.
In Melody und Crazy Mama ist Jagger der Jäger, in Hand of Fate der Outlaw auf der Flucht (wie Dylan in Romance in Durango auf "Desire"); die kontrollierte Stimmung läßt den Song nie ganz abheben, aber auch nicht langweilig werden. Crazy Mama ist ziemlich viel heiße Luft, das Duett mit Billy Preston im angejazzten Melody groovt launig.
Crazy Mama (halbe Minute), Fool to cry (ganze Minute) und Hot Stuff (zwei Minuten) erschienen über die Jahre (auf "Sucking in the 70s", "Jump back" oder "Forty Licks") als leicht bis stark gestraffte Edits, was vor allem Hot Stuff gut getan hat, das dadurch kompakter wurde. Anders als auf LP und den beiden CDs von '86 bzw. '95 erreicht Hot Stuff auf dem Remaster von 2009 erst nach drei Minuten das Lautstärkeniveau des Restalbums.
Als Stones-Platte mit der kleinsten Songanzahl (8) kam "Black and Blue" dank längerer Songs doch auf normale LP-Länge; trotz der genannten Mängel strahlt sie eine luftige Sorglosigkeit und Unbekümmertheit aus, die mich die Platte immer wieder gern auflegen läßt, besonders wenn mir sommerlich ist.