Warum sollte man sich ein 18stündiges Hörbuch über das Melken und Schlachten von Kühen in der Schweiz antun und wen, außer Landwirten und Metzgern, sollte das interessieren? Was steckt dahinter und warum wurde Blösch für den Deutschen Hörbuchpreis in der Kategorie "Beste Verlegerische Leistung" nominiert?
Der 1983 erschienene Roman Blösch vom Schweizer Autor Beat Sterchi begeisterte mit seiner Eigentümlichkeit. 2010 wurde das Werk als Hörbuch umgesetzt. Die aufwendige Produktion Raphael Zehnders, der sein Studio auf die Kuhweide verlegte, ist nur ein Grund von vielen, sich Blösch vorzunehmen. Das Hörbuch verliert im Vergleich zum mehrfach ausgezeichneten Roman nicht an Originalität, die akustische Aufarbeitung schafft sogar eine noch höhere Authentizität. Die Geschichte ist glaubwürdig und regt zum Nachdenken an.
Ambrosio, ein spanischer Gastarbeiter, ist die Hauptfigur Blöschs. Er melkt auf dem idyllischen Knuchelhof in der Schweiz. Blösch ist die prächtige Leitkuh. Doch als der Hof Bankrott geht, muss Ambrosio im Schlachthof in der Stadt anfangen. Dort lernt er, am Fließband Tiere zu töten und zu zerlegen. Nach sieben Jahren abstumpfender Arbeit entdeckt Ambrosio die heruntergekommene Blösch unter den Schlachttieren. Die Schlachter erschrecken, als sie die Kuh sehen und der Hörer kann sich auf ein dramatisches Ende gefasst machen.
"Blösch" bedeutet ungeschecktes Kalb. Schweizerisches Vokabular wie gumpen (springen) und Hegel (Messer) wird im schön gestalteten Booklet des Hörbuchs erläutert. Eine ungewöhnliche Stimmung schafft auch die traditionelle, heimatliche Musik der Basler Gruppe SULP, Swiss Urban Ländler Passion. Mit Alphorn, Akkordeon und Gesang versetzen sie den Hörer direkt in die Schweiz. Durch die Aufnahmen an Original-Schauplätzen, wie Weide, Schlachthof und Stall und die echten Hintergrundgeräusche entsteht eine einzigartige, schweizerisch anmutende Atmosphäre. Zu dieser Stimmung trägt auch Sebastian Mattmüller bei.
Ob der Sprecher Mattmüller neben den Kühen auf der grünen Weide steht oder in den bedrückenden Hallen des Schlachthofs liest, hört man ihm an. Der hauptberufliche Sänger fühlt sich hervorragend in das Geschehen ein. Seine ausgebildete Stimme führt den Hörer ruhig und angenehm durch die Geschichte. Mit seiner unaufdringlichen, natürlichen Betonung und doch lebendigen Darstellung begleitet er den Hörer 18 bewegende Stunden lang. Das Hörbuch wurde in zwei DVDs aufgeteilt. Dass die Tracks je circa 20 Minuten lang sind, fördert das Hörvergnügen, denn der Ein- und Ausstieg wird erleichtert.
Achtung: Nicht jeder möchte wissen, wie das Fleisch auf seinen Teller kommt. Detailliert beschriebene Kuhgeburten oder blutig umschriebene Schlachtszenen muss der Hörer aushalten können. Wer sich das zutraut, kommt in den Genuss einer authentischen, einzigartigen Geschichte, die ihn von der ersten bis zur letzten Minute des Hörspiels nicht mehr loslässt.