Björk

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bjork

for all the charlenes and isobels in the house, here is the björk b-side 'charlene' from the 'isobel' single. http://t.co/PztNtgpb8q


Biografie

„Biophilia“, das siebte und konzeptionell anspruchsvollste Studioalbum von Björk, ist ein komplexes multimediales Werk, das aus zehn neuen Songs und zehn damit korrespondierenden iPod/iPad-Apps besteht. Bereits die Songtitel klingen eher wie Bildunterschriften in einem Lehrbuch: „Moon“, „Thunderbolt“, „Virus“ – oder auch der Titel der ersten Single, „Crystalline“. Dabei steht jeder einzelne Track in einer ganz besonderen Beziehung zu Björk, zu ihrer Weltsicht, der Art und Weise, wie sie die Natur und die Strukturen von Musik liest, begreift und unter einen Hut bringt. Der Albumtitel, der auf ... Lesen Sie mehr

„Biophilia“, das siebte und konzeptionell anspruchsvollste Studioalbum von Björk, ist ein komplexes multimediales Werk, das aus zehn neuen Songs und zehn damit korrespondierenden iPod/iPad-Apps besteht. Bereits die Songtitel klingen eher wie Bildunterschriften in einem Lehrbuch: „Moon“, „Thunderbolt“, „Virus“ – oder auch der Titel der ersten Single, „Crystalline“. Dabei steht jeder einzelne Track in einer ganz besonderen Beziehung zu Björk, zu ihrer Weltsicht, der Art und Weise, wie sie die Natur und die Strukturen von Musik liest, begreift und unter einen Hut bringt. Der Albumtitel, der auf ihre Lektüre von Oliver Sachs’ „Musicophilia“ vor rund zwei Jahren zurückgeht, lässt derartig persönliche Verbindungen erahnen: „Ich fand das Buch großartig“, berichtet Björk, „doch weil mein Englisch nicht so besonders ist, sagte ich mir: ‘Oh, wow, [„Biophilia“] könnte der Titel für mein neues Projekt sein’, wobei ich bei ‘Bio-’ eigentlich nur an ‘die Natur’ gedacht hatte. Erst später wurde mir dann erklärt, dass der Titel in dieser Form eher für ‘die Liebe zum Leben’ ganz allgemein steht. Ich hatte damit eigentlich an Konzepte wie ‘naturähnlich’ oder ‘Verwandlung zu etwas Natürlichem’ gedacht. Na ja, mein schlechtes Englisch hat jedenfalls dafür gesorgt, dass ich dachte, dieses Wort habe etwas mit einem Gefühl in Richtung Natur zu tun – ‘Bio-Feeling-Up’ statt ‘Biophilia’.“

Basierend auf der Idee eines vollkommen unvermittelten Erlebens der Natur, suggeriert der Titel „Biophilia“ einen Bereich, in dem harte, wissenschaftliche Fakten und Emotionen miteinander verschmelzen. „[Der Song] „DNA“ basiert auf strukturierten Rhythmen, doch mir war dabei wichtig, dass es zugleich um die Gefühlswelt geht“, so Björk. „Mir lag also genauso viel daran, den Wissenschaftsfreaks das Gegenteil zu beweisen und beide Bereiche, das Wissenschaftliche und das Gefühlte, miteinander zu vereinen. Letztlich habe ich versucht, mit jedem Song so unterschiedliche Emotionen wie möglich auszudrücken. „Moon“ beispielsweise ist sehr melancholisch: der Song handelt von Wiedergeburt und von Mondzyklen, doch zugleich geht es dabei um Fakten, um die mathematischen Tatsachen, die sich vom Phänomen des Vollmonds ableiten lassen.“ Sie habe versucht, „Biophilia“ insgesamt so zu gestalten, dass in den Stücken „Wissenschaftliches, Naturphänomene und musikwissenschaftliche Erkenntnisse nahtlos miteinander verwoben sind.“ Weiterhin meint Björk, dass „sich heutzutage scheinbar so vieles darum dreht, wo wir noch – physisch betrachtet - involviert sind und wo nicht. Ich persönlich finde es absolut spannend, die neuesten Techniken zu nutzen und den virtuellen Aspekt so weit wie möglich auszureizen, ihn einzusetzen, um musikwissenschaftliche oder auch Elemente aus der Natur zu beschreiben oder zu kontrollieren, und das dann mit einer Klangquelle zu kombinieren, die analoger und akustischer nicht sein könnte – wie ein Gamelan oder eine Pfeifenorgel. Dadurch hast du dann beide Extreme: das extrem Virtuelle trifft auf das extrem Körperlich-Greifbare. Und so verlagerst du auch die Grenzen des Körperlichen.“

Auch wenn es vielleicht nicht so klingen mag, ist Björks wissenschaftlich-musikalisches Projekt sowohl inhaltlich als auch klanglich sehr verspielt – und somit sehr viel mehr als stumpfe Analyse oder trockenes Experiment. „Bei [dem Stück] „Virus“ schwingt zum Beispiel eine ganz besondere Art von Humor mit. Ich habe ganz bewusst so einen süßlichen, unbeschwerten Popsong über eine Liebesbeziehung zu einem Virus geschrieben; es ist also keine Femme fatale, sondern ein attraktiver Virus fatale, wenn man so will. Das ist daher schon so eine Art Liebeslied. Dabei besteht der Song schon größtenteils aus virtuell generierten Parts. Die Gamelan-Celesta-Instrumentenkreuzung übernimmt dann die Rolle des Virus, und dieses Virus tritt auf und gewinnt die Oberhand.“

Angefangen mit dem Zusammenspiel von Sologesang und Chor bei dem Song „Moon“, untermalt von einer Harfe, über den explosiven Dance-Höhepunkt von „Mutual Core“ bis hin zum ruhigen „Solstice“, das den Longplayer mit den optimistischen Worten „it got dark/it’s getting light again“ ausklingen lässt, ist „Biophilia“ insgesamt eine minimalistischere und sehr viel intimere Platte, die mit deutlich weniger Gästen als gewöhnlich auskommt: Der spanische Loop-Schmied Pablo Díaz-Reixa (El Guincho) hat den Beat für „Virus“ sowie Beats und Bässe für „Moon“ beigesteuert. Das Londoner Produktionsduo 16bit war für die Beats von „Crystalline“ und „Mutual Core“ verantwortlich (wobei letzterer Track zusammen mit Björks Dauergast Matthew Herbert aufgenommen wurde, der auch an den Aufnahmen zu „Hollow“ beteiligt war). Die Jazz/Rock/Experimental-Musikerin Zeena Parkins aus der New Yorker Downtown-Szene spielt die Harfe auf „Moon“ und das Pendelinstrument auf „Solstice“. Anders gesagt: Björk war zwar nicht allein im Studio, aber sie hat sich, verglichen mit „Volta“ beispielsweise, deutlich zurückgehalten, was die Produktion angeht. Stattdessen konzentriert sie sich dieses Mal noch mehr auf ihre Stimme, die ganz klar und ungefiltert zu hören ist, getragen von makellos-minimalistischen Arrangements aus Orgelklängen, Bläsern sowie diversen eigens für diese Aufnahmen gebauten Instrumenten – so zum Beispiel eine digitale Pfeifenorgel, ein Hybrid aus Gamelan und einer Celesta (eine „Gamelesta“), ein Teslaspulen-Bass und ein Monstrum von Instrument, das zwischenzeitlich aus achtunddreißig 9-Meter-Aluminium-Pendeln bestand (die dazu eingesetzt wurden, die Gravitationskraft des Planeten so zu nutzen, dass daraus klangliche Muster entstehen). Letztere Idee modifizierte Björk jedoch, als sich der Plan als zu mühselig entpuppte, immerhin hatte die ursprüngliche Idee gelautet, die Arbeit möglichst offen und simpel zu gestalten. „Es war das exakte Gegenteil von Spinal Tap“, so die Sängerin. „Letztlich haben wir es dann mit vier Pendeln gemacht, wobei jedes einzelne mehrere Töne hervorbringen kann. Man kann sie ganz einfach an die Decke hängen oder an einen Ast oder so. Sie sind zwei Meter lang, aus Holz und sehen überhaupt eher so wie gute Freunde aus.“ So klingt das Resultat dann auch persönlicher, es ist eine leise Performance, elektronische Klänge am Lagerfeuer, und das selbst dann, wenn ein 24-köpfiger Frauenchor aus Island auf einigen Stücken aushilft.

Einen entscheidenden Faktor, um das Konzept der LP in die Tat umzusetzen und die Resultate dabei schön übersichtlich und geräumig zu halten, spielte der Computer- und Musiksoftware-Programmierer Damian Taylor. Die Arbeit mit ihm begann schon im Jahr 2008, gleich im Anschluss an die „Volta“-Tournee im vorherigen Jahr. „Die Art und Weise, wie wir mit Damian programmiert haben, hat es mir erlaubt, Algorithmen und wiederkehrende Muster und Formen, wie sie in der Natur vorkommen, gleich in die Songs einfließen zu lassen. Damit war ein Großteil der Arbeit auch schon getan.“ Dieses Projekt, das Björk selbst als eine Rückkehr „zu den Idealen der Punk- und DIY-Phase“ bezeichnet, entstand letztlich nur, weil sie die Arbeit mit Touchscreens während der „Volta“-Tour so sehr fasziniert hatte. „Ich wollte damit nicht nur auf der Bühne eine Show abziehen und abgefahrene Sounds kreieren“, sagt sie, „nein, ich wollte noch viel weiter gehen und ganz neue Musik mit dieser Technologie erschaffen. Das Potenzial, das in diesen Touchscreens schlummerte, erkannte ich sofort: Mit einem Mal wollte ich unbedingt die frustrierte Musiklehrerin sein und semi-lehrreiche Dinge damit anstellen und einen Song über zehn verschiedene Elemente schreiben, die in der Natur vorkommen. Man kann sich anschauen, wie Kristalle wachsen – und das kann ein Song sein. Genauso kann es ein Song sein, wenn der Mond abnimmt und aus dem Vollmond wieder der Neumond wird.“ Weiterhin sagt sie, dass „die Leute aus der Rockwelt schon immer beklagt haben, dass elektronische Musik angeblich keine Seele habe, doch inzwischen hat elektronische Musik nicht nur eine Seele, sie kann heutzutage jede erdenkliche Form der Welt annehmen. Früher hat man das immer mit House-Musik verglichen, mit simplen Bausteinen, wie Lego-Steine, doch heute können wir noch viel, viel mehr machen und Dinge wie den Zug der Schwalben programmieren, und daraus kann dann der Gesangspart werden, den ein Chor übernimmt. Es gibt weitaus mehr solcher Muster und Strukturen, als man denkt.“

Nachdem die Finanzkrise im besonders hart getroffenen Island dazu geführt hatte, dass mit einem Mal zahlreiche Gebäude in Reykjavik leer standen, hatte sich Björk ihr neues Album anfangs noch als Projekt vorgestellt, bei dem eine Art „Music House“ im Mittelpunkt stehen sollte: „Ich dachte mir, dass ich vielleicht ein solches ‘Music House’ auf die Beine stellen sollte, um diese ganzen leer stehenden Gebäude zu nutzen“, berichtet sie. „Jeder Song hätte dann ein Zimmer in diesem Haus sein können: Hier der Kristallsaal, und hier der Blitzraum und gleich nebenan der Raum, in dem der Mond seine Wassertropfen abgibt... und das Treppenhaus hätte man wie kleine Noten gestalten können, wie Tonleitern, die alles miteinander verbinden. Ich hätte einfach nur ein Tauschgeschäft anbieten müssen: Wir schaffen in dem jeweiligen Haus eine Art Museum, und wenn alles im Kasten ist, können sie alles behalten, was wir da aufgebaut haben.“

Letzten Endes war ihr jedoch wichtiger, dass die multimedialen Aspekte zur Geltung kommen, und so ließ Björk eine App-Suite zu den Tracks von „Biophilia“ kreieren: Die 10 Apps zu den Songs vereinen sowohl natur- als auch musikwissenschaftliche Aspekte, die sich in der Technologie der App perfekt ergänzen (gemeinsam mit den Songs selbst und den Songtexten). Die App zum Track „Dark Matter“ ist beispielsweise eine Art Lernspiel, das einem dabei hilft, die Tonleitern zu begreifen. „Mutual Core“ zeigt zwei Hemisphären, zwischen denen sich neue Gesteinsschichten ausbilden. Der User muss nun probieren, sie aneinander anzupassen, und diese Versuche bringen immer neue Akkordfolgen und Klangwelten hervor. (In einem Wort: Hier werden also die tektonischen Platten mit Akkorden gleichgesetzt.) Im Fall von „Crystalline“ begibt sich der User in unterschiedliche Tunnel, von denen jeder einen anderen Abschnitt des Songs darstellt. So bahnt sich der Hörer seinen Weg durch den Track wie durch ein Labyrinth, erschafft automatisch eine neue Version, während er seine Suche nach dem Refrain fortsetzt, um schließlich aus den Tunneln hinaus und geradewegs in eine Nebelwand zu rasen. (In diesem Fall werden Form und Aufbau von Kristallen mit strukturellen und räumlichen Eigenheiten der Musik gegenübergestellt.) In der kompletten App-Suite findet man weiterhin Essays von Nikki Dibben, einen virtuellen Rundgang und eine Einführung vom isländischen Autor Sjón Sigurdsson; als Erzähler führt David Attenborough (u.a. Sprecher Natur-und Tier-Dokumentarsendungen der BBC) durch das Programm. (Nur zur Erinnerung: Als erster Vorgeschmack auf „Biophilia“ erschien „Solar System“ als Teil eines wissenschaftlichen eBooks fürs iPad, geschrieben von Marcus Chown). Die Apps wurden von einem internationalen Team von Programmierern kreiert: Passend zu den DIY-Wurzeln des ganzen Projekts arbeiteten auch sie, die sich ja sonst eher als Konkurrenz betrachten, letztlich Hand in Hand und unentgeltlich noch dazu – und auch spätere Gewinne werden sie fair unter sich aufteilen. „Ich dachte nur: ‘Yes, das ist wieder wie damals in der Punk-Ära’“, meint die immer noch begeisterte Björk.

Ihr Plan ist es weiterhin, Kindern zu vermitteln, wie man „Biophilia“ benutzen und damit etwas Neues kreieren kann – wobei sie auch musikwissenschaftliche Themen ansprechen und vermitteln will. Sie wird Wissenschaftler und Musiker zusammenbringen und eine Reihe von Intensivkursen an unterschiedlichen Orten anbieten, als Gegenentwurf zu der Art von Musikunterricht, wie sie ihn zwischen dem 5. und dem 15. Lebensjahr über sich ergehen lassen musste. „Als ich dann 15 war, habe ich nur noch rebelliert und wurde zur Punkerin“, lacht sie rückblickend. „[Als kleines Mädchen] fand ich es echt schräg, dass sich die Lehrer im Musikunterricht immer wie Fließbandarbeiter angestellt haben – als ob es nur darum gehen würde, neue Nachwuchsmusiker für diese ganzen Symphonieorchester zu züchten. Frei nach dem Motto: Wenn du richtig gut bist und 10 Jahre lang jeden Tag deine Geige ein paar Stunden in der Hand hattest, dann kann es schon sein, dass du irgendwann in den Eliteclub aufgenommen wirst. Ich jedoch hatte ein ganz anderes Musikverständnis: Mir ging es um Freiheit, um den Ausdruck meiner selbst, um Individualität, Impulsivität und Spontaneität. Das war für mich also nichts Apollinisches, sondern etwas Wildes, Dionysisches. Und gerade für die Kids sollte das immer so sein. Kinder malen die wahren Meisterwerke, es gibt keine besseren Maler als Kinder. Und auch als Musiker stecken sie alle anderen in die Tasche: Sie könnten die besten Songs schreiben, wenn sie nur die geeigneten Mittel dazu hätten.

Es ist wichtig, dass man in diesem Alter ein Fundament schafft – man kann ja dann hinterher immer noch 500 Stunden pro Woche mit der Geige verbringen, wenn man darauf Lust hat. Mir ist nur wichtig, dass man ganz früh auch andere Optionen und Wege aufgezeigt bekommt.“

Los ging es mit einer einwöchigen Unterrichtsreihe während ihrer „Residency“ beim Manchester International Festival im Juni 2011: „Wir bringen den Kindern zwei Songs pro Tag bei. Wir arbeiten da mit Leuten von der BBC, mit David Attenborough und Leuten von naturwissenschaftlichen Museen. In der ersten Tageshälfte bekommen sie Kristalle in die Hand gedrückt – richtig zum Anfassen und Spielen, und dann können sie die App benutzen und der Musiklehrer erzählt ihnen etwas über den Aufbau von Musikstücken; hinterher können sie dann ihren eigenen kleinen Song schreiben und ihn auf einem USB-Stick mit nach Hause nehmen. Nach dem Mittagessen kommt dann ein weiterer Song an die Reihe – der über Blitze – wodurch dann Themen wie Elektrizität und Energie auf der Tagesordnung stehen. In dem konkreten Fall basiert der Song auf Arpeggien, weshalb der Lehrer auch dieses Thema – gebrochene Akkorde – behandelt. Dazu haben die Kinder alle iPads zum Herumexperimentieren. Jeder Song ist eine App, und sie sind direkt mit einer Pfeifenorgel oder einem Gamelan/Celesta oder einem Pendel-Instrument oder irgendetwas wie einer Harfe verknüpft; so habe ich insgesamt also versucht, die spannendsten Entwicklungen auf dem digitalen Sektor, die allerneuesten Techniken, die es einem erlauben, eher spontan mit der rechten Gehirnhälfte zu arbeiten und die auch für Kids geeignet sind, mit den grandiosesten Akustikinstrumenten, die sich die Menschheit erdacht hat, zu kombinieren.“ Was die drei Wochen in Manchester betrifft, bezeichnet sie die Residency beim Festival als Prototyp, als Anfang, um die Dinge langsam ins Rollen zu bringen. „Bei uns kommen auch Leute aus anderen Städten dazu, in die wir dann hoffentlich auch noch Abstecher machen werden. Ich hoffe, dass wir diesen erzieherischen Aspekt noch mehr ins Zentrum rücken können.“ Anstelle einer traditionellen Tour würde sie gerne in zwei bis drei Städten pro Jahr aufschlagen, um derartige Workshops zu veranstalten. „Zwischen den einzelnen Stationen brauche ich dann immer ein paar Monate Zeit“, erläutert sie. „Und dann werde ich das Programm in jeder Stadt genau auf das Gebäude zuschneiden, das wir dort bekommen. Es sollen Orte sein, an denen man schon mal für einen ganzen Monat sein Lager aufschlagen kann. Insofern kommen auch klassische Konzerthallen nicht in Frage, denn die sind ja nun mal nicht dafür ausgelegt. Stattdessen versuchen wir in wissenschaftliche Einrichtungen und Museen zu kommen. Wir sagen denen, dass wir den Kindern immer dann, wenn wir zwischendurch Zeit haben, kostenlosen Unterricht geben, wenn sie nur den Ort zur Verfügung stellen, und auch sonst ihren Teil dazu beisteuern können: So à la ‘Besorgt ihr mal die Kristalle, die Viren, die DNS-Stränge, die Blitze...’, ein einziges großes Gemeinschaftsprojekt soll es werden. So wird es, glaube ich, am besten gelingen.“

Im Scherz fügt Björk hinzu, dass „Biophilia“ „so sehr auf Multitasking ausgerichtet ist wie noch keines“ ihrer Projekte – im Grunde genommen sei es eine Art vertonte Aufmerksamkeitsdefizitstörung. Daher würde sie den Longplayer auch gar nicht mal als „fertig“ bezeichnen. „Ich habe da so eine Ahnung, dass da noch mehr kommt als diese zehn Songs“, meint die Sängerin. „Vielleicht mache ich daraus auch ein Doppelalbum, oder ich arbeite mit demselben Aufbau weiter und veröffentlichte alle drei Monate – oder wann immer mir der Sinn danach steht – einen neuen Song. Die Apps, zusammen mit dem Überthema: Natur trifft auf Musik – da könnte man doch locker 5000 Songs aufnehmen!“

Mal abgesehen von den Apps, den Workshops, dem ganzen konzeptionellen Überbau, kann man „Biophilia“ auch einfach als das genießen, was es ist: ein Album. Das siebte Studioalbum von Björk. „Ich hab mir nämlich auch zum Ziel gesetzt, dass jemand, der diese Platte in zehn Jahren hört, sie vielleicht in einem Secondhand-Laden kauft, keinen wirklichen Bruch im Vergleich mit meinen anderen Alben erkennen soll. Sie sollte also unbedingt auch ohne die Apps funktionieren. Für mich ist das hier in erster Linie ein Björk-Album: nicht einfach irgendwelche konzeptionell generierten Sounds, keine verwässerten Ambient-Sachen oder so. Ich glaube, das Album funktioniert schon eher wie ein Witz, den ich da mit mir selbst am Laufen habe; ich finde es nun mal spannend, Dinge anzugehen, die ich eigentlich nie machen und sogar als Tabu einstufen würde: Als ich beispielsweise „Medúlla“ aufgenommen habe, war genau das ein absolutes Tabu für mich – A-capella-Musik, das größte Verbrechen überhaupt, versuchen wir es doch mal damit! Und für „Volta“ dann: Nichts fand ich schlimmer als politische, feministische Songs! Und dann habe ich genau das probiert und mich mit dem Schlachtruf ‘Declare Independence’ für Unabhängigkeit eingesetzt. Dieses Mal nehme ich es nun mit generativer Musik auf, die komplett nach Pastellfarben klingt und durchaus etwas Oberflächliches hat. Dabei bin ich es, die diese Musik macht, und so funktioniert das alles tatsächlich wie ein Scherz, den ich mir mit mir selbst erlaube, klingt das einleuchtend? Für mich klingt das nach einer vorprogrammierten Katastrophe, wenn man einen Song mit einer App machen will. Und genau diese Herausforderung finde ich spannend!“

Diese Biografie wurde von den Künstlern oder deren Vertretern bereitgestellt.

„Biophilia“, das siebte und konzeptionell anspruchsvollste Studioalbum von Björk, ist ein komplexes multimediales Werk, das aus zehn neuen Songs und zehn damit korrespondierenden iPod/iPad-Apps besteht. Bereits die Songtitel klingen eher wie Bildunterschriften in einem Lehrbuch: „Moon“, „Thunderbolt“, „Virus“ – oder auch der Titel der ersten Single, „Crystalline“. Dabei steht jeder einzelne Track in einer ganz besonderen Beziehung zu Björk, zu ihrer Weltsicht, der Art und Weise, wie sie die Natur und die Strukturen von Musik liest, begreift und unter einen Hut bringt. Der Albumtitel, der auf ihre Lektüre von Oliver Sachs’ „Musicophilia“ vor rund zwei Jahren zurückgeht, lässt derartig persönliche Verbindungen erahnen: „Ich fand das Buch großartig“, berichtet Björk, „doch weil mein Englisch nicht so besonders ist, sagte ich mir: ‘Oh, wow, [„Biophilia“] könnte der Titel für mein neues Projekt sein’, wobei ich bei ‘Bio-’ eigentlich nur an ‘die Natur’ gedacht hatte. Erst später wurde mir dann erklärt, dass der Titel in dieser Form eher für ‘die Liebe zum Leben’ ganz allgemein steht. Ich hatte damit eigentlich an Konzepte wie ‘naturähnlich’ oder ‘Verwandlung zu etwas Natürlichem’ gedacht. Na ja, mein schlechtes Englisch hat jedenfalls dafür gesorgt, dass ich dachte, dieses Wort habe etwas mit einem Gefühl in Richtung Natur zu tun – ‘Bio-Feeling-Up’ statt ‘Biophilia’.“

Basierend auf der Idee eines vollkommen unvermittelten Erlebens der Natur, suggeriert der Titel „Biophilia“ einen Bereich, in dem harte, wissenschaftliche Fakten und Emotionen miteinander verschmelzen. „[Der Song] „DNA“ basiert auf strukturierten Rhythmen, doch mir war dabei wichtig, dass es zugleich um die Gefühlswelt geht“, so Björk. „Mir lag also genauso viel daran, den Wissenschaftsfreaks das Gegenteil zu beweisen und beide Bereiche, das Wissenschaftliche und das Gefühlte, miteinander zu vereinen. Letztlich habe ich versucht, mit jedem Song so unterschiedliche Emotionen wie möglich auszudrücken. „Moon“ beispielsweise ist sehr melancholisch: der Song handelt von Wiedergeburt und von Mondzyklen, doch zugleich geht es dabei um Fakten, um die mathematischen Tatsachen, die sich vom Phänomen des Vollmonds ableiten lassen.“ Sie habe versucht, „Biophilia“ insgesamt so zu gestalten, dass in den Stücken „Wissenschaftliches, Naturphänomene und musikwissenschaftliche Erkenntnisse nahtlos miteinander verwoben sind.“ Weiterhin meint Björk, dass „sich heutzutage scheinbar so vieles darum dreht, wo wir noch – physisch betrachtet - involviert sind und wo nicht. Ich persönlich finde es absolut spannend, die neuesten Techniken zu nutzen und den virtuellen Aspekt so weit wie möglich auszureizen, ihn einzusetzen, um musikwissenschaftliche oder auch Elemente aus der Natur zu beschreiben oder zu kontrollieren, und das dann mit einer Klangquelle zu kombinieren, die analoger und akustischer nicht sein könnte – wie ein Gamelan oder eine Pfeifenorgel. Dadurch hast du dann beide Extreme: das extrem Virtuelle trifft auf das extrem Körperlich-Greifbare. Und so verlagerst du auch die Grenzen des Körperlichen.“

Auch wenn es vielleicht nicht so klingen mag, ist Björks wissenschaftlich-musikalisches Projekt sowohl inhaltlich als auch klanglich sehr verspielt – und somit sehr viel mehr als stumpfe Analyse oder trockenes Experiment. „Bei [dem Stück] „Virus“ schwingt zum Beispiel eine ganz besondere Art von Humor mit. Ich habe ganz bewusst so einen süßlichen, unbeschwerten Popsong über eine Liebesbeziehung zu einem Virus geschrieben; es ist also keine Femme fatale, sondern ein attraktiver Virus fatale, wenn man so will. Das ist daher schon so eine Art Liebeslied. Dabei besteht der Song schon größtenteils aus virtuell generierten Parts. Die Gamelan-Celesta-Instrumentenkreuzung übernimmt dann die Rolle des Virus, und dieses Virus tritt auf und gewinnt die Oberhand.“

Angefangen mit dem Zusammenspiel von Sologesang und Chor bei dem Song „Moon“, untermalt von einer Harfe, über den explosiven Dance-Höhepunkt von „Mutual Core“ bis hin zum ruhigen „Solstice“, das den Longplayer mit den optimistischen Worten „it got dark/it’s getting light again“ ausklingen lässt, ist „Biophilia“ insgesamt eine minimalistischere und sehr viel intimere Platte, die mit deutlich weniger Gästen als gewöhnlich auskommt: Der spanische Loop-Schmied Pablo Díaz-Reixa (El Guincho) hat den Beat für „Virus“ sowie Beats und Bässe für „Moon“ beigesteuert. Das Londoner Produktionsduo 16bit war für die Beats von „Crystalline“ und „Mutual Core“ verantwortlich (wobei letzterer Track zusammen mit Björks Dauergast Matthew Herbert aufgenommen wurde, der auch an den Aufnahmen zu „Hollow“ beteiligt war). Die Jazz/Rock/Experimental-Musikerin Zeena Parkins aus der New Yorker Downtown-Szene spielt die Harfe auf „Moon“ und das Pendelinstrument auf „Solstice“. Anders gesagt: Björk war zwar nicht allein im Studio, aber sie hat sich, verglichen mit „Volta“ beispielsweise, deutlich zurückgehalten, was die Produktion angeht. Stattdessen konzentriert sie sich dieses Mal noch mehr auf ihre Stimme, die ganz klar und ungefiltert zu hören ist, getragen von makellos-minimalistischen Arrangements aus Orgelklängen, Bläsern sowie diversen eigens für diese Aufnahmen gebauten Instrumenten – so zum Beispiel eine digitale Pfeifenorgel, ein Hybrid aus Gamelan und einer Celesta (eine „Gamelesta“), ein Teslaspulen-Bass und ein Monstrum von Instrument, das zwischenzeitlich aus achtunddreißig 9-Meter-Aluminium-Pendeln bestand (die dazu eingesetzt wurden, die Gravitationskraft des Planeten so zu nutzen, dass daraus klangliche Muster entstehen). Letztere Idee modifizierte Björk jedoch, als sich der Plan als zu mühselig entpuppte, immerhin hatte die ursprüngliche Idee gelautet, die Arbeit möglichst offen und simpel zu gestalten. „Es war das exakte Gegenteil von Spinal Tap“, so die Sängerin. „Letztlich haben wir es dann mit vier Pendeln gemacht, wobei jedes einzelne mehrere Töne hervorbringen kann. Man kann sie ganz einfach an die Decke hängen oder an einen Ast oder so. Sie sind zwei Meter lang, aus Holz und sehen überhaupt eher so wie gute Freunde aus.“ So klingt das Resultat dann auch persönlicher, es ist eine leise Performance, elektronische Klänge am Lagerfeuer, und das selbst dann, wenn ein 24-köpfiger Frauenchor aus Island auf einigen Stücken aushilft.

Einen entscheidenden Faktor, um das Konzept der LP in die Tat umzusetzen und die Resultate dabei schön übersichtlich und geräumig zu halten, spielte der Computer- und Musiksoftware-Programmierer Damian Taylor. Die Arbeit mit ihm begann schon im Jahr 2008, gleich im Anschluss an die „Volta“-Tournee im vorherigen Jahr. „Die Art und Weise, wie wir mit Damian programmiert haben, hat es mir erlaubt, Algorithmen und wiederkehrende Muster und Formen, wie sie in der Natur vorkommen, gleich in die Songs einfließen zu lassen. Damit war ein Großteil der Arbeit auch schon getan.“ Dieses Projekt, das Björk selbst als eine Rückkehr „zu den Idealen der Punk- und DIY-Phase“ bezeichnet, entstand letztlich nur, weil sie die Arbeit mit Touchscreens während der „Volta“-Tour so sehr fasziniert hatte. „Ich wollte damit nicht nur auf der Bühne eine Show abziehen und abgefahrene Sounds kreieren“, sagt sie, „nein, ich wollte noch viel weiter gehen und ganz neue Musik mit dieser Technologie erschaffen. Das Potenzial, das in diesen Touchscreens schlummerte, erkannte ich sofort: Mit einem Mal wollte ich unbedingt die frustrierte Musiklehrerin sein und semi-lehrreiche Dinge damit anstellen und einen Song über zehn verschiedene Elemente schreiben, die in der Natur vorkommen. Man kann sich anschauen, wie Kristalle wachsen – und das kann ein Song sein. Genauso kann es ein Song sein, wenn der Mond abnimmt und aus dem Vollmond wieder der Neumond wird.“ Weiterhin sagt sie, dass „die Leute aus der Rockwelt schon immer beklagt haben, dass elektronische Musik angeblich keine Seele habe, doch inzwischen hat elektronische Musik nicht nur eine Seele, sie kann heutzutage jede erdenkliche Form der Welt annehmen. Früher hat man das immer mit House-Musik verglichen, mit simplen Bausteinen, wie Lego-Steine, doch heute können wir noch viel, viel mehr machen und Dinge wie den Zug der Schwalben programmieren, und daraus kann dann der Gesangspart werden, den ein Chor übernimmt. Es gibt weitaus mehr solcher Muster und Strukturen, als man denkt.“

Nachdem die Finanzkrise im besonders hart getroffenen Island dazu geführt hatte, dass mit einem Mal zahlreiche Gebäude in Reykjavik leer standen, hatte sich Björk ihr neues Album anfangs noch als Projekt vorgestellt, bei dem eine Art „Music House“ im Mittelpunkt stehen sollte: „Ich dachte mir, dass ich vielleicht ein solches ‘Music House’ auf die Beine stellen sollte, um diese ganzen leer stehenden Gebäude zu nutzen“, berichtet sie. „Jeder Song hätte dann ein Zimmer in diesem Haus sein können: Hier der Kristallsaal, und hier der Blitzraum und gleich nebenan der Raum, in dem der Mond seine Wassertropfen abgibt... und das Treppenhaus hätte man wie kleine Noten gestalten können, wie Tonleitern, die alles miteinander verbinden. Ich hätte einfach nur ein Tauschgeschäft anbieten müssen: Wir schaffen in dem jeweiligen Haus eine Art Museum, und wenn alles im Kasten ist, können sie alles behalten, was wir da aufgebaut haben.“

Letzten Endes war ihr jedoch wichtiger, dass die multimedialen Aspekte zur Geltung kommen, und so ließ Björk eine App-Suite zu den Tracks von „Biophilia“ kreieren: Die 10 Apps zu den Songs vereinen sowohl natur- als auch musikwissenschaftliche Aspekte, die sich in der Technologie der App perfekt ergänzen (gemeinsam mit den Songs selbst und den Songtexten). Die App zum Track „Dark Matter“ ist beispielsweise eine Art Lernspiel, das einem dabei hilft, die Tonleitern zu begreifen. „Mutual Core“ zeigt zwei Hemisphären, zwischen denen sich neue Gesteinsschichten ausbilden. Der User muss nun probieren, sie aneinander anzupassen, und diese Versuche bringen immer neue Akkordfolgen und Klangwelten hervor. (In einem Wort: Hier werden also die tektonischen Platten mit Akkorden gleichgesetzt.) Im Fall von „Crystalline“ begibt sich der User in unterschiedliche Tunnel, von denen jeder einen anderen Abschnitt des Songs darstellt. So bahnt sich der Hörer seinen Weg durch den Track wie durch ein Labyrinth, erschafft automatisch eine neue Version, während er seine Suche nach dem Refrain fortsetzt, um schließlich aus den Tunneln hinaus und geradewegs in eine Nebelwand zu rasen. (In diesem Fall werden Form und Aufbau von Kristallen mit strukturellen und räumlichen Eigenheiten der Musik gegenübergestellt.) In der kompletten App-Suite findet man weiterhin Essays von Nikki Dibben, einen virtuellen Rundgang und eine Einführung vom isländischen Autor Sjón Sigurdsson; als Erzähler führt David Attenborough (u.a. Sprecher Natur-und Tier-Dokumentarsendungen der BBC) durch das Programm. (Nur zur Erinnerung: Als erster Vorgeschmack auf „Biophilia“ erschien „Solar System“ als Teil eines wissenschaftlichen eBooks fürs iPad, geschrieben von Marcus Chown). Die Apps wurden von einem internationalen Team von Programmierern kreiert: Passend zu den DIY-Wurzeln des ganzen Projekts arbeiteten auch sie, die sich ja sonst eher als Konkurrenz betrachten, letztlich Hand in Hand und unentgeltlich noch dazu – und auch spätere Gewinne werden sie fair unter sich aufteilen. „Ich dachte nur: ‘Yes, das ist wieder wie damals in der Punk-Ära’“, meint die immer noch begeisterte Björk.

Ihr Plan ist es weiterhin, Kindern zu vermitteln, wie man „Biophilia“ benutzen und damit etwas Neues kreieren kann – wobei sie auch musikwissenschaftliche Themen ansprechen und vermitteln will. Sie wird Wissenschaftler und Musiker zusammenbringen und eine Reihe von Intensivkursen an unterschiedlichen Orten anbieten, als Gegenentwurf zu der Art von Musikunterricht, wie sie ihn zwischen dem 5. und dem 15. Lebensjahr über sich ergehen lassen musste. „Als ich dann 15 war, habe ich nur noch rebelliert und wurde zur Punkerin“, lacht sie rückblickend. „[Als kleines Mädchen] fand ich es echt schräg, dass sich die Lehrer im Musikunterricht immer wie Fließbandarbeiter angestellt haben – als ob es nur darum gehen würde, neue Nachwuchsmusiker für diese ganzen Symphonieorchester zu züchten. Frei nach dem Motto: Wenn du richtig gut bist und 10 Jahre lang jeden Tag deine Geige ein paar Stunden in der Hand hattest, dann kann es schon sein, dass du irgendwann in den Eliteclub aufgenommen wirst. Ich jedoch hatte ein ganz anderes Musikverständnis: Mir ging es um Freiheit, um den Ausdruck meiner selbst, um Individualität, Impulsivität und Spontaneität. Das war für mich also nichts Apollinisches, sondern etwas Wildes, Dionysisches. Und gerade für die Kids sollte das immer so sein. Kinder malen die wahren Meisterwerke, es gibt keine besseren Maler als Kinder. Und auch als Musiker stecken sie alle anderen in die Tasche: Sie könnten die besten Songs schreiben, wenn sie nur die geeigneten Mittel dazu hätten.

Es ist wichtig, dass man in diesem Alter ein Fundament schafft – man kann ja dann hinterher immer noch 500 Stunden pro Woche mit der Geige verbringen, wenn man darauf Lust hat. Mir ist nur wichtig, dass man ganz früh auch andere Optionen und Wege aufgezeigt bekommt.“

Los ging es mit einer einwöchigen Unterrichtsreihe während ihrer „Residency“ beim Manchester International Festival im Juni 2011: „Wir bringen den Kindern zwei Songs pro Tag bei. Wir arbeiten da mit Leuten von der BBC, mit David Attenborough und Leuten von naturwissenschaftlichen Museen. In der ersten Tageshälfte bekommen sie Kristalle in die Hand gedrückt – richtig zum Anfassen und Spielen, und dann können sie die App benutzen und der Musiklehrer erzählt ihnen etwas über den Aufbau von Musikstücken; hinterher können sie dann ihren eigenen kleinen Song schreiben und ihn auf einem USB-Stick mit nach Hause nehmen. Nach dem Mittagessen kommt dann ein weiterer Song an die Reihe – der über Blitze – wodurch dann Themen wie Elektrizität und Energie auf der Tagesordnung stehen. In dem konkreten Fall basiert der Song auf Arpeggien, weshalb der Lehrer auch dieses Thema – gebrochene Akkorde – behandelt. Dazu haben die Kinder alle iPads zum Herumexperimentieren. Jeder Song ist eine App, und sie sind direkt mit einer Pfeifenorgel oder einem Gamelan/Celesta oder einem Pendel-Instrument oder irgendetwas wie einer Harfe verknüpft; so habe ich insgesamt also versucht, die spannendsten Entwicklungen auf dem digitalen Sektor, die allerneuesten Techniken, die es einem erlauben, eher spontan mit der rechten Gehirnhälfte zu arbeiten und die auch für Kids geeignet sind, mit den grandiosesten Akustikinstrumenten, die sich die Menschheit erdacht hat, zu kombinieren.“ Was die drei Wochen in Manchester betrifft, bezeichnet sie die Residency beim Festival als Prototyp, als Anfang, um die Dinge langsam ins Rollen zu bringen. „Bei uns kommen auch Leute aus anderen Städten dazu, in die wir dann hoffentlich auch noch Abstecher machen werden. Ich hoffe, dass wir diesen erzieherischen Aspekt noch mehr ins Zentrum rücken können.“ Anstelle einer traditionellen Tour würde sie gerne in zwei bis drei Städten pro Jahr aufschlagen, um derartige Workshops zu veranstalten. „Zwischen den einzelnen Stationen brauche ich dann immer ein paar Monate Zeit“, erläutert sie. „Und dann werde ich das Programm in jeder Stadt genau auf das Gebäude zuschneiden, das wir dort bekommen. Es sollen Orte sein, an denen man schon mal für einen ganzen Monat sein Lager aufschlagen kann. Insofern kommen auch klassische Konzerthallen nicht in Frage, denn die sind ja nun mal nicht dafür ausgelegt. Stattdessen versuchen wir in wissenschaftliche Einrichtungen und Museen zu kommen. Wir sagen denen, dass wir den Kindern immer dann, wenn wir zwischendurch Zeit haben, kostenlosen Unterricht geben, wenn sie nur den Ort zur Verfügung stellen, und auch sonst ihren Teil dazu beisteuern können: So à la ‘Besorgt ihr mal die Kristalle, die Viren, die DNS-Stränge, die Blitze...’, ein einziges großes Gemeinschaftsprojekt soll es werden. So wird es, glaube ich, am besten gelingen.“

Im Scherz fügt Björk hinzu, dass „Biophilia“ „so sehr auf Multitasking ausgerichtet ist wie noch keines“ ihrer Projekte – im Grunde genommen sei es eine Art vertonte Aufmerksamkeitsdefizitstörung. Daher würde sie den Longplayer auch gar nicht mal als „fertig“ bezeichnen. „Ich habe da so eine Ahnung, dass da noch mehr kommt als diese zehn Songs“, meint die Sängerin. „Vielleicht mache ich daraus auch ein Doppelalbum, oder ich arbeite mit demselben Aufbau weiter und veröffentlichte alle drei Monate – oder wann immer mir der Sinn danach steht – einen neuen Song. Die Apps, zusammen mit dem Überthema: Natur trifft auf Musik – da könnte man doch locker 5000 Songs aufnehmen!“

Mal abgesehen von den Apps, den Workshops, dem ganzen konzeptionellen Überbau, kann man „Biophilia“ auch einfach als das genießen, was es ist: ein Album. Das siebte Studioalbum von Björk. „Ich hab mir nämlich auch zum Ziel gesetzt, dass jemand, der diese Platte in zehn Jahren hört, sie vielleicht in einem Secondhand-Laden kauft, keinen wirklichen Bruch im Vergleich mit meinen anderen Alben erkennen soll. Sie sollte also unbedingt auch ohne die Apps funktionieren. Für mich ist das hier in erster Linie ein Björk-Album: nicht einfach irgendwelche konzeptionell generierten Sounds, keine verwässerten Ambient-Sachen oder so. Ich glaube, das Album funktioniert schon eher wie ein Witz, den ich da mit mir selbst am Laufen habe; ich finde es nun mal spannend, Dinge anzugehen, die ich eigentlich nie machen und sogar als Tabu einstufen würde: Als ich beispielsweise „Medúlla“ aufgenommen habe, war genau das ein absolutes Tabu für mich – A-capella-Musik, das größte Verbrechen überhaupt, versuchen wir es doch mal damit! Und für „Volta“ dann: Nichts fand ich schlimmer als politische, feministische Songs! Und dann habe ich genau das probiert und mich mit dem Schlachtruf ‘Declare Independence’ für Unabhängigkeit eingesetzt. Dieses Mal nehme ich es nun mit generativer Musik auf, die komplett nach Pastellfarben klingt und durchaus etwas Oberflächliches hat. Dabei bin ich es, die diese Musik macht, und so funktioniert das alles tatsächlich wie ein Scherz, den ich mir mit mir selbst erlaube, klingt das einleuchtend? Für mich klingt das nach einer vorprogrammierten Katastrophe, wenn man einen Song mit einer App machen will. Und genau diese Herausforderung finde ich spannend!“

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„Biophilia“, das siebte und konzeptionell anspruchsvollste Studioalbum von Björk, ist ein komplexes multimediales Werk, das aus zehn neuen Songs und zehn damit korrespondierenden iPod/iPad-Apps besteht. Bereits die Songtitel klingen eher wie Bildunterschriften in einem Lehrbuch: „Moon“, „Thunderbolt“, „Virus“ – oder auch der Titel der ersten Single, „Crystalline“. Dabei steht jeder einzelne Track in einer ganz besonderen Beziehung zu Björk, zu ihrer Weltsicht, der Art und Weise, wie sie die Natur und die Strukturen von Musik liest, begreift und unter einen Hut bringt. Der Albumtitel, der auf ihre Lektüre von Oliver Sachs’ „Musicophilia“ vor rund zwei Jahren zurückgeht, lässt derartig persönliche Verbindungen erahnen: „Ich fand das Buch großartig“, berichtet Björk, „doch weil mein Englisch nicht so besonders ist, sagte ich mir: ‘Oh, wow, [„Biophilia“] könnte der Titel für mein neues Projekt sein’, wobei ich bei ‘Bio-’ eigentlich nur an ‘die Natur’ gedacht hatte. Erst später wurde mir dann erklärt, dass der Titel in dieser Form eher für ‘die Liebe zum Leben’ ganz allgemein steht. Ich hatte damit eigentlich an Konzepte wie ‘naturähnlich’ oder ‘Verwandlung zu etwas Natürlichem’ gedacht. Na ja, mein schlechtes Englisch hat jedenfalls dafür gesorgt, dass ich dachte, dieses Wort habe etwas mit einem Gefühl in Richtung Natur zu tun – ‘Bio-Feeling-Up’ statt ‘Biophilia’.“

Basierend auf der Idee eines vollkommen unvermittelten Erlebens der Natur, suggeriert der Titel „Biophilia“ einen Bereich, in dem harte, wissenschaftliche Fakten und Emotionen miteinander verschmelzen. „[Der Song] „DNA“ basiert auf strukturierten Rhythmen, doch mir war dabei wichtig, dass es zugleich um die Gefühlswelt geht“, so Björk. „Mir lag also genauso viel daran, den Wissenschaftsfreaks das Gegenteil zu beweisen und beide Bereiche, das Wissenschaftliche und das Gefühlte, miteinander zu vereinen. Letztlich habe ich versucht, mit jedem Song so unterschiedliche Emotionen wie möglich auszudrücken. „Moon“ beispielsweise ist sehr melancholisch: der Song handelt von Wiedergeburt und von Mondzyklen, doch zugleich geht es dabei um Fakten, um die mathematischen Tatsachen, die sich vom Phänomen des Vollmonds ableiten lassen.“ Sie habe versucht, „Biophilia“ insgesamt so zu gestalten, dass in den Stücken „Wissenschaftliches, Naturphänomene und musikwissenschaftliche Erkenntnisse nahtlos miteinander verwoben sind.“ Weiterhin meint Björk, dass „sich heutzutage scheinbar so vieles darum dreht, wo wir noch – physisch betrachtet - involviert sind und wo nicht. Ich persönlich finde es absolut spannend, die neuesten Techniken zu nutzen und den virtuellen Aspekt so weit wie möglich auszureizen, ihn einzusetzen, um musikwissenschaftliche oder auch Elemente aus der Natur zu beschreiben oder zu kontrollieren, und das dann mit einer Klangquelle zu kombinieren, die analoger und akustischer nicht sein könnte – wie ein Gamelan oder eine Pfeifenorgel. Dadurch hast du dann beide Extreme: das extrem Virtuelle trifft auf das extrem Körperlich-Greifbare. Und so verlagerst du auch die Grenzen des Körperlichen.“

Auch wenn es vielleicht nicht so klingen mag, ist Björks wissenschaftlich-musikalisches Projekt sowohl inhaltlich als auch klanglich sehr verspielt – und somit sehr viel mehr als stumpfe Analyse oder trockenes Experiment. „Bei [dem Stück] „Virus“ schwingt zum Beispiel eine ganz besondere Art von Humor mit. Ich habe ganz bewusst so einen süßlichen, unbeschwerten Popsong über eine Liebesbeziehung zu einem Virus geschrieben; es ist also keine Femme fatale, sondern ein attraktiver Virus fatale, wenn man so will. Das ist daher schon so eine Art Liebeslied. Dabei besteht der Song schon größtenteils aus virtuell generierten Parts. Die Gamelan-Celesta-Instrumentenkreuzung übernimmt dann die Rolle des Virus, und dieses Virus tritt auf und gewinnt die Oberhand.“

Angefangen mit dem Zusammenspiel von Sologesang und Chor bei dem Song „Moon“, untermalt von einer Harfe, über den explosiven Dance-Höhepunkt von „Mutual Core“ bis hin zum ruhigen „Solstice“, das den Longplayer mit den optimistischen Worten „it got dark/it’s getting light again“ ausklingen lässt, ist „Biophilia“ insgesamt eine minimalistischere und sehr viel intimere Platte, die mit deutlich weniger Gästen als gewöhnlich auskommt: Der spanische Loop-Schmied Pablo Díaz-Reixa (El Guincho) hat den Beat für „Virus“ sowie Beats und Bässe für „Moon“ beigesteuert. Das Londoner Produktionsduo 16bit war für die Beats von „Crystalline“ und „Mutual Core“ verantwortlich (wobei letzterer Track zusammen mit Björks Dauergast Matthew Herbert aufgenommen wurde, der auch an den Aufnahmen zu „Hollow“ beteiligt war). Die Jazz/Rock/Experimental-Musikerin Zeena Parkins aus der New Yorker Downtown-Szene spielt die Harfe auf „Moon“ und das Pendelinstrument auf „Solstice“. Anders gesagt: Björk war zwar nicht allein im Studio, aber sie hat sich, verglichen mit „Volta“ beispielsweise, deutlich zurückgehalten, was die Produktion angeht. Stattdessen konzentriert sie sich dieses Mal noch mehr auf ihre Stimme, die ganz klar und ungefiltert zu hören ist, getragen von makellos-minimalistischen Arrangements aus Orgelklängen, Bläsern sowie diversen eigens für diese Aufnahmen gebauten Instrumenten – so zum Beispiel eine digitale Pfeifenorgel, ein Hybrid aus Gamelan und einer Celesta (eine „Gamelesta“), ein Teslaspulen-Bass und ein Monstrum von Instrument, das zwischenzeitlich aus achtunddreißig 9-Meter-Aluminium-Pendeln bestand (die dazu eingesetzt wurden, die Gravitationskraft des Planeten so zu nutzen, dass daraus klangliche Muster entstehen). Letztere Idee modifizierte Björk jedoch, als sich der Plan als zu mühselig entpuppte, immerhin hatte die ursprüngliche Idee gelautet, die Arbeit möglichst offen und simpel zu gestalten. „Es war das exakte Gegenteil von Spinal Tap“, so die Sängerin. „Letztlich haben wir es dann mit vier Pendeln gemacht, wobei jedes einzelne mehrere Töne hervorbringen kann. Man kann sie ganz einfach an die Decke hängen oder an einen Ast oder so. Sie sind zwei Meter lang, aus Holz und sehen überhaupt eher so wie gute Freunde aus.“ So klingt das Resultat dann auch persönlicher, es ist eine leise Performance, elektronische Klänge am Lagerfeuer, und das selbst dann, wenn ein 24-köpfiger Frauenchor aus Island auf einigen Stücken aushilft.

Einen entscheidenden Faktor, um das Konzept der LP in die Tat umzusetzen und die Resultate dabei schön übersichtlich und geräumig zu halten, spielte der Computer- und Musiksoftware-Programmierer Damian Taylor. Die Arbeit mit ihm begann schon im Jahr 2008, gleich im Anschluss an die „Volta“-Tournee im vorherigen Jahr. „Die Art und Weise, wie wir mit Damian programmiert haben, hat es mir erlaubt, Algorithmen und wiederkehrende Muster und Formen, wie sie in der Natur vorkommen, gleich in die Songs einfließen zu lassen. Damit war ein Großteil der Arbeit auch schon getan.“ Dieses Projekt, das Björk selbst als eine Rückkehr „zu den Idealen der Punk- und DIY-Phase“ bezeichnet, entstand letztlich nur, weil sie die Arbeit mit Touchscreens während der „Volta“-Tour so sehr fasziniert hatte. „Ich wollte damit nicht nur auf der Bühne eine Show abziehen und abgefahrene Sounds kreieren“, sagt sie, „nein, ich wollte noch viel weiter gehen und ganz neue Musik mit dieser Technologie erschaffen. Das Potenzial, das in diesen Touchscreens schlummerte, erkannte ich sofort: Mit einem Mal wollte ich unbedingt die frustrierte Musiklehrerin sein und semi-lehrreiche Dinge damit anstellen und einen Song über zehn verschiedene Elemente schreiben, die in der Natur vorkommen. Man kann sich anschauen, wie Kristalle wachsen – und das kann ein Song sein. Genauso kann es ein Song sein, wenn der Mond abnimmt und aus dem Vollmond wieder der Neumond wird.“ Weiterhin sagt sie, dass „die Leute aus der Rockwelt schon immer beklagt haben, dass elektronische Musik angeblich keine Seele habe, doch inzwischen hat elektronische Musik nicht nur eine Seele, sie kann heutzutage jede erdenkliche Form der Welt annehmen. Früher hat man das immer mit House-Musik verglichen, mit simplen Bausteinen, wie Lego-Steine, doch heute können wir noch viel, viel mehr machen und Dinge wie den Zug der Schwalben programmieren, und daraus kann dann der Gesangspart werden, den ein Chor übernimmt. Es gibt weitaus mehr solcher Muster und Strukturen, als man denkt.“

Nachdem die Finanzkrise im besonders hart getroffenen Island dazu geführt hatte, dass mit einem Mal zahlreiche Gebäude in Reykjavik leer standen, hatte sich Björk ihr neues Album anfangs noch als Projekt vorgestellt, bei dem eine Art „Music House“ im Mittelpunkt stehen sollte: „Ich dachte mir, dass ich vielleicht ein solches ‘Music House’ auf die Beine stellen sollte, um diese ganzen leer stehenden Gebäude zu nutzen“, berichtet sie. „Jeder Song hätte dann ein Zimmer in diesem Haus sein können: Hier der Kristallsaal, und hier der Blitzraum und gleich nebenan der Raum, in dem der Mond seine Wassertropfen abgibt... und das Treppenhaus hätte man wie kleine Noten gestalten können, wie Tonleitern, die alles miteinander verbinden. Ich hätte einfach nur ein Tauschgeschäft anbieten müssen: Wir schaffen in dem jeweiligen Haus eine Art Museum, und wenn alles im Kasten ist, können sie alles behalten, was wir da aufgebaut haben.“

Letzten Endes war ihr jedoch wichtiger, dass die multimedialen Aspekte zur Geltung kommen, und so ließ Björk eine App-Suite zu den Tracks von „Biophilia“ kreieren: Die 10 Apps zu den Songs vereinen sowohl natur- als auch musikwissenschaftliche Aspekte, die sich in der Technologie der App perfekt ergänzen (gemeinsam mit den Songs selbst und den Songtexten). Die App zum Track „Dark Matter“ ist beispielsweise eine Art Lernspiel, das einem dabei hilft, die Tonleitern zu begreifen. „Mutual Core“ zeigt zwei Hemisphären, zwischen denen sich neue Gesteinsschichten ausbilden. Der User muss nun probieren, sie aneinander anzupassen, und diese Versuche bringen immer neue Akkordfolgen und Klangwelten hervor. (In einem Wort: Hier werden also die tektonischen Platten mit Akkorden gleichgesetzt.) Im Fall von „Crystalline“ begibt sich der User in unterschiedliche Tunnel, von denen jeder einen anderen Abschnitt des Songs darstellt. So bahnt sich der Hörer seinen Weg durch den Track wie durch ein Labyrinth, erschafft automatisch eine neue Version, während er seine Suche nach dem Refrain fortsetzt, um schließlich aus den Tunneln hinaus und geradewegs in eine Nebelwand zu rasen. (In diesem Fall werden Form und Aufbau von Kristallen mit strukturellen und räumlichen Eigenheiten der Musik gegenübergestellt.) In der kompletten App-Suite findet man weiterhin Essays von Nikki Dibben, einen virtuellen Rundgang und eine Einführung vom isländischen Autor Sjón Sigurdsson; als Erzähler führt David Attenborough (u.a. Sprecher Natur-und Tier-Dokumentarsendungen der BBC) durch das Programm. (Nur zur Erinnerung: Als erster Vorgeschmack auf „Biophilia“ erschien „Solar System“ als Teil eines wissenschaftlichen eBooks fürs iPad, geschrieben von Marcus Chown). Die Apps wurden von einem internationalen Team von Programmierern kreiert: Passend zu den DIY-Wurzeln des ganzen Projekts arbeiteten auch sie, die sich ja sonst eher als Konkurrenz betrachten, letztlich Hand in Hand und unentgeltlich noch dazu – und auch spätere Gewinne werden sie fair unter sich aufteilen. „Ich dachte nur: ‘Yes, das ist wieder wie damals in der Punk-Ära’“, meint die immer noch begeisterte Björk.

Ihr Plan ist es weiterhin, Kindern zu vermitteln, wie man „Biophilia“ benutzen und damit etwas Neues kreieren kann – wobei sie auch musikwissenschaftliche Themen ansprechen und vermitteln will. Sie wird Wissenschaftler und Musiker zusammenbringen und eine Reihe von Intensivkursen an unterschiedlichen Orten anbieten, als Gegenentwurf zu der Art von Musikunterricht, wie sie ihn zwischen dem 5. und dem 15. Lebensjahr über sich ergehen lassen musste. „Als ich dann 15 war, habe ich nur noch rebelliert und wurde zur Punkerin“, lacht sie rückblickend. „[Als kleines Mädchen] fand ich es echt schräg, dass sich die Lehrer im Musikunterricht immer wie Fließbandarbeiter angestellt haben – als ob es nur darum gehen würde, neue Nachwuchsmusiker für diese ganzen Symphonieorchester zu züchten. Frei nach dem Motto: Wenn du richtig gut bist und 10 Jahre lang jeden Tag deine Geige ein paar Stunden in der Hand hattest, dann kann es schon sein, dass du irgendwann in den Eliteclub aufgenommen wirst. Ich jedoch hatte ein ganz anderes Musikverständnis: Mir ging es um Freiheit, um den Ausdruck meiner selbst, um Individualität, Impulsivität und Spontaneität. Das war für mich also nichts Apollinisches, sondern etwas Wildes, Dionysisches. Und gerade für die Kids sollte das immer so sein. Kinder malen die wahren Meisterwerke, es gibt keine besseren Maler als Kinder. Und auch als Musiker stecken sie alle anderen in die Tasche: Sie könnten die besten Songs schreiben, wenn sie nur die geeigneten Mittel dazu hätten.

Es ist wichtig, dass man in diesem Alter ein Fundament schafft – man kann ja dann hinterher immer noch 500 Stunden pro Woche mit der Geige verbringen, wenn man darauf Lust hat. Mir ist nur wichtig, dass man ganz früh auch andere Optionen und Wege aufgezeigt bekommt.“

Los ging es mit einer einwöchigen Unterrichtsreihe während ihrer „Residency“ beim Manchester International Festival im Juni 2011: „Wir bringen den Kindern zwei Songs pro Tag bei. Wir arbeiten da mit Leuten von der BBC, mit David Attenborough und Leuten von naturwissenschaftlichen Museen. In der ersten Tageshälfte bekommen sie Kristalle in die Hand gedrückt – richtig zum Anfassen und Spielen, und dann können sie die App benutzen und der Musiklehrer erzählt ihnen etwas über den Aufbau von Musikstücken; hinterher können sie dann ihren eigenen kleinen Song schreiben und ihn auf einem USB-Stick mit nach Hause nehmen. Nach dem Mittagessen kommt dann ein weiterer Song an die Reihe – der über Blitze – wodurch dann Themen wie Elektrizität und Energie auf der Tagesordnung stehen. In dem konkreten Fall basiert der Song auf Arpeggien, weshalb der Lehrer auch dieses Thema – gebrochene Akkorde – behandelt. Dazu haben die Kinder alle iPads zum Herumexperimentieren. Jeder Song ist eine App, und sie sind direkt mit einer Pfeifenorgel oder einem Gamelan/Celesta oder einem Pendel-Instrument oder irgendetwas wie einer Harfe verknüpft; so habe ich insgesamt also versucht, die spannendsten Entwicklungen auf dem digitalen Sektor, die allerneuesten Techniken, die es einem erlauben, eher spontan mit der rechten Gehirnhälfte zu arbeiten und die auch für Kids geeignet sind, mit den grandiosesten Akustikinstrumenten, die sich die Menschheit erdacht hat, zu kombinieren.“ Was die drei Wochen in Manchester betrifft, bezeichnet sie die Residency beim Festival als Prototyp, als Anfang, um die Dinge langsam ins Rollen zu bringen. „Bei uns kommen auch Leute aus anderen Städten dazu, in die wir dann hoffentlich auch noch Abstecher machen werden. Ich hoffe, dass wir diesen erzieherischen Aspekt noch mehr ins Zentrum rücken können.“ Anstelle einer traditionellen Tour würde sie gerne in zwei bis drei Städten pro Jahr aufschlagen, um derartige Workshops zu veranstalten. „Zwischen den einzelnen Stationen brauche ich dann immer ein paar Monate Zeit“, erläutert sie. „Und dann werde ich das Programm in jeder Stadt genau auf das Gebäude zuschneiden, das wir dort bekommen. Es sollen Orte sein, an denen man schon mal für einen ganzen Monat sein Lager aufschlagen kann. Insofern kommen auch klassische Konzerthallen nicht in Frage, denn die sind ja nun mal nicht dafür ausgelegt. Stattdessen versuchen wir in wissenschaftliche Einrichtungen und Museen zu kommen. Wir sagen denen, dass wir den Kindern immer dann, wenn wir zwischendurch Zeit haben, kostenlosen Unterricht geben, wenn sie nur den Ort zur Verfügung stellen, und auch sonst ihren Teil dazu beisteuern können: So à la ‘Besorgt ihr mal die Kristalle, die Viren, die DNS-Stränge, die Blitze...’, ein einziges großes Gemeinschaftsprojekt soll es werden. So wird es, glaube ich, am besten gelingen.“

Im Scherz fügt Björk hinzu, dass „Biophilia“ „so sehr auf Multitasking ausgerichtet ist wie noch keines“ ihrer Projekte – im Grunde genommen sei es eine Art vertonte Aufmerksamkeitsdefizitstörung. Daher würde sie den Longplayer auch gar nicht mal als „fertig“ bezeichnen. „Ich habe da so eine Ahnung, dass da noch mehr kommt als diese zehn Songs“, meint die Sängerin. „Vielleicht mache ich daraus auch ein Doppelalbum, oder ich arbeite mit demselben Aufbau weiter und veröffentlichte alle drei Monate – oder wann immer mir der Sinn danach steht – einen neuen Song. Die Apps, zusammen mit dem Überthema: Natur trifft auf Musik – da könnte man doch locker 5000 Songs aufnehmen!“

Mal abgesehen von den Apps, den Workshops, dem ganzen konzeptionellen Überbau, kann man „Biophilia“ auch einfach als das genießen, was es ist: ein Album. Das siebte Studioalbum von Björk. „Ich hab mir nämlich auch zum Ziel gesetzt, dass jemand, der diese Platte in zehn Jahren hört, sie vielleicht in einem Secondhand-Laden kauft, keinen wirklichen Bruch im Vergleich mit meinen anderen Alben erkennen soll. Sie sollte also unbedingt auch ohne die Apps funktionieren. Für mich ist das hier in erster Linie ein Björk-Album: nicht einfach irgendwelche konzeptionell generierten Sounds, keine verwässerten Ambient-Sachen oder so. Ich glaube, das Album funktioniert schon eher wie ein Witz, den ich da mit mir selbst am Laufen habe; ich finde es nun mal spannend, Dinge anzugehen, die ich eigentlich nie machen und sogar als Tabu einstufen würde: Als ich beispielsweise „Medúlla“ aufgenommen habe, war genau das ein absolutes Tabu für mich – A-capella-Musik, das größte Verbrechen überhaupt, versuchen wir es doch mal damit! Und für „Volta“ dann: Nichts fand ich schlimmer als politische, feministische Songs! Und dann habe ich genau das probiert und mich mit dem Schlachtruf ‘Declare Independence’ für Unabhängigkeit eingesetzt. Dieses Mal nehme ich es nun mit generativer Musik auf, die komplett nach Pastellfarben klingt und durchaus etwas Oberflächliches hat. Dabei bin ich es, die diese Musik macht, und so funktioniert das alles tatsächlich wie ein Scherz, den ich mir mit mir selbst erlaube, klingt das einleuchtend? Für mich klingt das nach einer vorprogrammierten Katastrophe, wenn man einen Song mit einer App machen will. Und genau diese Herausforderung finde ich spannend!“

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