Kaum eine Oper ist so häufig als Promotionprodukt missbraucht worden wie die Carmen, kaum eine Rolle ist so häufig von ungeeigneten Interpretinnen gesungen und aufgenommen worden. So leider auch hier:
Anna Moffo war zweifellos eine sehr schöne Frau, eine gute Sängerin mit markanter Stimme und ein Star. Was also lag näher, als ihr die Carmen anzubieten? Nur hatte Moffo leider, wie man in ihren besten Aufnahmen hören kann (Luisa Miller, Falstaff, Figaros Hochzeit), eine hohe, eher keusch klingende Sopranstimme, die sie für die Carmen künstlich mit Erotik und Fülle in der Tiefe aufzuladen versucht, wobei sie leider übertreibt. Sie wirkt wie eine Dame der besseren Gesellschaft, die für ein Kostümfest eine Kurtisane/Zigeunerin spielt. Lustig, aber nicht überzeugend.
Franco Corelli, der sich hier am Don José versucht, ist hörbar des Französischen nicht mächtig. Er versteht auch nichts von der dazu gehörigen Phrasierung und ignoriert dynamische Anweisungen des Komponisten (v. a. in der Blumenarie), singt die Rolle wie eine italienische Verismo-Rolle, als eine Mischung aus Turiddu und Calaf und erschreckend weinerlich.
Der Escamillo von Piero Cappuccilli, eigentlich ein immer solider Interpret, ist wenig idiomatisch oder gar erotisch geraten. Das Auftrittslied "Toreador, en garde" bellt er wie eine Anklage heraus.
Als einzige Hauptdarstellerin überzeugt Helen Donath als absolut entzückende, ideale Micaela, aber das waren andere (Freni, te Kanawa, Sutherland) auch. Schade auch um die hervorragend und stilsicher besetzten Nebenrollen, z. B. mit Arleen Auger, Jane Barbié und José van Dam, der den Zuniga so singt, wie ein Escamillo klingen müsste.
Selbst Lorin Maazel, eigentlich ein Dirigent mit Gespühr für französische Musik, erreicht hier selten Normalform: Seine Carmen ist reißerisch, laut, teilweise erschreckend zäh, außer in den eher gehetzten Ensemble-Szenen. Man hat den Eindruck, dass er vor seinen Hauptdarstellern kapituliert hat. Dass er es besser konnte, zeigt der von ihm geleitete, überraschend gute Soundtrack zu dem Carmen-Film mit Domingo, Julia Migenes und Ruggero Raimondi.
Tja, und damit ist diese Aufnahme - bis zu der zweifellos noch zu erwartenden Produktion mit Netrebko-Villazon (auf die man sich wahrscheinlich eher freuen dürfte) - der negative Höhepunkt der PR-orientierten Klassik-Industrie.
Also: Wegstellen und die alte Beecham-Aufnahme mit de los Angeles und Gedda oder Solti mit Troyanos und Domingo auflegen.