Diese Carmen bedarf vieler Worte - Nicht um sie hochzuloben, zu verteidigen gegen die vielen anderen durchschnittlichen Ansichten, sondern um ihr gerecht zu werden. Wie stets beginne man mit ihrer Entstehung: Wie bei vielen Opernaufnahmen Karajans, handelt es sich um die Voreinspielung der Oper vor der Aufführung in der gleichen Besetzung bei den Salzburger Festspielen. Bei der Aufführung bemängelten die Kritiker zuhauf, dass die Berliner Philharmoniker kein reines Opernorchester seien und dass die Inszenierung einiges zu wünschen übrig ließ, da Karajans Methoden in die Jahre gekommen waren; dennoch, diese Aufnahme ist unbedingt hörenswert! Wer der Meinung ist, die Berliner Philharmoniker seien kein reines Opernorchester, der sollte sich ihre vielen Karajan-Aufnahmen anhören, zum Beispiel den Ring, La Boheme oder Tristan und auch diese Carmen. Man kann jetzt natürlich anführen, dass das Zusammenspiel zwischen Karajan und seinem Orchester in den 80ern durch vielerlei Zwischenfällle getrübt worden ist, jedoch waren beide Akteure stets professionell genug, um sich immer voller Disziplin und Konzentration ihrer Verantwortung gegenüber der Musik und ihres Rufes bewusst zu sein. Das Dirigat zeugt von der langjährigen Beschäftigung Karajans mit Bizets Meisterwerk. Dreimal nahm er es auf Platte auf, einmal für den Film. Sein Dirigat ist sehr ausgewogen, beinahe klassisch und vermag an vielen Stellen zu überraschen - von übermäßigen Längen kann da keine Rede sein. Carmen mag aus jeder Sicht temperamentvoll wirken, geht man allerdings auf die ruhigen und eher lyrischen Passagen mit der gleichen Vorstellung heran, tut man dem Werk gewiss keinen Gefallen. Karajans Interpretation ist zweifellos überaus hörenswert, weil neu und interessant. Außerdem, das ist beim späten Karajan allgemein und bei diesem Werk im besonderen außergewöhnlich, schafft er ein akustisches Gleichgewicht zwischen Orchester und Sängern. Er trägt sie zwar nicht durch das Werk, wie es etwa Keilberth oder Serafin zu tun pflegten, erzeugt aber eine Balance zwischen dem Orchesterspiel und den Singstimmen, die für dieses Werk wohl ideal ist.
Die Sänger der Hauptrollen nun, sind, vom ersten bis zu letzten Platz, wie für dieses Werk geschaffen. Das mag eigenartig klingen, da besonders Carreras und Ricciarelli selten im Studio Leistungen brachten, denen man uneingeschräntes Lob zollen konnte. Außerdem ist es kein Geheimnis, dass Carreras zu diesem Zeitpunkt, wohl auch durch seine Krankheit, keine besondere Sicherheit und kräftige Schönheit in der Höhe mehr zu entwickeln vermochte. Und trotzdem ist sein Don José hörenswert, denn er war schließlich eine der Paraderollen von Carreras. Was er an Stimme wohl nicht mehr hat, macht Carreras durch reine Sangeskunst, Betonung und Phrasierung wieder wett. Lohnenswert also auch Carreras in einer Gesamtaufnahme einer von "Seinen" Rollen zu hören. Noch dazu liebte er von jeher eher das lyrische-schwärmerische, französiche Fach sehr. Katia Ricciarelli bewies in dieser Aufnahme, dass sie nicht nur ein Grund sein muss, dass man von Aufnahmen mit ihr Abstand eher nimmt. Eine "Nebenrolle" wie die der Micaela, ist wie geschaffen für ihren zarten und wenig strapazierfähigen Sopran. (Man denke nur daran, wie sehr sie ihr eigenes Bild trübte, durch ihre grässliche Turandot.) Hier klingt sie wirklich schön und gut vorbereitet. Ihre Leistung wertet diese Aufnahme wirklich noch weiter auf. Der Escamillo José van Dams kann als alleinstehender Grund angesehen werden sich diese Aufnahme zuzulegen. Wie immer ist sein Vortrag tadellos und erfüllt mit Glut und Liebe. Die Kraft und Stärke seiner Stimme lassen den Ausgang des Duells mit Carreras als Don José im ersten Bild des dritten Aktes allerdings etwas anders deuten.
Schließlich nun tritt das absolut wunderbare Element dieser Aufnahme vor die Ohren des Hörers: Agnes Baltsas Carmen. Nennt man die besten Darstellerinnen dieser Rolle (ob nun auf Platte oder auf der Bühne) in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, so steht sie ganz oben neben Giulietta Simionato und Victoria de Los Angeles. Ihre Stimme ist wie geschaffen für diese Rolle und in diese Aufnahme bringt sie auch ihre beträchtliche Bühnenerfahrung als Carmen mit ein. Das Timbre ihrer Stimme allein würde schon ausreichen um eine überzeugende Carmen vorzulegen, doch sie bleibt der Rolle dennoch auch von der gesanglichen Darstellung her nichts schuldig. Da sollte man, bei aller Subjektivität und allen Vorlieben für bestimmte Sänger, die in den unterschiedlichen Kritiken der diversen Amateur-Rezensenten vorgetragen werden, doch das Mindestmaß an Objektivität und Kenntnis von der Partie, ihren Hintergründen und ihrer Bedeutung aufbringen, um einer Künstlerin nicht Unrecht zu tun. Ein letzter Punkt, der dieser Aufnahme einen hohen künstlerischen Stellenwert sichert, allerdings wenig mit Gesang und Dirigat zu tun hat, sind die Rezitative. In den meisten Carmen-Aufnahmen, ja in den meisten Opern mit Rezitativen wirken diese auf Platte doch ausgesprochen störend und befremdlich, weil unnatürlich und unpassend vorgetragen - nicht so in dieser Aufnahme. Mit wenigen Worten gesagt, ist diese Ausführung der Rezitative wunderbar.
Was dieser Aufnahme wohl am meisten schadet, ist nichts, was sie selbst etwa an Mangelhaftem beinhalten könnte, sondern das bloße Vorurteil gegenüber den Sängern Carreras, Ricciarelli und Baltsa und gegenüber dem Stil, den Karajan gegen Ende seines Lebens praktizierte. Es mangelt wohl einfach an Fairness, um dieser Aufnahme den Stellenwert zuzusprechen, den sie rechtmäßg verdient. Haben ein Werk oder eine Aufnahme Ecken und Kanten, so muss das nichts mit seiner völlig souveränen Meisterschaft zu tun haben.