Von kaum einer Oper gibt es so viele Aufnahmen wie von Carmen. Die meisten davon haben aber leider Hauptdarstellerinnen, die vor allem wegen ihres Aussehens oder ihrer Popularität zu der Rolle gekommen sind, ohne sie wirklich zu kennen oder stimmlich zu beherrschen.
Regina Resnik dagegen war eine Carmen mit großer Bühnenerfahrung, die man hier in jedem Ton hört. Wie sie hier artikuliert und phrasiert, ist von unübertroffener Eleganz und Genauigkeit und trotzdem unheimlich ausdrucksvoll.
Allerdings ist sie von der reinen Stimmqualität nicht mehr in absoluter Toppform: Die Sängerin hatte ihre internationale Karriere 1944 an der Metropolitan Opera in New York als Sopranistin begonnen, u. a. bei den Bayreuther Festspielen 1953 die Sieglinde gesungen. Erst 1955 wechselte sie ins Mezzofach und ihre späteren Aufnahmen zeigen, dass dies nicht ganz freiwillig geschah: Ihre Stimme ist von einer gewissen Rauheit, die im Prinzip gut zur Carmen passt. Die höheren Töne flackern allerdings ziemlich, und die Register fallen stark auseinander, vergleichbar mit späten Callas-Aufnahmen.
Trotzdem: Die Amerikanerin ist eine der wenigen stilecht "französischen" Carmen-Darstellerinnen und überzeugt mich insgesamt sehr.
Joan Sutherland reiht sich nahtlos in die lange Reihe der absoluten Luxusbesetzungen der Micaela ein (Freni, te Kanawa, Gheorgiu ...), Tom Krause ist ein kraftvoller, ausdrucksvoller Escamillo, und auch die Nebenrollen lassen keine Wünsche offen.
Damit bleibt noch der Don José von Mario del Monaco, der mich positiv überrascht hat: Gerade angesichts des Aufnahmedatums (1963) klingt seine Stimme ausgesprochen frisch und gesund. Er bemüht sich sogar um von ihm ganz ungewohnte leisere Töne und wird von Resnik zu einer recht sensiblen Interpretation angestachelt. Einzig seine starken Vokalverfärbungen ("La Fläär quä tie m'avais jätäääe") stören etwas - trotzdem eine seiner überzeugenderen Aufnahmen.
Das Orchestre de la Suisse Romande begleitet präzise und lebendig, der amerikanische Dirigent Thomas Schippers wählt sehr frische Tempi und einen schlanken Ton, vermeidet damit Spanien-Klischees. Zusammen mit Resnik und dem weitgehend frankophonen Ensemble zeigt er, dass Carmen eben keine spanische, sondern die französische Oper überhaupt ist.
Insgesamt also gehört diese Carmen zu den guten, der zur absoluten Spitze -
Beecham mit der wunderbaren de los Angeles,
Solti mit der überwältigen Troyanos - allenfalls etwas stimmlicher Glanz bei der Carmen fehlt - und Nicolai Gedda oder Placido Domingo als noch bessere Josés.