Alejandro González Iñárritu mag keine fröhlichen Filme, deshalb dreht er auch keine. Egal, welches seiner Werke man sich ansieht ("Amores Perros", "21 Gramm", "Babel"), meist geht es um tragische menschliche Schicksale, Schmerz, Trauer und Ungerechtigkeit. Zu lachen haben Iñárritus Protagonisten in der Regel nichts und ähnlich geht es dem Zuschauer, der sich mit Iñárritus Werken auseinandersetzt. Iñárritus bisherige Werke haben mir nicht sonderlich gut gefallen, zu schwer fiel mir der Zugang zu Geschichte und Charakteren, zu verschachtelt und symbolträchtig war mir seine Erzählweise, zu deprimierend die Gesamtaussage. Besonders Iñárritus bevorzugte Erzählstruktur, verschiedene, scheinbar unabhängige Episoden nach und nach miteinander zu verknüpfen, konnte mich nicht wirklich überzeugen, obwohl ich generell nichts gegen diese Stilmittel in Filmen habe. Mit "Biutiful" weicht Iñárritu erstmalig von dieser Eigenart ab und erzählt seine Geschichte stringent und chronologisch. Er bleibt sich allerdings dahingehend treu, sein neuestes Werk wieder traurig und düster zu inszenieren. Der einzige Lichtblick in "Biutiful" ist Javier Bardem ("No Country for old Men", "Das Meer in mir"), der eine beeindruckende und tief erschütternde Performance abliefert.
Uxbal (Javier Bardem) ist zweifacher Vater und Kleinkrimineller in Barcelona. Seine manisch-depressive Ex-Frau Marambra (Maricel Álvarez) ist nicht in der Lage, sich um Tochter Ana und Sohn Mateo zu kümmern, da sie noch nicht mal ihr eigenes Leben auf die Reihe bekommt. So versucht Uxbal, neben seinem Kleinganoventum seinen Kindern eine halbwegs vernünftige Erziehung angedeihen zu lassen, was in dem Umfeld, in dem sie groß werden, ein schwieriges Unterfangen ist. Uxbals Lebensraum sind die tristen Hinterhöfe Barcelonas, die schmutzigen Gassen und seine marode und düstere Wohnung, aus der er für seine Kinder ein halbwegs annehmbares Zuhause zu schaffen versucht. Als bei ihm eine tödliche Krebserkrankung festgestellt wird, die ihm nur noch wenige Monate lässt, versucht Uxbal, sein Leben doch noch irgendwie auf die Reihe zu bekommen und seinen Kindern eine zumindest rudimentär gesicherte Zukunft zu ermöglichen. Doch fast all seine Versuche sind zum Scheitern verurteilt und der Tod klopft immer vehementer an Uxbals Tür.
Iñárritu nimmt sich satte 148 Minuten Zeit, Uxbals Geschichte zu erzählen. Und obwohl der Film mindestens eine Stunde zu lang ist, ist er nicht langweilig. Man merkt, wie wichtig es dem Regisseur ist, dass der Zuschauer Uxbal umfassend versteht und nachhaltig in sein Leben eintauchen kann. Dabei reiht sich Misserfolg an Misserfolg, die Probleme häufen sich und Uxbals Leben wird in seinen letzten Monaten nicht nur aufgrund des Krebses noch einmal besonders schmerzvoll. Sein buchstäblicher Kampf gegen Windmühlen, die sich hier Worte wie Schicksal, Pein, Unfall, Gewalt und Lügen auf die Flügel geschrieben haben, ist so erschütternd wie aussichtslos.
Das Paradoxe ist: Uxbal ist kein schlechter Mensch, im Gegenteil. Er versucht nur, irgendwie zu überleben und bekommt dabei immer wieder Knüppel zwischen die Beine geworfen. Aufgewachsen ohne Vater, unterkühltes Verhältnis zu seinem Bruder, eine gescheiterte Ehe und der harte Kampf auf der Straße um ein wenig Respekt und Geld zum Überleben. Die Krebserkrankung macht seinen Plan, seine Kinder zu beschützen (auch vor der labilen und temporär gewalttätigen Mutter) und ihnen vielleicht irgendwann ein besseres Leben zu ermöglichen, mit einem Schlag zunichte. Die Zeit rennt ihm davon und er kann nur noch versuchen, seine Angelegenheiten halbwegs zu regeln und seine Kinder unterzubringen, bevor er stirbt.
"Biutiful" hätte keine zweieinhalb Stunden gebraucht, um seine Geschichte zu erzählen. Iñárritus Inszenierung ist so eindringlich traurig, hoffnungslos und erschütternd, dass dem Zuschauer schon viel früher klar wird, was Iñárritu vermitteln will. Der Film ist zu lang, aber erstaunlicherweise kaum langweilig. Langsam aber sicher taucht man ein in Uxbals schmutzigen Mikrokosmos aus Kriminalität, moralischer Verderbtheit und Überlebenskampf. Und hat man sich erst einmal zurechtgefunden in dieser tristen, stinkenden, deprimierenden Welt, wächst die Sympathie zu Uxbal stetig und nachhaltig. Man fühlt seinen Schmerz, man riecht den Müll der schmutzigen Hinterhöfe und dunklen Gassen, man fühlt sich erdrückt von der kalt beleuchteten Enge in Uxbals Wohnung. "Biutiful" macht den moralischen und physischen Schmutz, dem Uxbal tagtäglich ausgesetzt ist, fühlbar. Und einige Szenen hat Iñárritu so grausam realistisch und kompromisslos inszeniert, dass einem die Tränen in die Augen schießen, einfach, weil dieser an sich gute Mensch so ein Leben nicht verdient hat.
Die eingeschobene Symbolik, die Iñárritu hier überwiegend gekonnt visualisiert, wirkt nur an einigen Stellen etwas platt, einfach deshalb, weil der Film so eindringlich ist, dass er auch ohne diese visuelle Unterstreichung ausgekommen wäre. Dennoch fügen sich auf Stromleitungen sitzende Tauben im Sonnenuntergang über Barcelonas Dächern mühelos in die ansonsten düstere Erzählstruktur.
Javier Bardem liefert hier eine wahre Glanzleistung ab. Sein getriebener, von Schuldgefühlen geplagter, verzweifelter Uxbal, der jeden Tag aufs Neue ums Überleben kämpfen muss, dominiert nahezu jede Szene und zeugt in jeder Sequenz von Bardems außergewöhnlichem Talent. Feine Nuancen von Schmerz, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit spiegeln sich auf seinem traurigen Gesicht wider, bis einem selbst die Tränen in die Augen schießen, wenn er schließlich hemmungslos weinend zusammenbricht. Einmal mehr beweist Bardem, warum er einer der besten europäischen Schauspieler ist: er verschmilzt nahezu mit seiner Rolle und spielt so authentisch, dass es weh tut. Auch die weiteren Rollen sind gut besetzt, am ehesten fällt hier noch Maricel Álvarez als Uxbals Frau auf, die die labile, depressive und überforderte Marambra glaubhaft darstellt. Doch auch die Rollen der Kinder und "Geschäftspartner" von Uxbal wirken realistisch und überzeugend.
Kleine Abzüge also für die Länge des Films, die ihm zwar nicht schadet, aber nicht nötig gewesen wäre, zuweilen zu laute und enervierende Sounduntermalung und eine manchmal etwas überfrachtete Symbolik, die aber fast gänzlich durch Bardems fantastische Performance negiert werden. "Biutiful" ist kein schöner Film, er ist hart, dreckig und deprimierend, er bringt einen zum Weinen und macht traurig. Dennoch ist er biutiful, weil Inszenierung und Darstellerkunst beeindrucken und er so manches für uns verwöhnte Mittelständler wieder etwas mehr ins rechte Licht rückt. Vier von fünf Tränen, die wir um Uxbal weinen sollten.