Wow.
Ich staune über die vielen schlechten Bewertungen für diesen Roman. Er scheint zu polarisieren, was gut ist, weil es zu Auseinandersetzung anregt. Mit sich selbst, dem/der PartnerIn, gesellschaftlichen Zuständen... Die Vehemenz, mit der einige Rezensionen hier verfasst wurden, zeugt für mich davon, dass das Buch bei vielen LeserInnen wunde/ wahre Punkte im positiven sowie im negativen berührt hat - und allein dafür bekommt Bitterfotze von mir schon 5 Punkte.
Ich habe Bitterfotze vor einiger Zeit von einer Freundin geliehen bekommen, als meine Tochter etwa drei/vier Monate alt war. Seither habe ich es mir selbst angeschafft, es schon drei Mal verschenkt und viele Male mehr anderen Müttern oder Frauen, die in nächster Zeit Mütter werden wollen empfohlen. Nicht als besonders klug machende Lektüre, sondern einfach als Schmackerl. Das unterhaltsam auf das, was da wohl kommt, vorbereitet und Gedanken zu vielen Bereichen, die sich um Gleichstellung in Partnerschaft und Gesellschaft und ums Familie gründen ranken, im Plauderton - mal ärgerlich-wütend, mal ohnmächtig-traurig, mal selbstreflektiert-humorvoll - erzählt.
Die Diskussion darüber, ob dieses Buch feministischer Literatur zuzurechnen ist, halte ich für fehl am Platz. Es ist ein Roman - nicht mehr und nicht weniger. Ein Roman, der Frau sein und Mutter werden zum Gegenstand hat, in der heutigen Zeit, die durch absolut ähnliche Biographien (Ausbildung + Erwerbsleben) von Frau + Mann und vielfach gleichberechtigte Liebesbeziehungen gekennzeichnet ist...
... bis das erste Kind ins Paarleben tritt. Dann ist mensch als Päarchen (sowohl Frau als auch Mann !!!) vor eine Tatsache gestellt: Die biologische Ungleichheit, die durchs Kinder bekommen absolut offensichtlich wird (insbesondere wenn die Mutter stillt). Allein für diesen Begriff: "Biologische Ungleichheit" bin ich Maria Sveland dankbar. Auch habe ich zwischen den Zeilen gelesen, dass wir Frauen ruhig stolz auf das sein können und sollten, was wir leisten, auch wenn uns die Gesellschaft fürs Gebären, Elternzeit nehmen, Hausfrauentätigkeiten und jeden Tag mit dem Kind auf den Spielplatz rennen, keinen Orden ausstellt. Einem Mann, der da mal auftaucht, aber schon: "Boh, toll, dass du das machst..." ;-) Sich dies bewusst zu machen, hat mir gut getan. Ich habe Bitterfotze als leichte und anregende Lektüre empfunden, die sich flüssig liest und mich mit ihrem Wahrheitsgehalt sehr oft zum Schmunzeln, zustimmend nicken, ärgerlich werden und auch mal zu Tränen (Stichwort Milchstau) bewegt hat.
Vielleicht führt in der heutigen Zeit einfach kein Weg an Bitterfotzigkeit vorbei (was soll die Diskussion über den Titel? Welcher andere Titel hätte denn diese Denke und die Gefühlslagen besser beschreiben können?!), mit deren Hilfe wir uns die vielen kleinen Ungerechtigkeiten bewusst machen können, die eben davon zeugen, dass eine Gleichstellung und gleiche Wertschätzung von Frau-Sein und Mann-Sein noch immer nicht erfolgt ist (z. B. unterschiedliche Gehälter bei gleicher Qualifikation). Besonders sympathisch wurde mir das Buch aber gerade, weil es sich nicht auf der Bitterfotzigkeit ausruht und kontinuierlich herumgiftet, sondern durchaus dazu anregt, auch über sich selbst und diese Zustände zu lachen.
Abschließend möchte ich noch ein kleines Plädoyer an alle Frauen loswerden:
Die Aussagen anderer Rezensionen, dieses Buch sei besonders für die Mütter geschrieben, die einer Berufstätigkeit nachgehen oder keine Baby-Kurse besuchen, halte ich für nicht angebracht. Mich macht die Diskussion und der Kampf zwischen berufstätigen und nicht-berufstätigen Müttern einfach nur traurig. Was für eine verschwendete Energie! Keines dieser Lebensmodelle kann doch per se richtig oder falsch sein! Sie sind einfach nur verschieden, eines nicht besser oder schlechter als das andere.
Warum achtet ihr einander nicht einfach gegenseitig darin, wie die andere ihre Mutterschaft lebt? Keine Lebensweise kann doch für alle richtig sein und alle glücklich machen! Und zu beurteilen, ob eine andere Mutter es richtig oder falsch macht, ist in meinen Augen Anmaßung und dient vielfach nur der eigenen Selbstbestätigung. Wie schade, dass wir Frauen das so oft brauchen: Andere abzuwerten, um uns dadurch selbst zu erhöhen... Es existieren so viele Wahrheiten und Wirklichkeiten wie es Menschen auf dieser Erde gibt und diese Vielfalt ist etwas wahnsinnig Kostbares.
Vielleicht hat der feministische Diskurs einfach ein bisschen mehr Toleranz nötig und sollte den Anspruch, EIN Modell für die emanzipierte Frau bereitzuhalten, aufgeben. Ich finde, es kann nicht angehen, dass die Emanzipation darin besteht, als Frau "draußen seinen Mann" zu stehen. Und auch nicht darin, dass Männer zu Hausfrauen werden. Ich glaube, das größte Problem ist die Überbetonung der Erwerbstätigkeit als (fast) einziges Mittel, um in unserer Gesellschaft Anerkennung (die jeder braucht) erwirken zu können. Und gerade die Frauen (berufstätig oder nicht), die tief darum wissen, wie viel Arbeit die häuslichen Reproduktionstätigkeiten jeden Tag aufs Neue machen, könnten doch mal damit beginnen, jene Frauen, die es auf sich nehmen, das allein zu stemmen, zu achten. Und damit auch sich selbst - ohne Arbeit draußen, vor der Arbeit draußen, nach der Arbeit draußen, neben der Arbeit draußen am Wochenende...