Es fiel mir schwer, das Buch zu lesen. Es waren sehr viele Gefühle, die es in mir auslöste. Sie waren ungeordnet. Manchmal deutlich und klar, manchmal versteckt. Den Impuls, aufzuhören, konnte ich unterdrücken. Doch zu hart war manche Schilderung. Sie löste genau das aus, was oft den Überlebenden geschehen mag und oft erlebt wurde und sie, nach meiner Phantasie, wieder hilflos machen wird.: Unglauben. Den Impuls zu leugnen, nicht wahr haben zu wollen, nicht zu glauben. Genau das war bei vielen Schilderungen schon früher das Erleben im Missbrauch, die Verzweiflung wurde nicht gehört, nicht ernst genommen.
Der erste Impuls, war, das Buch beiseite zulegen, um zu verarbeiten. Der zweite Impuls es zu Ende zu lesen und wirken zu lassen und dann zu verarbeiten.
Es gibt kaum etwas, was Trost spenden könnte. Das einzigste ist, das kleine Kind im erwachsenen Menschen an die Hand zu nehmen, ihm zu glauben, es ernst zu nehmen mit seinen Gefühlen und deren oft langer Unterdrückung.
Dies ist schwer, weil jeder, sein eigenes Kind in sich trägt und vor seinem inneren Kind wegläuft, Angst vor der Wahrheit hat. Nur ist das nicht vergleichbar mit dem Erleben des Missbrauchs.
Die Personen, die nahe stehen, wurden geliebt, geachtet oder gehasst. Plötzlich bricht eine andere Dimension ein, die verwirrt und die Gefühle in Unordnung bringt. Ein Schaden, der nicht mehr heilbar ist. Das Chaos im Gefühl ist da, der Boden unter den Füßen weggezogen, die Orientierung fehlt. Die Verletzung ist größer als nur die Gewalt der Schläge, die viele Menschen auch erlebt haben. sie geht tiefer, ist intimer, verletzender, geht an die Substanz.
Darüber die Drohungen, die Schuldgefühle, der Druck nichts zu verraten, die Wahrheit nicht aussprechen zu können und die ganz reale Angst, "Mir glaubt doch sowieso keiner." Eine kranke Familienatmosphäre von Heimlichkeiten, von Tabus schädigt jede Kinderseele. Hier ist es schlimmer. Offenheit wäre die einzige Möglichkeit der Rettung und der Weg ist für das Kind in seinem Erleben zugemauert.
Der normale Mensch kann es sich leisten, wegzulaufen vor seinem inneren Kind, seinen kindlichen Erlebnissen der alltäglichen Ohnmacht. Der missbrauchte Mensch kann sich das nicht mehr leisten, die Wunden sind zu tief. Er bedarf mehr der Heilung als nur bei einem oberflächlichen Kratzer. Die Schnitte sind tief und verletzender. Weglaufen wird tödlich.
In dieser Situation ist das Buch für die Betroffenen der erste Schritt zur Heilung. Das Projekt "Bittere Tränen" ist für sie der erste Schritt auf einem langen Weg aus der Nacht. Das "nur" ungeliebte Kind in mir ist aber auch froh, dass es ein besseres Los hatte und nur abgelehnt wurde und wird.
Es gibt viele Kinder, die sich schuldig fühlen, wenn sie ihre Eltern verlassen, obwohl das ihre Rettung wäre. Und wie reagieren die großen Leute?
Ein einsames Kind, das von zu Hause weggelaufen ist, so versteht es sich für den Bürgerlichen ganz von selbst, gehört doch wieder zu seiner Familie, seinen Eltern.
Keiner fragt, warum es weglief.
Woldemar Taets v. Amerongen,
Dipl.-Psychologe, Familienerfahrungen aus der eigenen Familie und langjährige berufliche Erfahrungen aus den Berichten von Alkoholikern, Alkoholikerinnen und Drogenabhängigen, geb. 1949, lebt in Osterholz-Scharmbeck.