Bitte ein Brit! von Wolfgang Koydl erinnert in seinen schwächeren Momenten an Kishons Satiren (der Mann verdient das Geld und trägt die Last der Welt, die Ehefrau gibt das Geld aus und erteilt Anweisungen und die Teenager-Tochter ist undankbar und verwöhnt), in seinen stärksten Passagen an Max Goldt (etwa der Vergleich Innenpolitik = der Hund von Baskerville, Aussenpolitik = der Hund von Paris Hilton. Letzterer hat zwar mehr von der Welt gesehen, kann sich aber in der Hierarchie einer Zeitung kaum durchsetzen), zumeist aber an Herbert Feuersteins Reiseberichte. Eine sehr solide Mischung, die mich hervorragend unterhalten, informiert und amüsiert hat. Keine Lachanfälle, aber ein Dauerschmunzeln hat mich durch die Fortsetzung von Fish and Fritz begleitet. Das ich das erste Buch noch nicht kenne hat meinem Lesevergnügen keinen Abbruch getan.
Einen Grossbritannien-Reiseführer ersetzt das Buch nicht, dafür weckt es grosse Lust auf eine baldige Reise ins vereinigte Königreich.
Die 18 Kapitel (mit einfallsreichen Titeln wie Eins, Zwei...) sind im Grunde genommen kleine Reportagen, halb Roman, halb Tatsachenberichte, zu einem Thema (Fussball, Antiquitäten, Essen usw.). Diese Texte lesen sich zwar literarisch aufgehübscht, aber zumeist doch authentisch. Zusammengehalten werden die Kapitel durch den Besuch des Chefredakteurs, für den Koydl nicht weniger als ein Treffen mit Queen (der Königin, nicht den Musikern) und dem Premierminister arrangieren soll. Hier verlässt Koydl dann die Realität ein wenig zu sehr um überzeugen zu können, amüsant sind die Szenen mit seinem Bonbon-lutschenden und stark parfümierten Chef mit dem überbordenden Ego aber durchaus.
Sämtliche Klischees über Briten werden behandelt (mieses Essen, Spleens, Hooligans etc.). Dabei wird manches, wenn auch nicht immer widerlegt, so doch zumindest modernisiert und differenzierter dargestellt. Immer schwingt grosse Sympathie für die eigenwilligen Insel-Bewohner mit. Baked Beans kannte ich bereits, Marmite hingegen war mir noch nicht geläufig. Auch die Besonderheiten zwischen Schotten, Walisern und Engländern fand ich sehr informativ und spannend. Für Freunde von Verhörern gibt es einen kleinen Gag, als sich Koydls russische Frau einen Airport wünscht. Das hat mich an eine deutsch-russische Bekannte erinnert, die auf meine Frage, welches Parfüm sie benutzt hat, antwortete: Languste. Gemeint war Lacoste. Es gibt viele solcher Szenen in diesem Buch, kleine Anekdoten aus dem Alltag. Deshalb wirkt der Humor in Koydls Neuen Abenteuern von der Insel auch so sympathisch. Hier wird nicht viel dazu erfunden, sondern mit Witz Erfahrungen des SZ-Journalisten Koydl als Reporter und Familienvater geschildert. Ein herrliches Buch für neblige Herbsttage bei einer Tasse Tee!
271 Seiten, Softcover