Produktinformation
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Davis gab den Musikern meist nur eine Basslinie und ein oder zwei Akkorde vor und lies sie dann im Studio fröhlich vor sich hin improvisieren. Davis hatte sein relativ freies Improvisationskonzept in den späten 50er und den 60er perfektioniert und wendete es auf ‚Bitches Brew' im elektronischen Kontext an. Das Resultat sind bis zu 26 Minuten lange, relativ freigehaltene, Stücke die keinem gängigen Schema folgen. Die Musiker auf ‚Bitches Brew' entwerfen ihre eigene Welt und die hat herzlich wenig mit Rock im traditionellen Sinne gemein. Hinzu kommt das Davis auf den meisten Stücken alle Rhythmusinstrumente verdoppelt. Es spielen also zwei Schlagzeuger, zwei Pianisten und zwei Bassisten mit verschiedenen Solisten gegeneinander an --- eine Menge Krach also. Doch diese Musik ist nicht, auch wenn es so scheint, chaotisch. Sie folgt nur ihren eigenen Regeln und einer internen Logik in der Musiker (anstatt vorgefertigten Strukturen folgend) ihre Improvisationen in Bezug auf einander entwerfen. Das alles ist nicht radikal neu: Davis Gruppen aus den 60ern, sowie John Coltrane's Band, von Ornette Coleman's Free Jazz mal ganz zu schweigen, hatten die Jazzimprovisation in diese Richtung schon weiterentwickelt. ‚Bitches Brew' ist demnach der nächste Schritt in dieser Entwicklung gewesen.
Allerdings ist die Darbietungsweise neu: die Platte macht, vor allem durch die Besetzung mit Topmusikern, die auf elektronisch verstärkten Instrumenten zu hören sind (u.a. Chick Corea (ep), Herbie Hancock (ep), Jack de Johnette (d), Tony Williams (d), John McLaughlin (g), Dave Holland (eb) und Ron Carter (ab)) ungemeinen Druck. Über Basslines und Schlagzeugrhythmen die eher an James Brown als an die Beatles oder Stones erinnern, entfalten die Musiker ein Kaleidoskop an Soundideen und spielen sich in Ekstase um kurz darauf wieder zu ruhigeren Tönen zurückzukehren. Und über all dem thront majestätisch Miles Trompete in einer lyrisch-melancholischen Art, die mit den Exzessen der Band eine wunderbar einigensinnige Einheit bildet.
Ich glaube, dass diese Beschreibung für sich selbst spricht: wer an einer eingängigen Verschmelzung von Rock und Jazz interessiert ist, der ist hier falsch. Man muss sich wirklich intensiv mit ‚Bitches Brew' auseinandersetzen und Neuerungen ziemlich offen gegenüber sein, um diese Musik schön zu finden. Hat man aber erst einmal die ersten Hürden genommen, dann entfaltet sich einem eine wirklich wunderbare Klangwelt, die ihresgleichen sucht. Berauschend! Ich würde dennoch Jazzneulingen dieses Album nicht empfehlen. Wer nach einem Einstieg in die Welt von Jazz, Rock, elektronsicher Musik und Funk sucht, sollte zu dem Bitches Brew Vorgänger ‚In a Silent Way' greifen. ‚Fillies de Kilimanjaro', das Davis auch im Jahr 1969 aufgenommen hat, eignet sich ebenfalls als guter Einstieg, da es weitaus eingängiger ist als ‚Bitches Brew' und ‚In a Silent Way'. Auch ‚Inner Mounting Flame' von Mahavishnu Orchestra und ‚Hot Rats' von Frank Zappa sind ein guter Kauf --- auf beiden Alben liegt die Betonung eher auf Rock als auf Avantgarde und Jazz. Danach ist ein Einstieg in die Welt von Bitches Brew garantiert einfacher. Wer sich allerdings von Anfang an auf ein musikalisches Abenteuer von ganz besonderer Qualität einlassen möchte, der sollte zugreifen. Davis Album ist ein absoluter Klassiker, der sich gegen eine einfache Kategorisierung sperrt. Auch nach wiederholtem Hören wird dieses Meisterwerk nicht langweilig.
Die hier vorliegende Remastered Version des Sony Legacy Labels besticht durch den guten Sound und eine gute Wiedergabe des Album Covers (für CD Verhältnisse jedenfalls). Wie die Originalversion ist auch die Remasterversion in zwei Alben unterteilt. Auf der ersten CD sind die beiden fast halbstündigen Improvisationen ‚Pharaoh's Dance' und ‚Bitches Brew' enthalten, die von allen Stücken am abstraktesten sind. Die zweite CD beinhaltet die kürzeren Stücke (15 mim) ‚Spanish Key' und ‚Miles Runs the Voodoo Down' in denen die Funkelemente am stärksten hervortreten, sowie das kurze Gitarrenstück John McLaughlin und die Ballade (die es in sich hat) Sanctuary. Als Bonus-Schmankerl gibt's das schleppend bluesige Stück Feio (mit Sitarverstärkung). Ein Stück moderne Musikgeschichte (wenn auch mit Hindernissen). (Mein Tipp: fangt mit CD 2 an und arbeitet euch dann zu den Stücken auf CD 1 vor).
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