Miles Davis trieb es ab 1969 nicht nur im Studio immer stärker zu elektrischen Klängen, er musste sich auch neue Auftrittsmöglichkeiten suchen, denn Jazzclubs erlebten damals ein Krise - das wird hier in den knappen, aber hervorragenden Liner Notes von Michael Azerrad erläutert. Und das tat er dann beeindruckend mit dem Isle of Wight Festival 1970. Geschätzte 600.000 Hippies kamen auf die Insel und der grandiose Film "Message To Love" von Murray Lerner fängt die Stimmung toll ein. Etliche machten auch Randale zu großartiger Musik. (Verwiesen sei hier auf das Set von Leonard Cohen, das meiner Meinung nach zu den besten Live-Aufnahmen aller Zeiten gehört.) Natürlich brauchte sich Miles vor keiner der anderen Bands verstecken: Er bläst einfach alles in Grund und Boden. Diese knapp 36 Minuten sind Hitze pur, passend zu den hochsommerlichen Temperaturen. Überall fiept und zirpt es aus den beiden E-Pianos von Keith Jarrett und Chick Corea, für das Fundament sorgen Dave Holland und Jack DeJohnette, Airto Moreira schmückt alles mit seiner Percussion aus. Und Gary Bartz tupft die Klanggebilde mit seinem Saxophon bunt an. Immer wieder wird das Tempo variiert, zurückgenommen, gesteigert. Ein kurzes "Sanctuary" sorgt für eine Miniruhepause, doch dann geht's auf ins furiose Finale. Das sollte wirklich auch jeder an Rockmusik Interessierte 'mal gehört haben.
Einen Kontrast dazu bilden die ersten drei Tracks aus Newport, da hier nur ein Quartett spielt. Wayne Shorter war leider im Stau stecken geblieben und hat's nicht zur Show geschafft.
Die Isle of Wight-Aufnahmen sind der Fangemeinde von Miles Davis natürlich hinlänglich bekannt. In Auszügen ("Call It Anything"), auf DVD ("Electric Miles") und auf CD im Boxset "The Complete Columbia Recordings". Die farbenfrohe Aufmachung, die Liner Notes und der niedrige Preis rechtfertigen diese Veröffentlichung aber genauso wie die unübertreffliche Musik. Wenn jemand die Aufnahmen noch nicht besitzt und dieses Jahr nur eine Jazz-CD kauft, dann sollte es meiner Meinung nach diese sein...