Wer bei diesem Buch von H.R. Ramsauer ein Fachbuch zum Thema Vergebung erwartet, irrt.
Stattdessen finden sich neun kurze Essays, die als Artikel die von zwei imaginären Verfassern namens Norbert Fuchs und Manuel Schuster vorgestellt werden.
Am Ende verweist Ramsauer, der zwanzig Jahre im Finanzbereich gearbeitet hat' zuletzt als stellvertretender Direktor der schweizer Großbank UBS darauf, dass dieses Buch auf Forschungsresultaten zahlreicher Institute, Büchern, Autoren. Texten aus Online-Zeitungen, Blog und Internetforen basiert.
'Das Geschäft mit der Hoffnung' beschäftigt sich mit der problematischen Politik von Pharmakonzernen, denen Kommerz über die Wirksamkeit ihrer Produkte geht.
'Der Placeboeffekt' zeigt auf, dass der Glaube an ein Medikament vermutlich wichtiger ist, als das Medikament selbst.
'Gefühle im Kopf' beschreibt unglaubliche medizinische Vorgehensweisen ab den 50er Jahren unter dem Stichwort 'Lobotomie'. Die Idee dabei war, am Augapfel vorbei einen Eispickel i das Gehirn zu treiben und dort Nervenverbindungen zu zerstören, die angeblich für psychische Erkrankungen verantwortlich sind. Aus heutiger Sicht wahnwitzig, aber damals außerordentlich populär.
'Glück auf Rezept' berichtet von Medikamenten die ab den 50er Jahren für psychische Erkrankungen auf den Markt kamen und in 'Prozac' als Antidepressiva 1988 einen Höhepunkt erreicht hat.
'Gedopte Gesellschaft' beschreibt Mittel wie 'Pervitin', dass im 3. Reich als Aufputschmittel Soldaten in Massen verabreicht wurde. Ein Vorgehen dass auch andere Staaten bei Kriegseinsätzen durchführten und durch verschiedene Drogen, die Soldaten vor Ort zwar aufputschen oder auch beruhigen konnte, aber letztlich zu einer enormen Zahl von drogenabhängigen Soldaten führte, die zurückgekehrt oft nicht mehr den Weg zurück in die Gesellschaft fanden.
'Heroin ' von der Marke zur Droge' beschreibt die Entwicklung eines 'Medikaments' das gerne zum Entzug von Morphium und Opium genutzt wurde, aber ebenso bedenkenlos Menschen mit Schmerzen oder auch schwangeren Frauen verschrieben wurde. Der bedenkenlose und leichtsinnige Umgang mit diesem Mittel ist aus der Rückschau unglaublich, aber stellt auch die Frage, welche Medikamente heute in vielleicht gleicher Weise banalisiert werden und über deren Gefährdungspotential wir dann in 20 Jahren rückblickend staunen werden.
'Niemals Gewalt' beschäftigt sich mit der Erfahrung eines Strafgefangenen, der beschreibt, dass alle anderen Strafgefangenen, die er kennen gelernt hat, in ihrer Kindheit Opfer von Gewalt/Missbrauch waren! Die Auswirkungen von Gewalt und Missbrauch bei der Entwicklung von Kindern zu Erwachsenen weist einen signifikanten Zusammenhang auf mit eigenem Gewaltverhalten oder kriminellem Verhalten.
Erstaunlich, dass gerade im frommen Südteil der USA körperliche Gewalt sogar in der Schule immer noch erlaubt ist!
'Die Illusion des Bösen' erzählt von der haarsträubenden Geschichte und dem haarsträubenden Gerichtsprozess eines Jürgen Bartsch, der als Jugendlicher eine Reihe von Sexualmorden beging.
Ist er 'schuldig'? Dann verdient er Rache. Ist er 'krank'? Dann verdient er Mitgefühl.
Schuld und Vergebung werden als Thema aufgeworfen und im nächsten Essay weitergedacht.
'Heilung durch Vergebung' berichtet von der Lebensgeschichte der Eva Moses Kor, die als Zwilling im KZ von Dr. Mengele zu Versuchen an Zwillingen missbraucht wurde. Versuche in deren Folge Ihre Schwester Jahre nach dem überlebten KZ sterben sollte.
Eva Moses Kor hat ihren Peinigern vergeben und hat erlebt, dass sie selbst dadurch frei wurde! Dieser Geist der Vergebung wird im Essay auch weiter ausgeführt, wenn von Menschen in Israel/Palästina berichtet wird, die enorm viel Leid durch Gewalt und Tod des Kampfes Araber gegen Juden durchlitten haben ohne zu verbittern und dem Hass zu verfallen.
Gibt es ein Fazit. Es gibt mehrere, die auch in den kleinen Zwischentexten genannt werden:
- Es gibt keine Medikamente, die auf bestimmte Diagnose Heilung garantieren.
- Die Unterscheidung zwischen Genussmitteln , Drogen und Medikamenten ist aus wissenschaftlicher Sicht nicht haltbar,
- Heilung kann stattfinden, wenn der Arzt/Patient daran glaubt. Wichtige Voraussetzung dabei: Zuwendung und Mitgefühl.
- Paceboforschung verweist letztlich darauf, dass jede Krankheit einen psychosomatischen Hintergrund hat.
- Körper und Geist lassen sich nicht trennen. Vielmehr reife die Erkenntnis, dass es gar keinen Körper gibt. Der Glaube an die Materie sei das Resultat der eingeschränkten Wahrnehmung durch das menschliche Auge.
- Gewalt zerstört die Gesundheit. Gewalt mache nicht nur krank, der Gewalttätige selbst sei krank.
Ramsauers Buch endet mit einem ähnlichen Gedanken:
'Nicht Materie war unsere Realität, sondern Gedanken und Gefühle schaffen die Realität. Jede Geste der Versöhnung würde ihn dem Ziel näher bringen, jede Verurteilung einen Rückschlag bedeuten'.
Und er zitiert Mahatma Gandhi: ' Du und ich, wir sind eins. Ich kann dir nicht wehtun, ohne mich zu verletzen'
Wer nun als Leser einem der Themen weiter folgen will, findet im Anhang dafür reichlich weiterführende Literatur.
Mein persönliche Fazit: einen inneren Faden finde ich nur bedingt. Aber ich erlebe einen H.R. Ramsauer, der mir literarisch verpackt, Anteil gibt, an Gedanken und Erfahrungen, die im Lesen, Denken und Austausch mit anderem bei ihm entstanden sind. Gedanken, die letztlich zu einem konstruktivistischem Weltbild führen, auch wenn Ramsauer diesen Begriff nicht nutzt. Aber die Frage, wie wir 'Realität' konstruieren und wie erschreckend dabei das Motiv und die Haltungen von Menschen sein können, wird mehr als deutlich.
Ich empfehle die Lektüre dieses kleinen Büchleins sehr!