Dies ist das Buch eines Mannes, der als Historiker und Diplomat hohen Rang hat, dessen Begriffsprägungen (»Containment«) in das zeitgenössische Bewußtsein eingingen und dessen Analyse der sowjetischen Machtpolitik dazu beitrug, dem westlichen Europa nach 1945 eine Bestandsgarantie durch die USA zu geben. Es ist ein Buch von weiter Perspektive, stilistischer Prägnanz und minutiösem Detail.
Die Frage, die Kennan bewegt, ist die nach den Ursachen der Selbstzerstörung im Ersten Weltkrieg. Mit dem August 1914 begann jenes Zeitalter der Kriege und Revolutionen, das die Denker des 19. Jahrhunderts der europäischen Zivilisation vorausgesagt hatten und das dann, als es 1914 begann, doch alle Maßstäbe der Vergangenheit sprengte.
Mit der Entstehung der Französisch-Russischen Allianz von 1894 untersucht Kennan eine der Hauptkomponenten der Situation von 1914, die auch schon im Hintergrund der Balkankonflikte der letzten Vorkriegsjahrzehnte stand. Daß er seinem Buch einen Titel gab, der Bismarck in den Mittelpunkt stellt, beruht auf der Überzeugung, daß dieser in der Epoche von 1870 bis 1914 der einzige europäische Staatsmann war - vielleicht mit der Ausnahme des russischen Außenministers H. K. Giers - der nicht nur eine Vision der Schrecken der Zukunft hatte, sondern mit seinem außenpolitischen System auch alles tat, diese Schrecken zu bannen. Als die russisch-französische Militärkonvention 1892/94 entstand, war sie das Ergebnis eines Jahrzehnts der zuerst verdeckten rüstungstechnischen und ideologischen, dann auch finanziellen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Frankreich verfolgte das Ziel der »revanche« und der Wiedergewinnung der annektierten Provinzen, Rußland die Expansion in Richtung Ägäis und Adria. Kennan beschreibt den Prozeß der Annäherung auf verschiedenen Ebenen: auf der der wirtschaftlichen Interessen und der politischen Kulturen; auf der Ebene der wichtigsten Verbindungsgruppen; endlich im Bereich der Staatskanzleien,...