Vorhang auf für Jack Burns, einen neuen typischen John Irving Helden!
Zunächst einmal: knappe 1140 Seiten muss der Leser bewältigen und das ist - vorallem zwischen Seite 200 und Seite 400 - manchmal fast ein bisschen viel verlangt, denn wie immer geht Irving in die - manches Mal ein wenig geschmacklosen - Details. Aber gottlob wird man für sein Durchhaltevermögen auch belohnt, denn John Irving knüpft mit "Bis ich dich finde" an seine großen Romane "Garp" und "Hotel New Hampshire" an und so verheisst dieses Buch einen fulminanten Start in den neuen Bücherfrühling!
Jack Burns ist ein uneheliches Kind und seine Mutter sucht mit ihm gemeinsam in allen Hafenstädten Nord- und Mitteleuropas nach William Burns, der Orgelspieler ist und ein "Tintensüchtiger", den Alice - Jacks Mutter - über die Tattoo-Szene, der sie selbst angehört, kennen und lieben gelernt hat. All´die hartgesottenen alten Tätowierer, die Organisten in den verschiedenen Kirchen und die Huren in den Häfen geben eine wunderbare Kulisse ab für einen wirklich rasanten Start in die Entwicklungsgeschichte des Jack Burns, der seine weitere Kindheit schließlich auf einer Mädchenschule in Toronto verbringt, dort allzu früh sehr skurille sexuelle Erfahrungen macht und schließlich als Schauspieler eine ganz besondere Karriere macht.
Auf dem Höhepunkt seines Erfolges, nach dem Tod der Mutter, macht er sich erneut auf die Suche nach seinem Vater, vollzieht die Reise, die er als Vierjähriger machte nach und gewinnt ganz neue Einsichten...
Diese zweite Reise ist zugleich das stärkste Stück des Romans, der hier wirklich atemberaubend an Fahrt gewinnt und so gekonnt mit der verzerrten Wahrnehmung spielt, dass der Leser wirklich mit den zeitweisen Schwächen des Buches versöhnt wird.Alle Figuren bekommen viel stärkere Konturen und die Könnerschaft Irvings tritt deutlich hervor.
Es ist ein Buch, dass mir manchmal ein wenig uninspiriert erschien, allerdings nur auf den ersten Blick! Da er dieses Mal fast alle handelnden Personen erneut irgendwann die Bühne betreten lässt, hat das Buch dadurch eine sehr große Tiefe. Es ist ein Roman für Langstreckenleser, an dessen Ende man dann doch traurig ist, Jack Burns und seinen Kosmos verlassen zu müssen!
(Diese Rezension bezieht sich auf die gebundene Ausgabe)