Alex Blake ist Molekularbiologin in Washington und erhält den Auftrag, die durch Graffiti entweihten oder als Kerzenhalter missbrauchten Trophäen-Schädel - Schädel vietnamesischer Soldaten und Zivilisten, die nach dem Krieg von Soldaten als persönliche Mitbringsel in die USA geschmuggelt wurden - zu restaurieren, damit sie bei einer anstehenden offiziellen Zeremonie an Vietnam zurückgegeben werden können. Dabei stößt sie auf einen kleinen Brief, der im Inneren eines der Schädel steckt und von einem Massaker berichtet, verübt von amerikanischen Soldaten an vietnamesischen Zivilisten.
Sie versucht, das Geheimnis des Briefchens zu lüften - und stößt dabei auf unerwartete Widerstände.
Darüber hinaus wird die Leiche eines Geschäftsmanns aufgefunden, der in Vietnam eine Vermittlerfunktion beim Abschluss eines großen Öldeals innehatte. Hängen diese beiden Fälle zusammen? Und dann wäre da noch eine Frage, die ihren im Krieg getöteten Vater angeht: Ist es möglich, dass er etwas mit dem Massaker zu tun hatte?
Lori Andrews ist mit »Bis auf die Knochen« (im Original: The Silent Assassin) kein völlig neuartiger, aber trotzdem ein gut geschriebener solider Thriller gelungen (bei dem das Lektorat allerdings den einen oder anderen Tippfehler zu viel übersehen hat).
Von Beginn an wird die Protagonistin Alex Blake sehr facettenreich dargestellt; man bekommt als Leser neben vielen Infos zu ihrem Beruf auch genügend Einsichten in ihr Inneres und Privatleben, sodass einem die fast ununterbrochen in Jeans und schwarzen Rollkragenpullover gekleidete Alex schon bald sympathisch wird. Sie wird auch nicht zu einer dieser unbesiegbaren Superheldinnen gemacht, sondern bleibt stets menschlich und verwundbar - und somit glaubhaft und dem Leser nah.
Die anderen Figuren fallen etwas blasser aus, sind teils stereotyp und teils kaum mehr als ihre berufliche Funktion. Das wird aber durch den im Großen und Ganzen gelungenen Spannungsbogen (hin und wieder wurden ein paar Klischees eingebaut; einige Auflösungen waren etwas an den Haaren herbeigezogen) wieder wettgemacht und hat dem Buch nicht geschadet.
Einen Thriller über Kriegsverbrechen zu schreiben - auch wenn es sich in diesem Fall um ein fiktives handelt -, birgt immer die Gefahr in sich, effekthascherisch zu sein (siehe auch den trotzdem guten Thriller
Tokio von Mo Hayder). Dass die Autorin dazu Amerikanerin ist, macht die Sache - da es sich um den Vietnamkrieg handelt - nicht leichter. Aber im Endeffekt ist es ihr gelungen, das Thema in ihren Plot einzuarbeiten, ohne allzu reißerisch oder unsensibel mit ihm umzugehen. Auch bemüht sich die Autorin, diesbezüglich den rein amerikanischen Standpunkt zu verlassen und einen etwas ausgewogeneren einzunehmen.
Etwas verwirrend fand ich daher lediglich die Widmung des Buches: »Für die 58240 und die, die sie geliebt haben« - das ist die (ungefähre) Zahl der im Vietnamkrieg gefallenen US-Soldaten. Aber das soll jeder für sich selbst entscheiden.
Der Grund, weshalb ich nur vier Sterne gebe, ist, dass mich der Klappentext irregeführt hat. Der abschließende Satz »Alex fliegt nach Saigon (ein Anachronismus?) - und ahnt nicht, dass auch ihr Leben in Gefahr ist« hat zumindest mir suggeriert, ein Großteil des Buches spiele sich in Vietnam ab. Das war für mich der Hauptgrund, dieses Buch aus der Masse der Thriller zu wählen. Leider dauert ihr Vietnam-Aufenthalt nur etwa zwölf Seiten lang.
Insgesamt aber ein gelungener Thriller mit gutem Spannungsbogen und einer sympathischen Protagonistin.