Hinter der Autorin "Anonyma" steckt vermutlich das in Grundlinien wahre Schicksal der jungen australischen Autorin Nikki Gemmel, die sich in ihrer tagebuchartigen Erzählung zunächst in einer Vorzeige-Ehe ohne Erfüllung in der Liebe zurechtmogelt.
Das ist ohne Zweifel ein interessantes Thema, denn rund ein Viertel der Frauen leben in scheinbar normalen Beziehungen, ohne jemals zu einem Höhepunkt gekommen zu sein: Eine nicht zu unterschätzende Belastung für alle Betroffenen, die unweigerlich - mögen die Orgasmen noch so talentiert vorgetäuscht sein - bald auch ein verstörtes und desinteressiertes Verhalten des Gatten provoziert.
Ein anonym geschriebener elisabethanischer Ratgeber für Frauen animiert sie, mit eigenen Aufzeichnungen zu beginnen. Als sie ihren Mann Cole bei einem merkwürdigen Telefonat mit ihrer besten Freundin ertappt, verlässt sie die eingefahrenen Gleise. In einer Schreiber-Runde der Bibliothek lernt sie schließlich einen Mann kennen, der ebenso Probleme mit Liebesbeziehungen zu haben scheint - wenn auch aus anderen Gründen - wie sie selbst.
Die Geschichte kommt recht zäh in Gang und man kann nachvollziehen, dass manchem die langwierige Schilderung der trostlosen Ehe zu viel wird. Zudem erzählt die Autorin ohne Namen in der zweiten Person, was eine merkwürdige Distanz und Fremdheit zur Folge hat. Was auch irritieren kann, ist der Name "Theo" für ihre beste Freundin. Man überlegt immer wieder mal "Wer ist denn dieser Theo", bis einem wieder einfällt, dass sie ja ihre Freundin so nennt.
Einige der heftigeren sexuellen Eskapaden wirken aufgesetzt und unglaubwürdig - entweder ist es der Autorin trotzt scheinbarer Anonymität nicht gelungen, ihre Erlebnisse offen wiederzugeben, oder sie hat sie erfunden und ausgemalt. Distanz zur deftig realen Darstellung mag von manchen Sittenwächtern gelobt werden, in solchen Situationen schadet sie der Glaubwürdigkeit. Aber auf der anderen Seite sind viele der subjektiven Schilderungen außerordentlich offen und realistisch, insbesondere die Erfahrungen mit der Schwangerschaft kann man jeder Frau, die darüber nachdenkt, Mutter zu werden, zur schonungslos offenen Information empfehlen.
Insgesamt bleibt die Geschichte jedenfalls nachvollziehbar, die geschilderten Einschränkungen sind bei einer Autorin, die ihr erstes Buch schrieb und vor allem aus eigenem Erleben berichtet, verständlich und entschuldbar. Der psychologische Hintergrund, die Beziehung zur Mutter und zur Freundin, die Entdeckung der eigenen Sexualität und der Reifeprozess, der über all dem steht, beeindrucken und können für viele, die in einer ähnlichen Leidens-Situation leben, Hilfe und Anregungen bieten.
jury 4* A0826 22.12.2011e 5A