Die hilfreichsten Kundenrezensionen
|
|
20 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Und er war der Mann, der eine Prinzessin malte, 20. Februar 2009
Poetua, die Tochter eines Stammesführers in der Inselwelt der Südsee, kann er nicht vergessen. Immer wieder drängt sie sich in sein Bewusstsein, auch dann noch, als er längst wieder im drangvollen, regnerischen London durch die Straßen geht. Über sich einen matten Himmel, der mit dem ihren, der sich als riesige, in allen Blauschattierungen prunkende Kuppel über ein paar Erdfleckchen im Meer spannt, nicht zu vergleichen ist. Einst malte er sie auf der dritten, rund vier Jahre dauernden Reise mit Kapitän James Cook; es war die intensivste Zeit seines Lebens, von der er für den Rest seines relativ kurzen Lebens beruflich und emotional zehren sollte.
Die Fotografie war in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts noch nicht erfunden. Maler wie John Webber hielten wichtige Ereignisse fest, um sie der Nachwelt zu überliefern. Seine Sicht und vor allem seine Person stehen im Mittelpunkt dieses außergewöhnlichen historischen Romans von Lukas Hartmann, der sich hart an das hält, was man über James Cooks letzte Reise zu wissen glaubt und doch eine ganz eigene aufregende und fantasievolle Geschichte erzählt. John Webber, ein zur Melancholie neigender Asket und von Kindheit an entwurzelt, ist ein begabter Maler mit solider Ausbildung. Geboren in London und aufgewachsen in Bern, hat er sich nach einem Studienaufenthalt in Paris in der britischen Hauptstadt angesiedelt. Mit seinem Bruder Henry, der das Leben zu genießen weiß, lebt er mehr schlecht als recht und versucht, als Künstler über die Runden zu kommen. Die Chance seines Lebens bietet sich ihm, als er das Angebot bekommt, als dokumentierender Maler die dritte Expedition des damals bereits berühmten Kapitän Cook rund um die Erde zu begleiten. Nach kurzem Zögern nimmt die Landratte Webber das beängstigende und verlockende Angebot an. Das Meer nimmt ihn gefangen, im Guten wie im Bösen. Am Ende der qualvollen und doch so unendlich aufregenden Reise auf dem Forschungsschiff Resolution wird er die See im Blut haben und nie mehr loswerden.
Schon bald ist er von Cook, dem Kapitän der Resolution, fasziniert. Unnachgiebig und mit eiserner Hand regiert er sein Schiff, ein Mikrokosmos des britischen Weltreichs zurzeit König George III. Es sind, wie so oft, unruhige Zeiten. Die dreizehn amerikanischen Kolonien sind dabei, sich von England loszusagen, und mehr denn je verkörpert ein Kapitän der Royal Navy die Gesetze Englands. Cook erscheint oberflächlich ruhig und diszipliniert. Seine Macht stellen er und seine Besatzung nicht in Frage. Ehrgeiz, Entdeckergeist und sein wacher Verstand haben ihn zu dieser dritten Reise getrieben, die ihm die Admiralität auf seine Bitte hin gestattete. Aber unter der glatten Oberfläche des Kapitäns brodelt ein Vulkan aus Wut, Verbitterung und Überdruss, der sich immer wieder durch Ausbrüche Erleichterung verschafft. Auf seinem Schiff kommt er gleich nach Gott, daran lässt er keinen Zweifel. Vergehen werden hart bestraft, das gilt besonders für Diebstähle, die seine kalte Wut sofort an die Oberfläche katapultieren. Über andere Dinge dagegen sieht er hinweg, auch um sein Weltbild nicht zu gefährden. Wenn seine Matrosen in der Südsee bei der Hurerei jede Zurückhaltung aufgeben und zu mehreren kopulierend an Deck liegen, schaut er nicht hin. Die scheinbare Überlegenheit der englischen Rasse über die unzivilisierten, ja barbarischen "Wilden" fällt in der Glut der Gier und des Triebs schnell in sich zusammen.
Und Webber? Der Maler hält alles im Bild fest. Alles was ihm Cook erlaubt, wohlgemerkt. Die Zensur des Kapitäns steht unter dem Diktat einer "übergeordneten Wahrheit", die das Gebilde darstellt, wie man sich seinen Zeitgenossen und der Nachwelt präsentieren will. Vieles darf er malen und zeichnen, manches nicht oder nicht wahrheitsgemäß. Und festzuhalten gibt es so viel Fremdes! Die drangvolle, stinkende Enge an Bord, die sich die Menschen mit etlichen Tieren von Ungeziefer über Ratte bis hin zu Kuh und Pferd zu teilen haben. Hitze und Kälte, Nässe, die fast keine Ecke des Dreimasters trocken ließ. Die Kameraden, die Schicksalsgenossen sind und die wenigen Freunde, die durch die gemeinsamen Entbehrungen und Gefahren so nahestehend werden und doch wieder losgelassen werden müssen. Die fremden Landschaften, Tahiti, Kapstadt, Alaska, Sibirien... und die dazugehörenden Menschen und immer wieder der Himmel und das Meer in all seinen Erscheinungsformen und Farben. Webber malt und zeichnet, manchmal wie besessen, er wird immer besser. Seine Kunst ist sein Kosmos, sein einziger zuverlässiger Zufluchtsort auf dieser Welt, der ihm in großer Freude, Verzauberung, Verzweiflung und Depression zuverlässig zur Verfügung steht, bis zu jenem schicksalhaften 14. Februar 1779, dem Tag an dem Cook in der Kealakekuabucht auf der Hawaiiinsel, die wir heute Big Island nennen, ermordet wird. Danach ist nichts mehr wie früher, wenn auch Webber wieder malen wird, ja sogar täuschen, um die Admiralität und die ganze Welt, die ihre Helden ohne Fehl und Tadel haben will, zufrieden zu stellen. Nicht zufrieden jedoch ist die verbitterte Witwe des großen Kapitäns, der weder sein Portrait von Cook zusagt, noch das Szenario der Ermordung ihres Mannes. Mit den beiden Besuchen bei Elizabeth Cook beginnt und endet die Geschichte um den Maler John Webber und seine Reise mit James Cook, die neben dem permanenten Gefühl des Verlassenseins sein eindrücklichstes Erlebnis gewesen war, überstrahlt von der unerfüllten Liebe zu der polynesischen Prinzessin Poetea. So will es der Erzähler Lukas Hartmann, der mit diesem Buch geschickt Fakten und Fiktionen vermengte und eine wunderbare Erzählung schuf, die den Leser unweigerlich in ihren Bann zieht und auf eine aufregende Entdeckungsreise schickt. Wie alle guten Erzähler schafft er das beiläufig und ohne viel Tamtam. Wie die historischen Personen die diesen Roman bevölkern wirklich waren, werden wir nie wissen. Wohl aber wird uns einmal mehr bewusst gemacht, dass die Sehnsüchte und Wünsche der Menschen zeitlos und an keinen Ort, an keine Erziehung gebunden sind. "Das Herz ist ein einsamer Jäger" ist der wunderbare Titel eines anderen Romans aus dem Haus Diogenes, dessen Name wiederum als Synonym für erstklassige Unterhaltung gelten darf. In diesem Satz ist auch die Melodie dieses Werks enthalten. Ein Buch übrigens, das sich auch für jüngere Leser hervorragend zur (verbotenen) Unterderbettdecke-Lektüre eignen würde, wenn es denn die noch geben würde. Oder zur Verfilmung für einen der legendären Drei- oder Vierteiler wie "Die Schatzinsel" oder "Der Seewolf", die vor gut einem Vierteljahrhundert die Bevölkerung an den Adventssonntagen vor den Fernseher lockte.
Helga Kurz
20. Februar 2009
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich?
|
|
|
|
|
|
7 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Die dritte Fahrt des Kapitän James Cook, 18. Mai 2009
Wir schreiben den Juni des Jahres 1776 - der junge John Webber schifft sich ein auf der Resolution, zur dritten Fahrt auf dem Schiff des legendären Kapitän James Cook. Was dieser hier erlebt geht in die Analen der Seefahrt ein, neue Länder, Kartographie und die Entdeckung neuer Arten. Doch auf der dritten Reise unter dem legendären Kapitän Cook werden die Sitten und der Umgang rauer und insbesondere auch für die Eingeborenen schmerzvoller. Mit dem Buch BIS ANS ENDE DER MEERE ist dem Autoren Lukas Hartmann ein beeindruckendes Buch zum Thema Reiseberichte gelungen, welches ungeschminkt auch die nicht so schönen Seiten dieser Eroberungsreise aufzeigt.
Kapitän Cook, allein der Name lässt einen träumen, doch was so brillant auf der ersten und zweiten Reise begann wandelt sich zusehends in Hass und Folter, je mehr der Kapitän sich zurück zieht. Am Ende steht der Tod des legendären Seefahrers, auch dieser aufgenommen und porträtiert von John Weber, welcher ihn und sich damit weltberühmt machte.
Das Buch BIS ANS ENDE DER MEERE des Autoren Lukas Hartmann ist ein weiteres Zeugnis wie die europäischen Länder sich unvoreingenommen und doch mit heftigen Besitzansprüchen den Kolonien zuwandten. Es ist interessant zu lesen wie aus der europäisch gefärbten Betrachtungsweise am Ende ein echtes Stück Reisebericht wird, welcher die Dinge so zeigt wie sie tatsächlich waren.
Reiseromantik und Leseabenteuer in einem mit einem Schuss Gewalt und Unverständnis für die Bedürfnisse und Belange der Anderen.
Empfehlenswert!
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich?
|
|
|
|
|
|
4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Faszinierender Einblick in das Leben von Captain Cook, 2. August 2009
Beeindruckende Biographie des Malers John Webber, der mit Captain James Cook um die Welt gesegelt ist. Cook ist weitaus berühmter als Webber, dessen unspektakuläre Bilder hauptsächlich als Ersatz für die noch nicht erfundenen Photos dienten. Cook's letzte Reise aus der Perspektive eines Mitreisenden zu erleben ist dennoch eine gelungene Idee.
Auf der vierjährigen Reise um die Welt von 1776 bis 1780 begegnet Webber in der Südsee seiner großen Liebe (siehe Titelbild), die ihn für den Rest seines Lebens nicht mehr loslassen wird. Cook dagegen wird von Eingeborenen auf seiner dritten und letzten Südseereise in Hawaii umgebracht. Der grundlegende Konflikt wird geschickt aus der Sicht von Webber erläutert: Cook versucht im Auftrag der englischen Krone die entdeckten Inseln in Besitz zu nehmen. Während die Engländer den Polynesiern ihr kostbarstes Gut rauben - das Land, die Frauen und die Nahrungsmittel - beginnen die Einheimischen ihm alles stehlen, was nicht niet- und nagelfest ist.
Nirgendwo sonst prallen zu dieser Zeit Zivilisation und animalische Triebe so sehr aufeinander wie hier. Das Leben auf dem Schiff war hart, und desto paradiesischer kamen der Mannschaft die Inseln der Südsee nach Monaten der Entbehrung vor. Dementsprechend war das Verhalten der zivilisierten Briten in der Südsee alles andere als kultiviert. Aber Webber darf nur das malen, was Cook genehmigt, also weder die unmenschlichen Auspeitschungen der Schiffsbesatzung, noch die Geiselnahmen durch den Captain, um die Eingeborenen zum Ausliefern der desertierten Mannschaft zu bewegen.
Am Ende kehrt Webber ausgezehrt und desillusioniert von der Reise nach England zurück, aber die Erinnerungen an die Südsee werden ihn für den Rest seines kurzen Lebens begleiten.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich?
|
|
|
|
|
|
Die neuesten Kundenrezensionen
|