Im späten 18. Jahrhundert war es bei Entdeckungsreisen üblich geworden, Maler mit an Bord zu nehmen, um den Verlauf der Expedition und die Entdeckungen zu dokumentieren und um der Öffentlichkeit zugängliche Reiseberichte zu illustrieren. So war ein gewisser John Webber auf James Cooks dritter Reise (1776 ' 1780) dabei und fertigte zahlreiche, auch heute noch bekannte Gemälde von dieser Fahrt, die Landschaften, Expeditionsteilnehmer, Eingeborene und Szenen zeigen. Vom Künstler selbst, der erst 42jährig in London starb, ist recht wenig bekannt. Der Schweizer Autor Lukas Hartmann hat versucht, das Leben des Künstlers, die mögliche Wirkung der Reise auf ihn und die Entstehungsbedingungen der Bilder romanhaft zu verarbeiten. Dabei stütze er sich u. a. auf Dokumente, die ihm der Direktor der Burgerbibliothek Bern Harald Wäber, der ein Nachkomme des Künstler ist, zur Verfügung stellte.
John Webber, der eigentlich Johann Wäber hieß, war Sohn des nach London ausgewanderten Berner Bildhauers Abraham Wäber. Da der Vater nicht für alle Kinder sorgen kann, wird John im Alter von sechs Jahren zu seiner Tante Rosina nach Bern gegeben. Dort wächst er auf und geht beim Landschaftsmaler Johann Ludwig Aberli in die Lehre. Später studiert er an der Académie Royale in Paris, bevor er nach London zurückkehrt. Das Moment der Heimatlosigkeit und Entwurzelung wird ihn zeit seines Lebens kennzeichnen.
So ist es auch nicht verwunderlich, dass John, der sich in London inzwischen einen Namen gemacht hat, das Angebot der Royal Society, James Cook auf dessen dritter Reise zu begleiten, annimmt. Mehr als vier Jahre lang wird er unterwegs sein. Er erlebt die Enge und die Strapazen an Bord der Resolution, muss tropische Hitze, arktischen Frost, Orkane und die endlose Wasserwüste des Pazifischen Ozeans ertragen. Er trifft auf Eingeborene, die in gänzlich anderer Art und Weise leben. Dabei lernt er auf den Gesellschaftsinseln auch die Häuptlingstochter Poetua kennen, die er porträtiert und die Gegenstand seiner Gedanken und seiner Kunst bleiben wird. John Webber erlebt auch den hemmungslosen Sittenverfall der britischen Matrosen, die von den Eingeborenen viel nehmen, aber selbst wenig mehr als Krankheiten zurücklassen. Unter diesen Eindrücken stellt sich John auch die Frage, ob die Zivilisierten tatsächlich die Gesegneten sind und ob die vermeintlich Wilden wirklich der angeblich so weit entwickelten europäischen Kultur bedürfen oder man sie nicht lieber unberührt ließe.
Vor allem aber beschäftigt ihn die Person des Kapitäns. John erlebt James Cook als charismatische Führungsfigur, aber auch als düsteren, in sich gekehrten, zu Jähzorn neigenden Mann, dem möglicherweise ähnliche Zweifel am Sinn der eigenen Unternehmungen kommen, wegen denen er seine Frau jahrelang allein lässt, seine Kinder nicht aufwachsen sieht und nicht da ist, wenn sie sterben.
Tatsächlich deutet der Roman darauf hin, dass sich auf dieser dritten Reise im Inneren des Kapitäns eine Wandlung vollzogen haben muss, denn auf dem Porträt, das John Webber von James Cook anfertigt und das er nach der Reise Elizabeth Cook, der Witwe des Kapitäns, überlassen möchte, erkennt diese ihren Mann nicht. Auf einem anderen Gemälde, auf dem er den Wünschen seiner Auftraggeber nachkommt und Cooks Tod idealisierend darstellt, erkennt sie ihn ebenso wenig. Sie ahnt, dass sich die Ermordung ihres Gatten gänzlich anders abgespielt hat, als auf dem Bild zu sehen ist und dass der Kapitän seinen eigenen Tod möglicherweise selbst verschuldet hat. Solche und andere Erlebnisse während und im Nachklang der Reise werden John bis zum Ende seines Lebens nicht mehr loslassen und bleiben Gegenstand häufiger Reflexionen.
Lukas Hartmann hat auf der Grundlage von Gemälden, Dokumenten und Fakten Leerstellen interpretativ und spekulativ gefüllt und einen spannenden Roman über Entwurzelung, Sinnsuche und Entfremdung, über die Schattenseiten der europäischen Expansion, über die Geschichte hinter den Bildern, über die Beziehung zwischen Maler und Kunstwerk und über historische und konstruierte Wahrheit geschrieben. Neben diesen Themen erfährt der Leser viel über die Begleitumstände von Expeditionsfahrten im 18. Jahrhundert und kann mithilfe der im Anhang befindlichen Karte, der Orts- und des Personenregister viele interessante Details über James Cooks Reisen lernen. Die Person John Webber bleibt letzten Endes eher schemenhaft als ergründet; mehr ließ die Grenze zwischen Geschichte und Fiktion nicht zu.