Morrie Tanager lebt mit seiner Frau in einem Haus in einem spiessigen Vorort in Amerika. Alles geht seinen geregelten Weg. Morrie arbeitet als Lehrer, während seine Frau den Haushalt führt. Die Rechnungen werden bezahlt, die Hundehaufen im Garten werden mit absoluter Genauigkeit und Präzision entsorgt und ein aufgezwungenes Verhältnis zu den kleingeistigen Nachbarn wird im Rahmen von gelegentlichen Barbecues aufrecht gehalten. Mehr noch, Morrie arbeitet mit dem "Nachbarsmann" zusammen. Als Morries Bruder Jay, ein Veganer und Eskapist nach einem Unfall vorübergehend in das Haus der Tanagers einzieht und die (scheinbar) hedonistisch veranlagte Schwester Ida nach sechs Jahren Abwesenheit ebenfalls mal wieder in das Haus der verstorbenen Eltern eintrudelt, wird das Ausmaß des Dramas rund um die Beziehungen der drei Geschwister zueinander deutlich.
Die Eltern verstarben frühzeitig und so übernahm Morrie die Verantwortung für seine Schwester und den kleinen Bruder, eine Verantwortung, die er niemals ablegen konnte und wollte, diese aber immer wieder auf eine harte Probe gestellt wurde und wird. Denn so richtig ticken scheint hier keiner. Weder die Ehefrau Morries, die sich in ihrem Leben nichts sinnvolleres vorstellen kann, als den Eigentum einer perfekte Wohnung, samt Waschmaschine und dazugehörigem Trockner und der Gewissheit, dass regelmäßig "Geld reinkommt", noch Jay, der Bruder. Ein verschlossener und in sich gekehrter Mann, der das gesamte menschliche und tierische Leid auf seinen Schultern zu tragen scheint und den es nach dem Auszug aus seiner Wohnung in den Wald verschlug. Dorthin wo er Schlangen und Bieber beobachtete. Der kleine Bruder, der Probleme mit der Polizei hat, da die Erkenntnis, die Menschen müssen sich nur öfter berühren um glücklich zu sein, in eine strafrechtliche Ermittlung wegen sexueller Nötigung eines Kindes mündet. Ida, di Schwester, die aufgrund eines zurückliegenden, selbst verursachten und schwerwiegenden Unfalls, in dessen Folge ihr Exfreund im Rollstuhl landete, von Schuldgefühlen geplagt ist, die sich einem sexuell ausschweifenden Leben hingiebt um zu spüren, daß Leben in ihr steckt. Und auch Morrie selbst scheint in seinen Mittagspausen auf einer Parkbank darüber zu senieren, wie ein anderes Leben vielleicht aussehen könnte, zum Beispiel zusammen mit der Rollschuhläuferin, der er jeden Tag begegnet. Der gefangen ist. In dem Zwang der Verantwortlichkeit der eigenen Frau und den Geschwistern gegenüber und der Frage nach Sinnhaftem im eigenen Leben, einem vorstellbaren Ausbruch aus bestehenden Strukturen.
Der plötzliche Besuch des Bruders und der Schwester sorgt nicht nur dafür, dass die Vergangenheit alle wieder einholt und der verstorbene und herrschaftssüchtige Vater nach wie vor präsent zu sein scheint. An den unterschiedlichen Lebensformen jedes einzelnen Familienmitglieds, wird sich abgearbeitet. Die Familienzusammenführung führt auch dazu, daß die Beziehung des Ehepaares Tanager auf eine harte Probe gestellt wird und Morrie feststellt, daß es schwierig ist, mehrere Rollen in seiner eigenen Person zu beherbergen. Sowohl die des Ehemanns, als auch des Vater (obwohl kinderlos) und Bruders. All diese Rollen sind perfekt zu meistern, um jeden gleichermassen zufrieden stellen zu können.
Wenn man "Birds Of America" etwas vorwerfen möchte, dann könnte es der Umstand sein, dass dieser Film aus vermarktungstechnischen Gründen als Komödie angepriesen wird, dieser Streifen dem aufgedrückten Siegel aber nur bedingt gerecht wird. Ich würde "Birds Of America" eher dem Genre Drama zuweisen, auch wenn ein Charme und Witz zum Beispiel eines Wes Andersen mehr als einmal zu erkennen ist. Hervorragend sind alle schauspielerischen Leistungen. Besonders zu erwähnen sind hierbei Hillary Swank als aufgesetzte und durch-und-durch spiessige Nachbarin, Ben Foster als splieniger und irgendwie abseitiger Bruder und natürlich Matthew Perry, bereits bestens bekannt als Chandler Muriel Bing in "Friends", der in "Birds Of America" erneut eindrucksvoll beweist, daß er der "Meister des leeren Blicks" ist. Auch in diesem Streifen hätte er mehrfach die Chance gehabt, ein schmissiges "Oh My God" in eine ausweglose Situation integrieren zu können, verzichtet darauf allerdings (Gott sei Dank) und beweist, daß er eben mehr kann, als nur Chandler zu sein. Auch besticht der filmische Ideenreichtum und die dramaturgische Weitsicht. "Birds Of America" ist ein gelungener kleiner und ruhiger Film geworden, den man sich angucken sollte, auch wenn der Verglich mit "Darjeeling Limited" eben nur zu Teilen stimmt. Stimmen kann.