Eines meiner Lieblingsbücher über das Schreiben, auch wenn es so gut wie keine Rezepte und Schreibanleitungen enthält. Wer Techniken und Tipps sucht, ist mit James N. Frey und Sol Stein besser bedient, wer hingegen eine humorvolle Auseinandersetzung mit dem Schreiben an sich und dem Leben als Autorin, als Autor sucht, findet hier ein wunderbares Buch.
Anne Lamott nutzt ihre reichhaltigen Erfahrungen als Tochter eines Autors, als Autorin und Dozentin für Creative Writing, um ihren Schülerinnen und Schülern und auch uns Leserinnen und Lesern die Schönheit des Schreibens, aber auch dessen Härte und Grenzen zu zeigen.
Anne Lamott scheut sich nicht, auch die unerfreulichen Seiten des Lebens und der eigenen Person anzusprechen. Das Kapitel Neid habe ich mit großem Vergnügen und viel Wiedererkennen gelesen.
Dazwischen finden sich Hinweise zur Konstruktion von Figuren, zum Kulissenbau, zum Plot – und, ganz wichtig, zur Recherche, aber im Mittelpunkt steht ganz klar die Rolle und Bedeutung des eigenen Schreibens. Anne Lamott unterscheidet dabei ganz deutlich zwischen Schreiben als Lebenszwecke und Lebensziel und Veröffentlichen als eine mögliche Folge des Schreibens.
Noch Tage später habe ich über einige Anekdoten von Anne Lamott schallend gelacht und „Arnold“ wird mir wohl unvergesslich bleiben.
Im ersten Teil benennt die Autorin zentrale Grundregeln und Prämissen des Schreibens, der zweite Teil befasst sich mit dem mentalen Rahmen, den eigenen Ängsten und Neurosen, mit denen sich angehende SchriftstellerInnen herumschlagen müssen.
Als drittes schließlich werden praktische Tipps gegeben, die von Recherchebeispielen über Karteikarten bis hin zu Schreibgruppen reichen.
Im vierten Teil geht es noch einmal um die Rolle und Bedeutung, die dem Schreiben im eigenen Leben zukommen wird. Hier wird es mir dann doch zeitweise etwas zu esoterisch, ist wohl Geschmackssache.
Und abschließend streift Anne Lamott kurz Fragen des Persönlichkeitsrechts: wie soll ich Menschen in meiner Umgebung unkenntlich machen, damit sie mich nicht verklagen? (Ein Tipp: bei Männern hilft ein kleiner Penis, dann klagen sie nicht!).
Einen großen Pluspunkt erhält dieses Buch bei mir, weil es eben nicht die Super-Erfolgsstory ist. Hier rät keine Autorin, deren Erstling eine Millionenauflage schaffte, sondern eine Frau, die gerne schreibt, auf den Bestseller hofft, aber bisher nur begrenzt von ihrem Schreiben leben kann. Anne Lamott ist sehr menschlich, hat Höhen und Tiefen, Ängste und Schwächen, kurz, sie ist jemand, mit der sich eine Anfängerin identifizieren kann und daher Lust macht, sich an den PC zu setzen und den elenden Erstling zu schreiben. „Vergessen Sie nicht: Niemand muss Ihre Erstfassung lesen.“ (89)
PS. Wenn das alles noch nicht überzeugen konnte, in Bird by Bird lernt man auch, wie das Drahtding an einer Sektflasche heißt!