Wer aufgrund der Vorabveröffentlichungen "Crystalline" und "Cosmogony" dachte, Björk kehrt zu den eingängigen Melodien zurück, wird nun eines Besseren belehrt. "Biophilia" setzt auf abstrakte und eigenwillige Soundspielereien und Björk ist wieder einen entscheidenten Schritt in ihrer Entwicklung als Gesamtkunstwerk vorangegangen. Ich bin immer wieder erstaunt und begeistert, wie sie von Album zu Album noch einen draufsetzt.
Am ehesten lässt sich das Album mit einem modernen Gemälde vergleichen: Man schaut es an, sieht die abstrakten Formen und Farben, und auch wenn man das Kunstwerk nicht immer versteht, so strahlt es doch eine faszinierende Schönheit aus, die einfach begeistert. So oder so ähnlich geht es mir beim Hören von "Biophilia", die Soundkulisse nimmt reichlich skurrile Wendungen, die Instrumentierung scheint unkonventionell und einige Klänge reichlich schräg, doch das Gesamtwerk überzeugt mich voll und ganz, ist einfach nur faszinierend schön. Anders als bei vorangegangenen Alben kommt die Extravaganz hier vor allem aus dem Sound während Björks Stimme und Gesang vergleichsweise zahm klingen.
Moon - Zarte fast zerbrechliche Harfenklänge eröffnen das Album. Hier liegt in der Ruhe die Kraft, schöner und verträumter Song, bei dem Björks Stimme klar im Vordergrund steht. Die Choruntermalung erinnert etwas an "Medulla".
Thunderbolt - Was anfangs etwas düster und getragen beginnt entwickelt sich zu einem elektronischen Soundgewitter. Musik und Gesang klingen gegensätzlich und spielen doch perfekt zusammen. Keltische Chorgesänge verstärken Björks Gesang. Genial und wunderschön.
Crystalline - Im Vergleich zur Singleversion wurde etwas der Beat herausgenommen, die Bässe klingen flacher und der Song dadurch ruhiger. Nichts desto trotz bleibt die wunderschöne Melodie und der leicht schräge aber gute Grundsound. Auch der holprige Ausklang wurde etwas angepasst. Ähnlich strahlend und faszinierend wie seiner Zeit "Joga".
Cosmogony - Hier bin ich dann schon etwas erschrocken. Die zauberhaften und schönen Bläserklänge der Singleversion wurden weitesgehend ausgeblendet und sind nur noch ansatzweise zu erahnen. Dafür erklingt ein dezenter Synthiesound und eine dramatische Chorbegleitung. Die Genialität von Björks Stimme und die herrliche Melodie sind dann doch unverändert und versöhnen mich mit dieser Albumversion. Nicht so stark wie die Singleversion aber doch eine besondere Klangperle.
Dark matter - Auch das ist Björk wie ich sie liebe: Bizarre Klangwelten und schräge Melodie. Der Song ist wohl der schwierigste des Albums, klingt fast außerirdisch, doch dranbleiben lohnt sich, er wächst mit jedem Hören.
Hollow - Das ist das unbestrittene Highlight des Albums. Der Sound mutet wie dramatische Orchestermusik an, und ist doch Elektronik in Perfektion. Auf diese stampfende und monotone Musik eine Melodie zu singen schafft wohl nur Björk. Der Spannungsaufbau und die Dramaturgie des Songs ist einfach geil.
Virus - Leichtfüßig und melodiös kommt dieser Song daher. Björks Stimme klingt gar lieblich und zuckersüß, so habe ich sie eigentlich auch noch nicht gehört, vielleicht ansatzweise auf "Vespertine". Dazu passt dann auch der etwas klimprige Glockenspielsound.
Sacrifice - Fast klingt der elektronische Sound wie in einem tibetischem Kloster. Björk singt dazu in gewohnter Schönheit. Dann beim Refrain erklingen plötzlich harte Elektrobeats, die aber immer wieder vom Ausgangssound übertönt werden.
Mutual core - Die ruhigen, elektronischen Orgelklänge der Strophen weichen relativ harten und basslastigen Technoklängen während des Refrains. Und so wechselt der Titel stetig von einem in's andere Extrem. Und sie wäre nicht Björk, wenn daraus nicht ein perfekter und absolut geiler Titel würde.
Solstice - Fast endet "Biophilia" wie es beginnt. Ruhig und getragen mit schönen Zupfklängen. Im Vergleich zum Opener konzentriert sich der Song nun aber voll auf Björks Stimme. Der minimalistische Sound lässt "Solstice" wie ein A-Capella Stück klingen. Schön.
Aus den 3 Bonustracks der Limited Edition sticht wohl die "Original 7 minutes version" von "Hollow" heraus. Nah am normalen Albumtrack nur etwas intensiver und länger ist sie das Sahnestück der 3 zusätzlichen Tracks. "Dark matter", der ohnehin schwierigste Titel des Albums erklingt in einer anderen aber nicht minder schwierigen Version. Und "Nattura" dürfte auch schon hinreichend bekannt sein, hat aber nun einen würdigen Platz auf einem Björk-Album bekommen. So muss jeder selbst entscheiden ob Standard oder Limited Deluxe Edition.
Positiv ist mir diesmal auch das Artwork aufgefallen. Das erste mal seit Jahren kann man ohne Probleme die Schrift lesen und auch optisch ist die gute Björk schön anzuschauen. Diverse Schikanen wie beispielsweise die Ton in Ton Schrift von "Medulla" oder der Aufkleberverschluss von "Volta" bleiben uns hier erspart.
Neue Fans wird Björk mit "Biophilia" wohl nicht gewinnen, doch wer ihr bis "Volta" gefolgt ist wird auch von diesem Werk begeistert sein. Diejenigen, die sich bereits nach "Vespertine" von ihr verabschiedet haben werden halt mal wieder enttäuscht sein. Was soll's, ich weiß was ich an Björk habe und liebe und bin mit diesem Album mal wieder glücklich und zufrieden.