30 Jahre nach seinem Klassiker, "Phantasie der Schöpfung - Faszinierende Erkenntnisse der Biologie & Biotechnik" erschien 2002 die zweite Auflage von Werner Nachtigalls Lehrbuch Bionik - Grundlagen und Beispiele für Ingenieure und Naturwissenschaftler. Ausgehend von der Definition: "Bionik befasst sich systematisch mit der technischen Umsetzung und Anwendung von Konstruktionen, Verfahren und Entwicklungsprinzipien biologischer Systeme", stellt der Pionier der deutschen Bionik auf knapp 500 Seiten die vielfältigen Anwendungsfelder dieses Zwitters aus Technik und Biologie vor. Nach einem kurzen Abriß zu dessen Begriffsbildung und Geschichte, die bis auf die Vogelflug-Studien Leonardo da Vincis zurück reicht, geht Nachtigall zunächst auf Materialien und Konstruktionen in der Natur ein. Und die hat in der Tat einiges an Anschauungsmaterial für Ingenieure und Techniker zu bieten. Ob Krebse mit Panzern aus stahlharten Faserverbund-Werkstoffen aus Chitin, extrem reißfeste Spinnenfäden, Gräser mit unerreichter Biegesteifigkeit oder biologische Klebstoffe - Bioniker treffen in der Natur an allen Ecken und Enden auf Konstruktionen, die auch für technische Anwendungen zu gebrauchen sind. Klar, dass der Leser ob der Fülle an Beispielen schon einmal den Überblick verlieren kann. Um dem entgegen zu wirken, hat Nachtigall die einzelnen Kapitel in gut verdauliche kleine Lesehäppchen aufgeteilt, so dass auch dem eher unbedarften Naturwissenschaftler der Einstieg in die Bionik nicht allzu schwer fallen dürfte. Die weiteren Kapitel sind unter anderem der Robotik und Lokomotion, Sensoren und neuronaler Steuerung sowie der Natur entliehenen Verfahren und Abläufen, etwa der Nutzung der Sonnenenergie in Photovoltaik und Solarthermie gewidmet. Auch hier bleibt der Autor dem Häppchenprinzip treu: Stets kann sich der Leser einzelne Teilgebiete herauspicken und auch ohne große Vorkenntnisse verstehen. In weiten Teilen erinnert das Buch mehr an ein Lexikon mit etwas zu ausführlich geratenen Erläuterungen als an ein Lehrbuch. Es legt eher Wert auf gute Lesbarkeit und Verständlichkeit als auf Details. Wer sich dennoch tiefer in die Bionik einarbeiten will, dem hilft ein ausführliches Literaturverzeichnis. Schade nur, dass die durchgehend in Schwarz-Weiß gehaltenen, teils etwas kläglichen Abbildungen den guten Gesamteindruck etwas trüben. Die Farbtupfer kann sich der Leser allerdings im Großen Buch der Bionik holen - einem prallen Bildband mit weit über 1000 Fotos. Schön und bunt, aber nicht allzu wissenschaftlich.