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Jeffrey Burton Russells Ideengeschichte des Teufels
Er ist ein Meister der Verwandlung. In jedem Hund, jeder Ziege, jeder Schlange kann er verborgen sein. Meist aber schlüpft er in die Gestalt eines Menschen, erscheint als Bettler, Diener oder Händler, als eleganter Verführer oder als alte Vettel. Auch akademische Weihen sind ihm nicht versagt geblieben. Man kennt ihn als Arzt oder Architekten, als Theologen oder Mathematicus.
Seit seinem frühen Sturz zieht er das linke Bein etwas nach, die Knie sind unmerklich nach innen gedreht; die gelbschwarze Hose verbirgt das zweite Gesicht auf dem Gesäss. Seine Haut ist kalt, unter den abrasierten Brauen funkeln pechschwarze Augen, das schwüle Parfum scheint einen anderen Geruch zu überdecken. Am liebsten kommt er mittags oder um Mitternacht, aber er schätzt auch die Dämmerung, die Zeit des Übergangs. Einzig das Grauen des Morgens meidet er, der Hahnenschrei ist ihm zuwider. Wie es ihm dienlich ist, kann er sich unter die Menschen mischen und sein Aussehen verändern. Er selbst nämlich ist ganz und gar unsichtbar.
Fokus: Christentum
Umso weiter reicht seine Macht. Er lügt und betrügt, überredet und überzeugt. Mit den Menschenfrauen treibt er es auf wenig sittsame Weise. Er versucht die Heiligen, kriecht den Christen in die Seele und wiegelt die Heiden auf. Er verspricht alles und hält nichts. Nur den Blutpakt erfüllt er bis aufs Komma bis zum letzten Atemzug der verkauften Seele.
Es gibt nur wenige Gelehrte, welche mit Luzifer auf so vertrautem Fusse stehen wie Jeffrey Russell, der in Santa Barbara Religionswissenschaft lehrt. In seiner «Geschichte des Himmels» hatte Russell zuletzt noch verheissungsvolle Einblicke in die höheren Sphären eröffnet. Nun liegt ein sachkundiger Kurzführer durch die Unterwelt des Bösen vor. Allerdings beschränkt sich Russell erneut ganz auf die christliche Überlieferung. Die Teufel im Islam und im alten Iran, in Ägypten und Phönizien erwähnt er nur kurz; indische, tibetische oder aztekische Quälgeister und Höllenfürsten sind, obwohl kaum weniger aufdringlich, seiner christozentrischen Aufmerksamkeit offenbar entgangen.
Auch wenn man die Ansprüche an eine vergleichende Religionswissenschaft suspendiert, ist zu bedauern, dass Russell mit dem schwarzen Gelächter des okzidentalen Volksglaubens nichts Rechtes anzufangen weiss. Je unheilvoller die Mönche die Teufelsbrut zu schildern pflegten, desto populärer wurden Legenden, welche den bocksfüssigen Gesellen ins Lächerliche zogen. Die volkstümliche Komödie war ein bewährtes Gegengift wider die Macht des Klerus, des bevorzugten Betätigungsfeldes des Antichrist.
Für Russell indes ist Satan eine überaus ernste Angelegenheit. Des Teufels Ursprung liegt zwischen dem Glauben an die gütige Gottesmacht und der Einsicht in die Existenz des Bösen. Die Theodizee, der Rechtsstreit um Gott angesichts des natürlichen und moralischen Bösen, ist der systematische Bezugspunkt für Russells Ideengeschichte des Teufels.
Die Diabologie der Gebildeten, der Dichter und Gotteskünder beginnt mit der hebräischen Bibel. Sie führt über die Kirchenväter, die Scholastik, Mystik und Reformation bis zu John Milton, Mary Shelley, Dostojewski, Freud oder Thomas Mann. All dies referiert Russell knapp und meist zuverlässig. Durchkreuzt wird seine Teufelskunde freilich immer wieder vom Plagegeist persönlichen Bekennermuts. Nimmermüde klagt Russell über den modernen «Materialismus» und den aufgeklärten Ungeist, der das personifizierte Böse ins Reich des Mythos verbannt hat. Für den modernen Diabolisten hat die alte Logik des Glaubens nichts an Geltung verloren. Wessen Nichtexistenz nicht bewiesen werden kann, an dessen Existenz kann man weiterhin unbefangen glauben, sei es Gott oder der Teufel.
Bedeutsamer als die Chronologie der Teufelsideen ist der logische Raum der Diabologie, der sich Russells systematischen Zwischenbewertungen entnehmen lässt. Die logischen Fallstricke, die Beelzebub für seine Widersacher ausgelegt hat, sind über die Jahrtausende intakt geblieben. Der Teufelsgeist ist spitzfindig, er denkt in Paradoxien und Dilemmata.
Macht oder Moral?
Wenn alle Dinge von Gott kommen, dann kommt auch das Übel von Gott. Wenn Gott allmächtig ist, zugleich aber das Böse duldet, ja veranlasst, dann ist er kein gütiger Gott. Wenn Gott jedoch gut und der Teufel die Quelle allen Übels ist, dann ist Gott nicht allmächtig. Die allmähliche Verbesserung von Gottes Moral im Verlauf des Alten Testaments forderte geradezu die Abspaltung und Aufwertung Satans zu einer selbständigen Gegenmacht. Gottes Liebe ist nur um den Preis Luzifers zu haben. Wer es mit dem Bösen ernst meint, kommt daher um den Sturz des allmächtigen Gottes nicht herum. Wie auch sonst stellt sich in Gottes- und Teufelsfragen die Alternative: Macht oder Moral?
Das Dilemma des monistischen Gottesglaubens erzwang Rechtfertigungen, deren Grundmuster sich in den säkularisierten, politischen Ideologien von heute unschwer wiederfinden lassen. Das erste Ausweichmanöver ist die Verleugnung. Das Böse, so heisst es bei Augustinus, existiert gar nicht, es ist nur eine Lücke im Sein, ein Mangel an Gutem. Der Schmerz diene nur dazu, die letzten Weisheiten zu lehren. Doch wirklicher Schmerz ist kein Mangel an etwas, kein Defekt ohne Ursache, geschweige denn ein pädagogisches Hilfsmittel. Wenn Gott das ganze Universum ist, woher rührt dann dieser Mangel im Körper Gottes?
Abgestützt wird die Illusion der gütigen Weltherrschaft ferner durch die Degradierung des Teufels zum willigen Helfershelfer. Auf Gottes Geheiss bringt Satan mancherlei Unglück, um die Festigkeit der Gläubigen zu testen. Er verleitet sie zur Sünde, klagt an und vollstreckt die Strafe: Satan als Gottes Henker und Folterknecht, vielfach beschäftigt auf dem langen Marsch zur Tilgung alles Bösen.
Ein weiteres Modell vertröstet mit Hilfe des befristeten Interregnums. Der logische Gegensatz wird temporalisiert. Zwar ist Gott der Herr des Universums, der Teufel jedoch regiert seit Evas Fehltritt die Welt. Er bringt Krankheit und Tod, um die Ankunft des Gottesreichs hinauszuzögern. Christi Opfer war der erste Versuch, Satan vom Thron zu stürzen. Doch die Passion reichte nicht zur Tilgung der Erbsünde. Erst nach der Wiederkunft wird Satans Regime definitiv ausgelöscht sein. Warum aber lässt Gott die Menschen so lange warten? Justin, der Märtyrer, wusste die Antwort: Das Teufelsregime wird so lange andauern, bis so viele Christen für den Glauben gestorben sind, dass alle himmlischen Ränge wieder aufgefüllt sind, welche sich durch den Fall der Engel gelichtet hatten. Die Zahl der Engel muss unendlich gewesen sein.
Schliesslich die Theorie des freien Willens. Sie delegiert Gottes Verantwortung kurzerhand auf seine Geschöpfe. In einem heroischen Akt der Selbstbegrenzung soll er, so sagen seine Apologeten, seine Allmacht zurückgezogen haben, um die Güte in der Welt zu vermehren. Da ohne freien Willen eine moralische Wahl des Guten unmöglich ist, verzichtete er darauf, Entscheidungen der Menschen hinfort zu verursachen. Der Preis ist bekannt. Denn seitdem sind die Sünden nicht mehr zu verhindern, ohne die Freiheit zu widerrufen.
Der Zweck der Umkehrung ist freilich leicht zu erkennen. Mitnichten war die Willensfreiheit ein grosszügiges Geschenk an die Menschen. Sie wurde erfunden, um die Schuld zu übertragen. Sie sollte nur den göttlichen Urheber freisprechen und jeden Gedanken verhindern, dass seine Schöpfung von Anbeginn missraten war. Daran hat, entgegen allen frommen Hoffnungen seiner Widersacher, die Gestalt des Teufels stets erinnert.
Wolfgang Sofsky
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Keine leichte Kost, wer Schauergeschichten erwartet, wird enttäuscht, wer sich mit theologischen / philosophischen Theorien beschäftigen möchte, kommt hier auf seine Kosten.
Ein Stern wird abgezogen, denn für jemanden, der keine philosophischen Vorkenntnisse besitzt, gibt es zu viele im Buch nicht näher erklärte Fachwörter, das schmälert das Lesevergnügen, mir fehlt die ausführliche Beschäftigung mit Freud und Jung, das Nachwort, in dem der Autor seine eigenen - christlichen - Bedenken über die Zukunft zum Besten gibt, hätte er dafür einsparen können!
cz
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