Wie kann der Hunger zum Thema einer Biographie werden?
Unglaublich aber wahr: Amélie Nothomb entwickelt aus dem Thema ' Hunger' eine ganze Theorie der Politik des Notwendigen. Am Beispiel der Insel Vanuatu auf den Neuen Hebriden zündet sie die Idee, dass der Mangel an Hunger auch den Kampfgeist und den Eroberungswillen lähmt.
Das Fehlen des Hungers und der Not führt zu fehlender Flexibilität und Lebendigkeit. Lethargisch und satt lehnen sich die Menschen zurück und leben ihrem Überfluss, der fast einem Überdruss gleicht.
Nach einer kurzen Einleitung kommt sie zu ihrer eigenen Geschichte, der eines Kindes, das ständig Hunger hat, aber einen Hunger im übertragenen Sinn: sie kann von Glück und Liebe, von Zufriedenheit und Schönheit nie genug kriegen!
Glorifizierend fast erscheinen Mutter, Schwester und das Au Pair Mädchen Inge als ausgewiesene Schönheiten. Dagegen kommt sich Amélie vor wie ein hässliches Entlein!
Als Diplomatenkind lebte sie in Japan, China, New York und Bangladesch. Die Länder, Menschen und Abenteuer weichen mit ihren Eindrücken für das Kind und junge Mädchen auf den unterschiedlichen Diplomatenposten erheblich voneinander ab. In Japan muss sie in einen japanischen Kindergarten gehen und hasst das korrekte und eintönige Leben. Umso mehr liebt sie ihr japanisches, sanftes Kindermädchen! In China gibt es den antikapitalistischen Kulturwahn, der überall waltet. New York und Amerika entfesselt sie zu Begeisterungsstürmen,--hier ist das Leben schön, leicht, heiter erhaben und einfach herrlich. Von hier nach Bangladesch und Burma legt man einen weiten Weg zurück vom Reichtum in die Armut! Hier aber beginnt auch für die Autorin ihre eigentliche Hungerbiographie: sie wird zum hungernden Teenager mit der Krankheit Anorexie.
Die Schilderungen der Autorin sind von witziger Einfachheit. Sie berichtet aus den Augen des heranwachsenden Mädchens zuerst mit vier, dann mit fünf, in New York mit zehn Jahren und stellt ihre innere Welt zur Schau. Mit ihren Blicken sieht man die Schönheit, die Freiheit und das Liebesleben der anderen, und träumt von all' dem Glück, das sie selbst noch erfahren will! Beliebt und heiter, verwöhnt und sicher kommt sie aus einem familiären Umfeld, in der alle gut gelaunt und freundlich sind.
Über allem schwebt der Geist eines wachen Kindes, das, wenn auch widerwillig, in Burma, Indien und überall auf den Stationen der Botschaften in fernen Ländern die Schönheit der Natur und die Eigenheiten der dort ansässigen Menschen erlebt. Amüsant und leicht, locker und heiter ist diese Lebensbiographie eines Kindes, das während der aufgezwungenen Wanderjahre zum jungen Mädchen heranwächst. Erst ganz zuletzt hört man vom Ernst einer Krankheit, die ganze Teenagergenerationen erfasst und gravierende Folgen haben kann.
Eine gewisse Eitelkeit kann man der Autorin nicht absprechen. Ihr eigenes Leben und ihre Größenphantasien stehen im Mittelpunkt einer Erzählung, in der es zu Beginn noch um Hexen und Feen, zuletzt aber um Alkoholismus und Anorexie geht, Auswüchse einer Jugend, die alles hat und nichts begehrt und daran krankt und fast zugrunde geht.
Zum Glück für sie findet die Autorin zur Literatur, die ihre Rettung sein wird.