Wer Hits am liebsten so hört, wie er sie vom ersten Hören vor (mitunter) schon Jahrzehnten her kennt, wer Remakes und Cover-Versionen, die das Lied neu erfinden und komplett umgestalten, als Verrat am heiligen Original betrachtet, ja als Vergewaltigung und Schändung, der kann beruhigt "Ich bin" ein- oder auflegen (ja, auch auflegen, denn es ist das erste HRK Album seit genau 20 Jahren, was auch wieder als Schallplatte erhältlich ist - dickes Lob!) und wird glücklich sein.
Die Mühe, alles noch einmal neu einzuspielen, hätte man sich im Grunde auch sparen können. Das Verwenden der alten Original-Spuren und ein Herausschneiden von Kunzes Stimme an ein oder anderer Stelle und Hinzumischen der neuen Duettpartner, hätte im Wesentlichen dasselbe Album ergeben. Das ist etwas übertrieben, zugegeben, aber die Neuerungen muß man schon mit einer Ohren-Lupe suchen. Die Arrangements, die Strukturen (man vergleiche die Liedlängen Original vs. Remake), bis hin zu Gitarren-Soli, sind perfekt vom Blatt gespielt. Sofortige Wiedererkennung garantiert!
So ist "Ich bin" letztlich nicht viel mehr geworden, als das, was es eigentlich nicht sein wollte, ein normales Best of Kunze Album. Daher auch, trotz aller Kritik, vier Sterne, denn die Songs sind gut, publikumsgeprüft und nicht grundlos Hits geworden.
Auch wenn Kunze aus tiefstem Herzen Verehrende sicherlich andere Songs als die Besten auswählten, die hier versammelten sind schon im Kern die bedeutenden Hits die (hoffentlich) jeder kennt. Und 13 Jahre nach der letzten Kopplung "Nonstop - Das bisher Beste" ist ein neues Best of auch legitim. Doch so, wie es angekündigt wurde, hatte ich mir eben mehr versprochen.
Die Unterschiedlichkeit zu den Original-Versionen hängt letztlich nur an der Stimmfarbe der Duettpartner. Je weiter sie stimmlich von Kunze entfernt sind, umso deutlicher emanzipiert sich das Remake vom Original. Daher sind "Meine eigenen Wege" mit Achim Reichel, "Die Welt ist Pop" mit einem RRRammstein artig das "r" rrrollenden Joachim Witt und ein nur kraft seiner Stimme Soul gewordenes "Wenn du nicht wiederkommst" mit Stefan Gwildis, schon als Gewinn zu verbuchen.
Und dann das immer schon sterbensschöne "Lisa"! Im Original damals 1984 ohne Umweg über's Tonstudio gleich auf die Bühne und rauf auf's erste Live-Album "Die Städte sehen aus wie schlafende Hunde". Da war es schon ein Glanzlicht, und dann noch feiner, ergreifender in der nachgeholten Studiofassung von 1993. Jetzt ist es nur noch anbetungswürdig! Die dreckig, verkommene Stimme von Jan Plewka (Selig) im Kontrast zu Kunzes glasklaren stimmlichen Möglichkeiten, machen dieses Duett zur überirdischen Erfahrung - ganz groß!
Die anderen Duette mit Pe Werner (Dein ist mein ganzes Herz) oder Reinhard Mey (Ich bin immer für dich da 1) etc. heben sich, aufgrund zu großer stimmlicher Nähe, von den alten Versionen nicht sonderlich ab. Songs gut - die Idee des Duetts charmant und sympathisch - Ergebnis gut, aber unauffällig.
Besonders ärgerlich ist die Mutlosigkeit bei "Mit Leib und Seele" mit Julia Neigel. Was kann die Frau rocken, wenn man sie lässt. Und tatsächlich sind das Intro und die musikalische Gestaltung während der Strophen hier verhältnismäßig stark vom Original abweichend, treibender. Man erwartet großes, denk der Refrain hebt jetzt gleich völlig ab - denkste! Es klingt als singen Julia und Heinz relaxt vom Sofa aus und kuscheln ein wenig. Ich gönn's ihm ja, aber für die Aufnahme hätte beide ja mal kurz aufstehen können...
Sollten zwei Männer "Ich hab's versucht", diese einzigartige Hymne der aufrichtigen Reue, Selbsterkenntnis und der Bitte um Verzeihung, im Duett singen? Nein! Und sie tun es auch nicht. Erleichtert liest man schon im Booklet, daß Heinz den Mund hält, Klavier spielt und das Mikrophon allein Hartmut Engler überlässt. Gute Entscheidung, denn als Gesangs-Duett würde dieses Lied textlich nicht funktionieren.
Zwei der vierzehn Lieder der Platte sind keine alten Bekannten, sondern gänzlich neue Songs, die Kunze auch allein singt. "Fair play" und der Titelsong "Ich bin" sind beides Hochkaräter, wundervolle Nummern, die die Enttäuschung über die Mutlosigkeit der Neuaufnahmen gut abmildern.
"Ich bin" ist eine augenzwinkernde Selbstbespiegelung, wie sie nur Kunze zustande bringt, textlich und musikalisch wirklich groß. Ein Mann jenseits der 50 stellt fest, dass das Leben, wenn man es nicht so ernst nimmt, gar nicht so schlimm ist und er sich eigentlich ganz gut leiden kann.
Und "Fair play", mal wieder eine neue Komposition von Heiner Lürig, eine kraftvolle Ballade mit Mut zum Pathos und Mut zu klaren pro Europa Aussagen, wie ich sie von der Kanzlerin seit Monaten erwarte und nicht höre!
Textauszug: "... damit dieser Kontinent nie mehr an sich selbst verbrennt, braucht es Mut von Marathon (in Griechenland) bis nach Berlin! Ich sag Vive la différence, nein wir sind nicht alle gleich, aber das und gerade das macht uns so reich!"
Für solche Zeilen könnte ich ihn umarmen! Die Unterschiede betonen und als gemeinsamen Gewinn begreifen, anstatt eine politisch korrekte Egalität an der Oberfläche zu pflegen, eine Gleichmacherei die den Völkern das Zusammenwirken verleidet. Menschen sind nicht gleich, ganze Völker noch viel weniger. Europa als politische Einheit ist ein Gewinn, wenn wir die Unterschiede zum Nutzen aller addieren und nicht mit ausuferndem Bürokratismus egalisieren, wenn aus dem politischen auch ein erlebbarer, erfühlbarer Gewinn für die Menschen wird. Ein gemeinsames Europa kann nicht nur in den Köpfen erdacht, es muß vor allem in den Herzen der Völker entstehen. Das ist der Weg zur Akzeptanz, und ohne Akzeptanz wird es nie funktionieren. Ohne Pathos lässt sich so etwas kaum in Worte fassen. (Verzeihen Sie diesen kleinen politischen Exkurs, aber derzeit wird soviel auf der europäischen Idee herumgetrampelt, dass ich mir dieses kleine Plädoyer nicht verkneifen wollte, auch wenn es natürlich nicht wirklich in eine Plattenkritik gehört.) Das Lied taugt jedenfalls zur Europa-Hymne!
Abschließend leider noch eine schallende Ohrfeige. "Hunderttausend Rosen", Single vom Vorjahres-Album "Die Gunst der Stunde" ist hier nicht nur kein Duett, wie alle anderen Remakes, es ist auch kein Remake! Es ist exakt die Aufnahme von 2011! Was soll das?
War das Studio-Budget erschöpft? Keine Zeit mehr? Keine Lust? Ganz weglassen wäre dann jedenfalls die bessere Lösung gewesen, so fühlt man sich doch ein wenig verklappst.
Alles in allem, ein durchweg sympathisches Album, was aber zu sehr auf Nummer sicher geht und leider die Möglichkeiten, die sich ihm künstlerisch boten, nicht ausschöpfte.
(Anmerkung zur Vinyl-Edition: Doppel-Vinyl im Klapp-Cover, sehr gut + CD, noch mal sehr gut, Eischubtaschen leider nur in weiß, nicht gut, bedruckt mit Liedtexten wäre noch schöner gewesen, aber gut, immerhin zum ersten mal wieder HRK auf Vinyl seit "Draufgänger" (1992), da überwiegt die Freude!)