Dieses Buch ist ein ausgezeichneter Ratgeber für Menschen, die an den Pathologien ihres Arbeitsplatzes leiden, aber den naheliegendsten Weg - die Kündigung mit Aufbruch in eine förderlichere Umgebung - niemals in Erwägung ziehen würden.
Das kann dann der Fall sein, wenn man seine Arbeit und das Unternehmen eigentlich liebt, und es nur vereinzelte Störfaktoren sind, die im Alltag zermürbend wirken.
Wie man souveräner mit solchen Widrigkeiten umgeht, wird mit einer Fülle von Einzelbeispielen vorgeführt. Meistens handelt es sich einfach darum, mit schwierigen Kollegen oder Chefs besser klar zu kommen.
Der geplagte Mitarbeiter übernimmt also quasi die Rolle des Sozialtherapeuten für das Unternehmen, um es dort weiterhin aushalten zu können.
Ob das erfolgversprechend ist, hängt davon ab, wie krank das soziale Gefüge ist und wie weit der eigene therapeutische und erzieherische Einfluss reichen kann.
Das Buch macht Mut, sich nicht länger als Opfer der Umstände zu betrachten, sondern proaktiv für eine Verbesserung der eigenen Arbeitssituation zu sorgen.
Im Prinzip stellt der Autor dem Leser in Aussicht, es sei ihm möglich, dem Gruppeneinfluss nur mit der Kraft der eigenen Persönlichkeit zu entkommen.
Ob das zutrifft und wirkliche Erleichterung bringt, das kann jeder nach der sehr umfangreichen Anleitung im Buch selbst ausprobieren.
Damit kann man viel Zeit verbringen, den an möglichen Strategien und Vorschlägen stehen viele zur Auswahl, die geübt und getestet werden wollen.
Wenn das funktioniert - um so besser.
Ich sehe diesen Ratgeber jedoch aus guten Gründen etwas kritisch:
die volle Verantwortung für sein Wohlbefinden am Arbeitsplatz selbst zu übernehmen bedeutet ja auch, wenn ich gemobbt, krank und ausgebrannt bin, liegt das nur an mir selbst. Weil ich die Überlebensstrategien, sprich optimale Anpassung, an das Unternehmen eben noch nicht beherrsche.
Ab welchem Punkt aus einer klugen Strategie ein Verbiegung der Persönlichkeit wird, bei der man gegen seine Werte verstösst und nur noch taktisch operiert, bleibt dabei offen.
Und implizit bestätigt sich der Mitarbeiter jeden Tag mit diesen Verrenkungen:
Du darfst Deinen Arbeitgeber niemals verlassen, du musst das aushalten um zu überleben... das ist ganz und gar nicht souverän, sondern eine Haltung der Abhängigkeit.
Ich empfehle daher unbedingt parallel die Lektüre von
Ich arbeite in einem Irrenhaus: Vom ganz normalen BüroalltagDas hilft bei der ganz persönlichen Entscheidung, ob es sich lohnt, das überleben in der Firma XY zu trainieren - oder ob die eigenen Kräfte bei der Suche nach einer passenderen Arbeitsumgebung nicht sinnvoller eingesetzt wären.