In Hessen wird scharf geschossen: Kommissar Rünz (und damit auch dem Leser) fliegen in Darmstadt die Fetzen um die Ohren. Am Ende liegen zwei Leichen auf einer Industriebrache, ein dicker Italiener, dem der Anschlag galt, und die französische Austausch-Polizistin Charli, die in den Schusswechsel geriet. Einerseits ist das für die deutsche Provinz gleich zu Beginn des Buchs eine überdurchschnittliche Opferrate, aber andererseits sollte man auch nicht jeden in Deutschland beheimateten Krimi an der realen Verbrechensstatistik messen, weil sonst das Kapitalverbrechen in der deutschen Unterhaltungsliteratur nicht mehr vorkommt. Und gerade das, was Autor Christian Gude bezweckt, nämlich Kriminalgeschichten mit Lokalkolorit zu erzählen, müsste sich dann auf Einbrüche und Diebstähle beschränken, was sich so interessant lesen würde wie der Polizeibericht in der Heimatzeitung.
Soweit, so gut. Zum Darmstädter Umfeld gehört die Raumfahrt dazu, was Gude als Hintergrund für "Binärcode" nutzt. Eine spannende, nachvollziehbare Kriminalstory um diesen Themenbereich zu schreiben, ist dagegen eine ganz andere Sache. Am Ende fragt man sich, ob wirklich jeder von einer fixen Idee beseelte Freak die ins All gesendeten Signale nach seinem Geschmack manipulieren kann. Wohl eher nicht. Gude hatte offensichtlich großes Interesse daran, in seine Geschichte das Weltraumflair seiner Heimatstadt einzuweben. Vom populär-wissenschaftlichen Standpunkt her leistet er dabei eine ganze Menge, hat er doch akribisch recherchiert und sein Buch von wissenschaftlichen Fachleuten gegenlesen lassen. Vom Unterhaltungswert aber geht das konzeptionell nicht auf. Für diese Genre wirkt sich der wissenschaftliche Hintergrund eher verwirrend aus: Als Krimi ist das Buch zu wissenschaftlich, als Wissenschaftsbericht zu kriminell.
Was den Leser aber zu weiten Teilen versöhnen sollte, ist die ausgefallene Hauptfigur des Kommissar Rünz, ein schrulliger Waffennarr mit Beziehungsproblemen und einem guten Auge für die Neurosen seines Chefs. Dieser sehr schräg angelegte Charakter lässt Gude viel Raum für sarkastischen Witz, freche Bonmots und eine lockere Sprache, die auch manche Handlungsklippe erfolgreich überwindet. Es bleibt aber auch hier vieles in der Schwebe, wird angerissen und nicht zu Ende geführt (wie etwa die Paartherapie), wirkt dadurch etwas überfrachtet. Ein oder zwei Ticks weniger hätten es auch getan. Aber Gude hat ja mit Rünz einen Serienhelden kreiert, da möchte man schon heute an Schreibstoff für morgen denken. Wer also eine längere Bahnfahrt vor sich hat, kann sich mit diesem Buch ohne Spätfolgen die Zeit vertreiben.