Normalerweise halte ich ja nicht viel von Hellmuth Karasek, aber "sein" Billy-Wilder-Buch ist ein Volltreffer -- vor allem deswegen, weil er hier Billy Wilder erzählen lässt, ohne allzu oft störend dazwischenzufunken. Und Wilder h a t nicht nur unglaublich viel zu erzählen -- er k a n n auch erzählen! Dieses Buch wurde aus Interviews zusammengestellt, als sein Protagonist schon über 80 Jahre alt war. Kein Wunder also, dass es über 500 Seiten dick ist -- und keine einzige Seite ist langweilig!
Schon der Mensch Billy Wilder konnte auf ein bewegtes Leben zurückblicken: 1906 im k.u.k.-Galizien geboren und dort und in Wien aufgewachsen, die wilden Zwanziger in Berlin, der unaufhaltsame Aufstieg der Nazis, die Emigration in Frankreich, nach dem Einmarsch der Nazis die gerade noch geglückte Flucht die USA, nach dem Krieg die ernüchternde Rückkehr nach Europa, das Leben in Hollywood -- allein, wie Wilder diese dürren Fakten lebendige Geschichte werden lässt, lohnt schon die Lektüre...
Und nun erst der Regisseur Billy Wilder, der in Berlin noch die Anfänge und Glanzzeiten der Ufa miterlebt und -geprägt hatte, der mit den Großen der Branche gut bekannt, oft befreundet war: Marlene Dietrich, Ernst Lubitsch, Charlie Chaplin, James Cagney, Alfred Hitchcock -- diese Liste ließe sich noch lange, lange fortsetzen. Und dann Wilders Filme, witzig und gescheit von Anfang an, pointiert bis zum Geht-nicht-mehr, mit Pointen sogar dort, wo andere Regisseure nie drauf gekommen wären, dass man da noch einen draufsetzen könnte; Wilder, der in den prüden 50er Jahren den Spieß umdrehte und die Zensur durch witzige Gesten auf die Schippe nahm (man denke etwa an Tony Curtis' sich aufrichtendes Bein bei seinem Tête-à-tête mit Marilyn Monroe in "Manche mögen's heiß")...
Dieser Billy Wilder also plaudert aus dem proppenvollen Nähkästchen, erzählt über sein Leben und seine Filme, unterbricht die Geschichte seines nicht immer leichten Lebens immer wieder mit herrlichen Anekdoten etwa von den turbulenten Dreharbeiten seiner berühmtesten Filme, lästert über sakrosankte Hollywoodstars und was noch alles -- dieses Buch ist nicht nur eine Fundgrube für Cineasten! Dabei geht es hier nicht nur um Komisches; schließlich hat Wilder auch die dunklen Seiten der deutschen Geschichte erleben müssen.
Auch wenn Karaseks Schreibstil gelegentlich etwas penetrant komisch und geschwätzig daherkommt, so legt man "Billy Wilder" doch nicht aus der Hand.
Man will weiter zuhören, wenn dieser Ausnahme-Regisseur erzählt.
Am Rande noch ein Hinweis für cineastisch Interessierte: Die Filmographie im Anhang ist bestechend ausführlich und viel detaillierter als die einschlägigen Artikel auch in renommierten Filmlexika. Ein weiterer Grund, warum sich der Kauf dieses Buches lohnt.