Zunächst einmal ist die Zusammenfassung auf der DVD-Hülle (und folglich auch die bei Amazon) irreführend und teilweise falsch:
Der 18-jährige Billy (Dustin Belt) wird von seinem alkoholkranken, depressiven Vater (erschreckend unglaubwürdig gespielt von Allen Poe) aus dem Haus geworfen, nachdem der vor Selbstmitleid triefende Alte zufällig gesehen hat, wie Billy seinen besten Freund Rick geküsst hat. Nein, kein leidenschaftlicher, intensiver Kuss... Nicht mehr als die verhältnismäßig unschuldige Berührung zweier Lippen hat der zottelige Säufer mitbekommen, bevor er bibelschwingend angetorkelt kommt. Billy, der gerade erst dabei ist, seine Sexualität zu entdecken, wird als "Schwuchtel" tituliert und umgehend von der Farm gebrüllt.
Zu sehen ist besagter Rick in dem Streifen insgesamt nicht einmal fünf Minuten lang, wieso er es damit auf das Cover geschafft hat, bleibt mir ein Rätsel.
Der obdachlose Billy trampt nur mit 40 Dollar in der Tasche und dem, was er auf dem Leib trägt, nach LA, und erfreulicherweise bleibt hier all das aus, was man sofort befürchtet: Nein, er muss keine sexuellen "Gefälligkeiten" für die Fahrt, Essen oder Obdach anbieten. Nein, er gerät auch nicht in die Drogen- oder Stricherszene. Und nein, er wird auch nicht von allen Leuten ausgebeutet, die über das unbedarfte Landei schmunzeln. In meinen Augen definitiv ein großes Plus des Films.
Bevor es mit Billy weitergeht, stolpert man unvermittelt in einen ganz anderen Handlungsstrang: Eine stark angejahrte Drag Queen namens Thomas (vor allem anfangs unterirdische Leistung von Buddy Daniels Friedman) reminisziert, philosophiert und telefoniert schließlich mit ihrem besten Freund Mark, der kurz darauf einen Schlaganfall erleidet. Wie sich herausstellt, nicht zum ersten Mal. Sein Sohn James (sympathisch verkörpert von Hank Fields, der definitiv an Billys Seite auf das Cover gehört hätte) kümmert sich um ihn, merkt aber, dass er seinen stressigen Job als Profi-Photograph und die Pflege des Vaters zunehmend schlechter unter einen Hut kriegt. Also entschließt er sich, jemanden einzustellen, der das Haus in Schuss hält, Mark Gesellschaft leistet und einen Teil der Pflege übernimmt.
Zufällig (logo!) gerät Billy gleich nach seiner Ankunft in der großen Stadt in ein kleines, schlecht besuchtes schwules Café (nebst überkandidelter Fag Hag), an dessen schwarzem Brett er eben dieses Jobangebot findet. Trotz guter Bezahlung ist er der einzige Bewerber - und natürlich wird er ad hoc eingestellt.
Mark und Billy, der höflich und respektvoll mit dem alten Herrn umgeht, verstehen sich auf Anhieb.
Obwohl der Film sich anfangs sehr langsam entwickelt und in belanglosen Szenen verliert - ein deutlich dichteres Skript hätte hier nicht geschadet -, hat man doch den Eindruck, dass bestimmte Dinge überstürzt geschehen: So wird Billy nach kurzer Zeit bereits als Familienmitglied betrachtet. Hier wäre eine mit passender (!) Musik untermalte Sequenz in Zeitraffung, in der man die drei Männer bei verschiedenen Gelegenheiten sieht, geeignet gewesen, um diesen Teil glaubwürdiger zu gestalten.
Davon, dass Billy auch das "schwule Großstadtleben zu genießen" beginnt, wie es in der offiziellen Beschreibung heißt (hat der Verfasser selbiger den Film überhaupt gesehen?), kann keine Rede sein. Ein einziges Mal erfährt man, dass er mit ein paar Leuten um die Häuser zieht, die sich allerdings nur über ihn lustig machen, was den "Genuss" doch merklich trübt, so dass Billy schließlich verletzt und in Tränen aufgelöst zu James zurückkehrt.
An diesem Abend gesteht James, dass er sich in Billy verliebt hat, wonach die "unzerstörbare Verbindung" (siehe offizielle Beschreibung) zwischen Mark und Billy in den Hintergrund gerät. Prinzipiell prima, denn man will mehr sehen von James und Billy. Mehr gemeinsame Screentime, mehr Chemie, mehr Intensität, mehr Tiefe, mehr Leidenschaft, mehr, mehr, MEHR! Leider hofft man vergebens. Von der magischen Nacht der beiden bekommt nur Mark etwas mit, und der immerhin 129 Minuten umfassende Film nähert sich bereits dem Ende.
Unnötigerweise taucht zudem auch noch Billys Mutter auf und stiehlt weitere wertvolle Zeit. Eine moderne, tolerante Frau, von der man sich nicht vorstellen kann, dass sie sich mit jemandem wie Billys Vater auch nur gemeinsam in einem Zimmer, geschweige denn in einem Bett aufhalten würde. Warum sie den Jungen nach der Scheidung bei seinem Loser-Vater gelassen hat, obwohl sie wusste, dass Billy schwul ist und ihr auch die Einstellung seines Vaters dazu nicht verborgen geblieben sein dürfte, wird nicht enthüllt. Mutter und Sohn verstehen sich blendend (nichts zu klären, nichts aufzuarbeiten), machen einen netten Einkaufsbummel und essen Burger De Luxe. Wie gut, dass Billy inzwischen allein klar kommt.
Als dann James' drogensüchtiger Ex-Freund auftaucht, erreicht der Film seinen vorläufigen Tiefpunkt...
Große Schwachpunkte sind neben endlos ausgewalzten, weniger wichtigen Szenen vor allem die kläglichen Dialoge und die unpassende musikalische Untermalung, die wirklich in keinster Weise dazu beiträgt, dass man emotional involviert am Geschehen teilnimmt.
Schauspielerisch stellt Richard Lewis Warren als Mark den restlichen Cast in den Schatten, was zugegebenermaßen allerdings nicht gerade schwer ist. Dustin Belt (Billy) ist süß (die Unerfahrenheit nimmt man ihm sofort ab), aber (noch) nicht sonderlich ausdrucksstark, wodurch er - auch drehbuchbedingt - als Persönlichkeit recht eindimensional erscheint. Szenen mit hoher Emotionalität bringen den jungen Mimen zudem an den Rand der Überforderung. Möglicherweise ist das auch der Grund, warum eine sehr wichtige Szene nicht gezeigt sondern nur im Nachhinein aus dem Off von Billy kommentiert wird... Hank Fields ist ein paar Klassen besser, verleiht seinem Charakter schon allein dank seiner feineren Mimik und Körpersprache mehr Tiefe, aber um die Liebe der beiden vollends glaubhaft zum Leben zu erwecken und das Publikum wirklich mitzureißen fehlt es schlicht an Intensität.
Dennoch ist "An Angel named Billy" trotz aller Schwächen an sich eine nette, durchaus sehenswerte Story mit Happy-End. Als Theaterstück (oder Musical) mit geeigneten Darstellern, verdichtetem Drehbuch und substanzreichen Dialogen wäre "Billy" sicher ein Hit!
Noch ein paar Worte zur DVD: Positiv zu vermerken ist, dass der Film in Originalsprache zu sehen ist, allerdings fehlt mir die Möglichkeit, statt der deutschen englische Untertitel einzublenden. Die so genannten Extras sind kaum der Erwähnung wert: Kinotrailer und eine Bildergalerie. Wirklich ärgerlich sind die vollkommen unzutreffende Beschreibung und das unpassende Cover.