Als ich es fertig gelesen habe, hatte ich ein Problem mit dem Buch: Viele - sehr viele - Aussagen sind einfach nur unterste Schublade, dazwischen finden sich kleine Perlen.
Nun, worum geht es, Werner Fuld sagt, dass Bildung dumm macht [sic!]. Man solle sich doch auf wichtiges konzentrieren, am besten lässt man Goethe weg in den Schulen und führt Internetkurse ein. Mich erinnert das an die zweckrationale Anpassung des Menschen an ökonomische Bedürfnisse. Fuld hat zwar einen guten Punkt aufgegriffen, versteht es aber nicht ihn konkret, und wissenschaftlich auszuarbeiten - eher polemisch. Hier einige Beispiele:
Fuld kritisiert zwar (173 ff.) dass Englisch als lingua franca anerkannt ist, es aber nicht hinreichend gelehrt wird, kurze Zeit später regt er sich aber darüber auf, dass kein Hochdeutsch an Schulen vermittelt wird. Hier vergisst er aber den Einfluss der vermehrten Anglizismen in der deutschen Sprache. Zum anderen, auch wenn viele wissenschaftliche Aufsätze nur noch im Englischen Verbreitung finden, dass ist eher zu kritisieren, da ein Muttersprachler ja wohl viel besser mit seiner Sprache umgehen kann als mit einer Fremdsprache.
Makaber wird es auch hier: Auf Seite 190 spielt er den Gewalteinfluss durch Internet und neue Medien dadurch herunter, dass er meint in Brechts "Hauspoststille" findet sich auch Gewalt. Mir fällt dazu nichts mehr ein.> Cum hoc ergo propter hoc< - Ursache und Wirkung sind hier nicht klar einsehbar. Wenn man die "Hauspoststille" mit einem Vorverständnis lese, kann man sehr wohl unterscheiden, dass gerade die Gewalt einen aufklärenden Charakter hat.
Zudem fordert Fuld Medienkompetenz für junge Menschen. Die sieht er darin, wenn diese beim Lesen, Landschaftsschilderungen überblättern (S.242). Ich sehe darin eine Zweckrationalität, eine Verstümmelung der Kunst. Gerade diese Ungeduld und Ökonomisierung wird durch die neuen Medien vermittelt - kritische Worte gegen Medien finden sich bei Fuld nicht.
"Wir müssen auch in der Lage sein, das Alte zu vergessen." (S.245). Wie soll das bitte gehen? Das Neue begründet sich ja auf dem Alten. Fuld zitiert zwar Popper und Feyerabend, dabei vergisst er aber Lacatos, der aufgezeigt hat das es einen >harten Kern< gibt, der entweder teilweise verworfen oder ergänzt wird. Ganz zu schweigen von Thomas Kuhn, man könnte mit ihm argumentieren das Fuld einem Paradigma folgt. Aber wissenschaftstheoretisch ist Fulds Forderung sowieso als Absurdum zu bewerten.
Weiter auf Seite 244 stellt er mal, mit Verweis auf >die Zeit<, fest, dass die Psychoanalyse wiederlegt sei, das hätten empirische sozialwissenschaftliche Untersuchungen gezeigt. Aja Herr Fuld, nun könnte man wissenschaftstheoretisch argumentieren, dass man einen Beweis für diese Untersuchungen wiederum bräuchte. Es nimmt schon lächerliche Bahnen an.
"Von der Vergangenheit kann man nichts lernen" - wer will uns hier verdummen Herr Fuld (S. 248)? Aber warum wiederholt sich den die Geschichte nicht? Weil wir sie nun kennen, würden wir sie vergessen, würden wir die selben Fehler wiederholen.
Fuld hat sicherlich auch einige ansprechende Stellen, wie z.B. dass es mehr gute gekürzte Textausgaben der Klassiker geben sollte (S. 241). Oder aber auch, wenn er sagt in der Schule wird nur auswendig gelernt, aber kein Wissen an sich vermittelt. Oder dass Trockener Stoff veranschaulicht gemacht werden soll, wir aber auch Pädagogen brauchen, die sich wie Menschen benehmen, "ohne gekünstelte Worte", wie es schon Anton Baumgartner 1786 forderte (S. 41).
Aber:
Diese Diskussion geht dann doch am Entscheidenden vorbei, nämlich dass Kinder nicht gezwungen werden, sollen in die Schule zu gehen, sondern von sich auch lebendig die Welt entdecken (Summerhill). Dadurch hätten wir auch eine ganz neue Lernqualität, wir müssen nicht Auswendiglernen, sondern kritisches Denken fördern. Kinder sollen nicht nur wissen wie man ins Internet kommt, und gutes >Human-Kapital< darstellen, sie sollen eine kritische Distanz zu den neuen Medien haben. Das ist wichtig: Denn nur so entwickelt sich Persönlichkeit.
Von daher ist dieses Buch nur ausreichend. Sicherlich gut zum Durchlesen und Aufregen, aber nicht für den vertiefenden Blick.