Reheis baut sein kritisches Werk in eine überblickende Einleitung, vier etwas größere Kapitel und einen kurzen ausblickenden Schlussteil auf.
In der Einleitung beschreibt Reheis stark komprimiert, wie er das derzeitige Bildungssystem sieht: Bereits im Kindergarten beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit; in der Schule greift dann vollends ein "Zeitspar- und Beschleunigungsdiktat". Zeitersparnis wird in unserer Gesellschaft als effektiv bewertet, und soll später zu Konkurrenzvorteilen führen. Der Zeitdruck führt nach Reheis aber dazu, dass die Schüler nicht mithalten können und z.B. auf Nachhilfe angewiesen sind, und dass die Lehrer vermehrt gesundheitlich gefährdet sind. Insgesamt ist die "Turboschule ... gesundheitlich, ökologisch und sozial hochbedenklich". Im Extrem ("Gau") kann sie sogar zu solch dramatischen Ereignissen, wie dem Amoklauf in Erfurt im Jahr 2002 führen.
Doch soweit muss es laut Reheis gar nicht kommen: Die Lösung ist ein angemessener Umgang mit Zeit.
Im ersten Kapitel "Die Turboschule" beschreibt Reheis den Zeitdruck, der an der Schule herrscht - dabei konzentriert er sich (aus meiner Sicht leider) auf das Gymnasium und stützt sich auf allerhand Beispiele von Schülern, Eltern und Lehrern (meist aus Zeitungsartikeln) und einige wissenschaftliche Artikel. 45-Minuten-Takt, Orientierung am Output/an Testergebnissen usw. führen dazu, dass Bildungsinhalte zu einem "Wegwerfprodukt" werden: schnell reinstopfen, in der Prüfungssituation auskotzen und dann auch schnell wieder vergessen, damit mehr Platz für den nächsten Müll ist, den man in sich hineinstopfen kann.
Noch schlimmer wird es aussehen, wenn das Bildungssystem erst mal privatisiert worden ist, und Bildung nicht mehr als Grundrecht, sondern als Ware begriffen wird. Aus neoliberaler Sichtweise sollte der Mensch im Bezug auf sein Leben unternehmerisch, als Ich-AG handeln und nur in die Bildung investieren, die sich letztendlich auch auf dem Arbeitsmarkt lohnen wird. Die Auswirkungen der Turboschule auf Schüler, Eltern und Lehrer werden in der privatisierten Schule verstärkt zunehmen, es droht eine "Ultrafastfoodbildung, die Turboschule 2.0".
Das zweite Kapitel "Was wachsen soll, muss reifen können" ist für Zeitneulinge (wie mich) relativ schwer zu verstehen, weil es auch sehr theoretisch ist. Reheis beschreibt in diesem Kapitel sein Menschenbild, das u.a. auf dem Pestalozzis fußt: Natur, das menschliche Geschlecht, samt seinem Werk der Kultur und das Selbst/die Eigenständigkeit des Menschen sind die drei grundlegenden Determinanten des Menschen. Die Schule muss sich daran orientieren. Nach Reheis hat alles seine Eigenzeit und ist eine Umwelt eingebunden, in der bestimmte Dinge sowohl zyklisch immer wiederkehren als auch sich linear weiterentwickeln. Reheis greift zur Erklärung auf Ökologie, Biochemie und Physik zurück. Diese Tatsachen müssen auch bei Bildungs- und Erziehungsfragen berücksichtigt werden. Bildung und Erziehung ist der Vorgang, der beim Menschen (= Geschöpf von Natur, Kultur/Gesellschaft und seiner selbst) Körper, Seele und Geist reifen lässt - durch Bildung und Erziehung entfalten sich "Kopf", "Hand" und "Herz".
Das dritte Kapitel "Schulen haben Eigenzeiten" beginnt mit dem "Gau" ("Wenn einer ausrastet"): Der unverantwortliche Umgang mit Zeit führte in vielen Beispielen zum Amoklauf; aber auch nach solchen schrecklichen Ereignissen wurde nicht innegehalten, um die Erfahrungen aufzuarbeiten, sondern es wurde möglichst schnell wieder zur alten Tagesordnung übergegangen.
Reheis' Vorschlag: Jetzt schon innehalten, bevor es wieder zu solchen Extremfällen kommt. Schüler, Lehrer, Lehrinhalte, Unterricht, die ganze Schule können verändert werden, so dass es zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit Zeit kommt. Handlungsorientierung, Projektorientierung, Schüler als Forscher, kooperatives Lernen, Teamarbeit der Lehrer usw. sind die Schlagworte. Gegen Ende des dritten Kapitels schildert Reheis die Ergebnisse einiger "Pioniere", die sich der Veränderung bereits angenommen haben (leider etwas zu kurz).
Im vierten Kapitel "Bildung ist mehr" geht Reheis auf den Auftrag der Schule ein, neben Aneignung von Wissen und Können v.a. die Persönlichkeit der Schüler zu bilden. Nach einer kurzen Gesellschaftskritik ("Vom kleinen zum großen Gau?"), wendet Reheis seine Kritik ins Positive: Bildung ist für ihn Genuss, führt zu Glück und Zufriedenheit, gibt Freiheit und findet in einer von Vertrauen und Anerkennung geprägten Umgebung statt. Um dieses Bild in die Tat umzusetzen ist allerdings ein mutiger Schritt notwendig: "die fundamentale Veränderung der gegenwärtigen Lebens- und Wirtschaftsweise".
Im Schlusskapitel "Schluss: Arbeit und Muße" fasst Reheis noch einmal das Ergebnis zusammen: wir müssen uns vom "Turbo-, Fastfood- und Wegwerfprinzip" verabschieden, die Ideologie des Wachstums durch eine ökologisch-kreislaufartige Stabilität ersetzen, einen "gemäßen Rhythmus von Handeln und Denken, von Arbeit und Muße" entwickeln, um den "menschlichen Willen zu befreien". Die Schule ist in einer solchen Welt der Ort, an dem Raum und Zeit für Muße zu finden sind.
Kritik:
Wie oben schon angesprochen, konzentriert sich Reheis v.a. auf das Gymnasium. Meiner Meinung nach läuft es dort auch am wenigsten gut. Durch die Verkürzung auf acht Schuljahre und gleichzeitigem Beibehalten des Lernstoffes wurde die Situation auch wirklich nicht verbessert. Hilfreich könnte hier vielleicht ein Blick in andere Schularten sein: An vielen beruflichen Schulen sind fächerübergreifender Unterricht, Teamarbeit unter Lehrern, Projektunterricht, Handlungsorientierung usw. nicht nur Wunschvorstellungen. Durch die neue Lehrpläne, die nicht mehr eine Unzahl von Inhalten auflisten, sondern Lernfelder beschreiben, die von mehreren Unterrichtsfächern gleichzeitig handlungsorientiert bearbeitet werden, wurde der Unterricht bereits jetzt entschleunigt.
Auch sehe ich es nicht als unbedingt notwendig an, eine "fundamentale Veränderung der gegenwärtigen Lebens- und Wirtschaftsweise" herbeizurufen. Reheis selbst zitiert Art. 151 der Bayerischen Verfassung, wo es heißt: "Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl, insbesondere der Gewährleistung eines menschenwürdigen Daseins für alle und der allmählichen Erhöhung der Lebenshaltung aller Volksschichten." Wichtig erscheint mir, sich dies wieder vor Augen zu halten und das Soziale in unserer Sozialen Marktwirtschaft wieder mehr zu beachten als die Marktwirtschaft.
Insgesamt ist Fritz Reheis' "Bildung contra Turboschule" ein recht flüssig zu lesendes Buch, das für jeden an Bildungsfragen und dem Thema Zeit interessierten Leser geeignet ist. Als Einstieg in die Zeitthematik war es mir sehr hilfreich, obwohl das zeittheoretische Kapitel schon etwas neu und ungewohnt war. Hier sind mir persönlich auch noch einige Fragen offengeblieben: Z.B. wenn alles seine Eigenzeit hat, wer definiert, was die Eigenzeit eines 16-jährigen Schülers beim Lernen ist? Und wenn wirklich alles seine Eigenzeit hat - wie lassen sich die verschiedenen Eigenzeiten in der Praxis synchronisieren; schließlich leben Menschen nicht allein und können nicht ohne Rücksicht auf die Eigenzeiten anderer Menschen handeln? Diese offengebliebenen Fragen haben mich aber nicht frustriert, sondern mir die weitere Beschäftigung mit dem Thema Zeit schmackhaft gemacht.