Lässt der Klappentext noch einigermaßen offen, was den Leser in diesem Buch erwartet, wird auf der Rückseite des Umschlags nicht mit Superlativen und Versprechen gespart. Denn dort wird, die Zeitschrift "Cicero" zitierend, Gerhard Roth als der wichtigste lebende deutsche Naturwissenschaftler bezeichnet, der die wichtigsten Fragen zum Thema Bildung, Persönlichkeit und Lernen beantwortet. Ob der 1942 in Marburg geborene Philosoph, Germanist, Musikwissenschaftler, Biologe, Zoologe und Professor für Verhaltenspsychologie nun tatsächlich der wichtigste deutsche Naturwissenschaftler ist, müssen andere beurteilen. Ich kann nur sagen, dass die wichtigsten Fragen zum Thema Bildung und Persönlichkeit auch nach der Lektüre seines Buches noch offen sind. Und warum dem so ist, erklärt Gerhard Roth selber, wenn er im zwölften Kapitel "Bessere Schule, bessere Bildung" darlegt, was Lehrende beachten sollten.
Lehrer müssen den Schülern Möglichkeiten bieten, konkrete Erfahrungen zu machen und Lernprozesse in soziale Situationen einbinden. Zudem sollte vorhandendes Vorwissen mobilisiert und erlernte Details mit dem Ganzen verbunden werden. Effektiver wird auch gelernt, wenn Informationen mit Erfahrungen und Bezug gebracht werden können. Das wiederum ist eher der Fall, wenn individuelle Kompetenzen berücksichtigt werden. All diese Ratschläge sind natürlich nicht neu und haben auch wenig mit Hirnforschung zu tun, wie Gerhard Roth selber betont. Aber da ohnehin nur wenige empirische Studien über die Wirksamkeit von didaktisch-pädagogischen Konzepten vorliegen, nimmt auch Gerhard Roth sich eine gewisse Narrenfreiheit heraus und leitet aus seinen langjährigen Erfahrungen im Schul- und Bildungswesen eine Art Theorie ab.
Auch wenn das Buch so angepriesen wird und einige Rezensenten die versprochenen Antworten offenbar entdeckten, muss eine wirklich fundierte Neurodidaktik erst noch erarbeitet und aufgeschrieben werden. Darauf weist Gerhard Roth ausdrücklich hin, wenn er seinen Lesern sagt, dass eine solche Theorie nur entstehen könne, wenn Didaktiker, Psychologen und Neurobiologen im Rahmen praxisorientierter Projekte zusammenarbeiten. Das wäre allerdings dringend notwendig, "sind doch die an Hochschulen betriebene Didaktik und Pädagogik für die Schulpraxis in großem Masse irrelevant, weil sie die von Psychologen und Neurobiologen gewonnenen Einsichten nicht aufnehmen oder sogar vehement ablehnen."
Ob Gerhard Roth von seinen Lesern auch wirklich verstanden wird, bezweifle ich. Denn in den ersten zehn Kapiteln bedient er sich einer Sprache, die mit Fachtermini gespickt ist und den Charakter einer Vorlesung für angehende Neurobiologen hat. Aber wie Roth selber schreibt, lassen sich erworbene Kenntnisse nur verankern, wenn der Stoff an bereits vorhandenes Wissen anschließen kann, das Arbeitsgedächtnis nicht überlastet wird, aktuelle Zusammenfassung dem Lernenden sagen, wo er steht und erläuternde Beispiele bzw. vertiefende Übungen die neuen Informationen festigen.
Die schwierige Verständlichkeit finde ich deshalb schade, weil Gerhard Roth zwar nicht mit den ersehnten Rezepten aufwarten kann, aber immerhin Klartext spricht, welchen Unsinn viele Geistes- und Sozialwissenschaftler, Motivationstrainer, Didaktiker, Pädagogen und Ratgeberliteraturverfasser über das menschliche Gehirn erzählen. Und auch die meisten von Gerhard Roths Vorschlägen für eine zeitgemäßere Schule hätten es verdient, ein großes Publikum zu erreichen. Dies gelingt zum Beispiel Manfred Spitzer sehr viel besser, von dem im Literaturverzeichnis nur gerade zwei Schriften aufgeführt sind.
Wer schon neurobiologische Vorkenntnisse mitbringt oder sich geduldig einliest, erfährt in diesem Buch, wie 'Persönlichkeit' definiert, geformt und verändert wird. Er wird in das Reich der Emotionen eingeführt, kann seine Kenntnisse über Lernen und Gedächtnisbildung auffrischen, bekommt mehr als nur eine Ahnung, was unter Intelligenz zu verstehen ist und weiß nach der Lektüre, wie Bedeutungen und Verstehen zustande kommen. Zudem gibt es ein eigenes Kapitel über Sprache, in dem spannende Eigenheiten dieser menschlichen Kommunikationsform erläutert werden.
Mein Fazit: Auch wenn Titel und Name des Autors ein großes Publikum anziehen, werden viele Leser nur schwer nachvollziehen können, worum es eigentlich geht und welche Relevanz das Vernommene für die Praxis hat. Denn Gerhard Roth setzt leider nur ansatzweise um, was er Lehrenden für eine effektive Wissensvermittlung empfiehlt. Das ist deshalb schade, weil damit das Vorurteil, die Neurobiologen hätten den Didaktikern und Pädagogen nichts zu sagen, bestätigt werden könnte.