Weltbildung zu erwerben, war im 18. Jahrhundert kein der heutigen Zeit mit ihrer Informationsüberflutung vergleichbares leichtes Unterfangen. Flugzeuge, die den wissbegierigen Menschen bequem von Kontinent zu Kontinent bringen, waren noch nicht erfunden. Wissen über ferne Völker, deren geographische Heimat, Fauna und Flora, ethnologische und historische Gegebenheiten konnte nur über wagemutige, entbehrungsreiche Land- oder Seereisen, deren Ausgang mehr als oft ungewiß war, erlangt werden. Während Portugiesen und Spanier ab Ende des 15. Jahrhunderts das Zeitalter der Entdeckungen einleiteten, übernahmen im 17. und 18. Jahrhundert Holländer, Engländer und Franzosen die Führung im Entdecken und Erforschen noch unbekannter Regionen.
Angeregt durch eine eigene halbjährige Schiffsreise um die Welt 1998/1999 erstellte der über zahlreiche historische Bücher zu preußischen und deutschen Themen - darin Sebastian Haffner ähnelnd - bekannte, frühere Politologieprofessor eine faszi-nierende Doppelbiographie zweier sehr unterschiedlicher Männer in ihrem Streben nach umfassender Weltbildung. Während der eine Meere und Küsten erkundete, diese bereits zu damaliger Zeit mit erstaunlicher Genauigkeit vermaß und kartographierte, beobachtete, forschte und hielt der andere seine Erkenntnisse durch Zeichnungen und Niederschriften im Stile eines klassischen Wissenschaftlers und Reiseschriftstellers fest.
Als einer der letzten großen Entdecker des 18. Jahrhunderts gilt der schottischstämmige 1728 in einem kleinen Dorf des nördlichen Yorkshire geborene Seefahrer James Cook. Er leistete während dreier Weltumsegelungen Bahnbrechendes zur Erforschung des pazifischen und subantarktischen Raums. Er entdeckte die australische Ostküste und zahlreiche Inseln in der Tuamotugruppe, den Neuen Hebriden, Neukaledonien oder den früheren Sandwich (Hawaii) - Inseln. Cook stellte die Doppelinselnatur Neuseelands fest und wies die Trennung Australiens von Neuguinea nach, indem er die dazwischenliegende Torresstraße befuhr.
Bei diesen Entdeckungsfahrten schoben sich, wenn auch im Interesse wirtschaftlicher Konkurrenz und nationalen Prestiges, wissenschaftliche Ziele in den Vordergrund. Es verwundert daher nicht, daß wissenschaftliche Forschungsreisende und Künstler, letztere um Landschaftseindrücke, Baulichkeiten und Menschen festzuhalten, allmählich an die Stelle von Piraten, Händlern und Missionaren trat. So gehörte zu Cooks zweiter Weltumsegelung der deutsche 1754 bei Danzig geborene Naturforscher Georg Forster. Zu seinen Aufgaben gehörte die lebensechte Abbildung von Tieren und Pflanzen, die er präparierte und in Herbarien mit in die Heimat nahm
Cook und Forster haben beide ausführliche Reiseberichte verfaßt über ihre gemeinsame Entdeckungsreise, blickten hierbei mehr nach außen als nach innen, auf die Arbeit der Besatzung, Wind und Wetter, auf die Abenteuer und Eindrücke von fremden Welten und Völkern. Denn davon wollte man in Europa hören. Angeregt durch den Reisebericht von 1771 des französischen Weltumseglers Bougainville über Tahiti und andere neuentdeckte paradiesische Inseln interessierte die europäische Elite weniger die Gespräche und Gefühle der Schiffsreisenden als Erlebnisse und Schilderungen „der Wilden", der Maoris und Polynesier. Aus heutiger Sicht ging es Krockow aber gerade um die Innenansichten der Menschen an Bord der Entdeckungsschiffe. Was geschah während der meist öden Reisezeit der Schiffe, in der es keine Landgänge gab, und man quälend eng aufeinandersaß? Wo blieben die Entdeckerfreuden, wenn die Entbehrungen sich häuften? Wie entwickelten sich die Umgangsformen, wenn nur Männer unter sich waren und diese dann den Frauen der „Wilden" begegneten? Was wurde aus dem Traum von Vernunft oder von Südseeparadiesen, wo es doch darum ging, im Konkurrenzkampf mit anderen Mächten Europas im Namen seiner Majestät des Königs die englische Flagge zu hissen? All diese Fragen beantworten fiktive Tagebucheintragungen der beiden Protagonisten, die der Autor im Wege der einfühlenden Rekonstruktion auf Grund der zahlreichen gründlichen (zu Cook vornehmlich englischsprachigen) Studien erstellt hat. Aufschlußreich ist die bereits am Druck erkennbare Differenzierung zwischen Cooks - besser dokumentierten - Eintragungen und jenen von Georg Forster, die die unterschiedliche Sichtweise des kühlen pragmatischem Denken verhafteten englischen Kapitäns und des jungen schwärmerischen deutschen Naturforschers, Literaten und späteren Revolutionärs erkennen lassen.
Das 370 seitige gut geschriebene Buch läßt den Leser hautnahe James Cooks zweite große Entdeckerreise hautnah miterleben. Diesem für die damalige Zeit atemberaubenden Unternehmen von 1772 bis 1775 (und nicht, wie der Buchdeckeltext weismachen will, schon 20 Jahre früher) entspräche heutzutage wohl nur eine Fahrt zum Mond oder Mars. Der Leser erfährt von den beachtlichen Ergebnissen der Reise: Widerlegung der antiken Vorstellung von der Existenz eines imaginären Südkontinents, Vermessung und Kartographierung der neuseeländischen Küste, Verbesserung der Lebensbedingungen auf den Schiffen, Skorbutbekämpfung durch Mitnahme von Sauerkraut auf die langen Reisen ohne frische Nahrungsmittel. Krockow beläßt es nicht bei der Reiseschilderung. In geraffter Form erläutert er, wie es für beide „Helden" weiterging. Cook - seiner geruhsamen, aber langweiligen englischen Landexistenz überdrüssig - erlitt bei einer weiteren Seereise auf Hawaii einen tragischen Tod. Forster dagegen starb unter ärmlichen Verhältnissen im französischen Exil, nachdem ihn aufgrund seines realitätsblinden Einsatzes für den Anschluß der Mainzer rheinischen Republik an das revolutionäre Frankreich als Vaterlandsverräter der Bannstrahl des Reiches getroffen hatte.
Fazit: Ein farbiges, lehrreiches und unterhaltsames Buch voller Gedankenanstöße des 1927 in Hinterpommern geborenen Autoren. Auch wenn zum Nachvollziehen der Entdeckungsreise in den Buchdeckelseiten eine Karte mit der von der ‚Resolution' befahrenen Route hilfreich gewesen wäre, bleibt Krockows Werk eine faszinierende Hommage an zwei große Männer ihrer Zeit. Zwangsläufig wird sich der an der Thematik interessierte Leser entscheiden müssen, ob er sich zuerst einem weiterführenden Werk über James Cook zuwenden soll oder ob er lieber doch mit Klaus Harpprechts Biographie ‚Georg Forster oder die Liebe zur Welt' dem Traum von Bildung eines deutschen Schöngeists nachspüren will.