Wer den Klappentext liest, erwartet vielleicht einen seichten Liebesroman mit dem Motiv "eine Frau zwischen zwei Männern". Weit gefehlt!
Es handelt sich hier um einen sehr anspruchsvollen, intelligenten Roman in einer ebenso anspruchsvollen Sprache mit teils sehr langen, verschachtelten Sätzen, die die volle Aufmerksamkeit des Lesers fordern.
Der Roman spielt zur Zeit Heinrichs VIII, nimmt allerdings auch immer wieder Bezug auf die Jahre zuvor, als die Tudors an die Macht kamen. Die Hauptfigur ist jedoch nicht der König, sondern Thomas Morus und seine Familie. In einem zweiten Handlungsstrang, der sich teilweise mit dem ersten verbindet, steht der Maler Hans Holbein der Jüngere im Mittelpunkt, der viele Jahre seines Lebens in England verbrachte und Portraits nicht nur der Königsfamilie als auch der Familie Morus und anderer damaliger VIPs anfertigte.
Der Handlungsstrang um die Familie Morus wird aus der Ich-Perspektive der Ziehtochter Meg Giggs erzählt, der andere ist eine Erzählung in der 3.Person über Hans Holbein.
Die eigentliche Thematik dieses Romans ist in meinen Augen der Konflikt zwischen der Katholischen Kirche und dem Protestantismus, der auf dem europäischen Festland bereits tobt und nun -nicht zuletzt wegen der "geheimen Sache" des Königs (sein Scheidungsbegehren und die gewünschte Heirat mit Anne Boleyn) - auf England übergreift. Der Humanist Morus ist innerlich zerrissen: einerseits ist er fortschrittlichem, wissenschaftlichen Denken zugetan, andererseits ist er ein eifriger Verfechter des katholischen Glaubens, der sich dazu berufen fühlt, das Ketzertum auszurotten, indem er vermeintliche Ketzer foltern und verbrennen lässt. Als Ketzer qualifiziert man sich schon, wenn man es wagt, die frühneuenglische Bibelübersetzung des William Tyndale lesen zu wollen, weil man vom lateinischen Wort Gottes nichts versteht!
Seine Härte und Unnachgiebigkeit in Glaubensfragen führt zu großen Unstimmigkeiten zwischen ihm und seiner Ziehtochter Meg, die sich von seiner religiösen Intoleranz abgestoßen fühlt. Als auch ihr Ehemann John Clement, der frühere Hauslehrer der Morus-Kinder, sie enttäuscht, weil er ihren (Stief)vater verehrt und nicht für sie Partei ergreift, flieht sie in die Arme Hans Holbeins...
Die Figuren in diesem Roman sind alle historisch belegt, jedoch wird auch eine ungeheuerliche Theorie aufgestellt, die sich nach Meinung einiger Betrachter aus dem Familienportrait der Mores ableiten lässt.
Das berühmte Familiengemälde soll auch noch andere Geheimnisse verbergen, deren Wahrheitsgehalt ich nicht beurteilen kann, die aber intelligente Gedankenspiele der Autorin darstellen.
Dieses Buch lässt sich nicht leicht herunterlesen und erfordert (vor allem für Nicht-Anglisten) einige Extra-Recherchen, aber es ist faszinierend und für Leser, die sich für die Tudors interessieren, absolut zu empfehlen.
Sehr informativ ist auch die Homepage der Autorin , die umfangreiche Hintergrundinformationen zum frühen 16.Jahrhundert bietet. 4,5 Sterne