In diesem Gesellschaftsroman von Henry James stellt der Autor eine junge Amerikanerin in den Mittelpunkt, die als unbeschriebenes Blatt nach Europa kommt und dort tiefgreifende Erfahrungen macht, welche sie zu einer gereiften Dame werden lassen.
Welche Wirkung die Lady jedoch auf ihr Leben haben sollte, dies ahnen die drei Gentlemen nicht, die auf dem behaglichen Landsitz des Bankiers Touchett ihren Tee einnehmen. Der alte Herr Touchett versucht, den jüngeren Herren klarzumachen, was für ein Segen eine geeignete Ehefrau für einen Mann sein kann. Da er jedoch in seinem Fall bekanntermaßen die falsche Entscheidung getroffen hat, bleibt sein Rat etwas theoretisch für seine Tischgenossen. Und dennoch bleibt eine Ahnung zurück, als der Sohn des Hauses seiner bezaubernden Cousine begegnet, die seine Mutter aus Amerika mitgebracht hat. Auch der Freund des Hauses, Lord Warburton, ist von der jungen Dame hingerissen. Schon nach kurzer Zeit legt er Isabel Archer die Welt zu Füßen. Die junge Frau möchte aber das eben entstandene Bild von Unabhängigkeit und Freiheit nicht zerstören und lehnt den Heiratsantrag ab. Ralph Touchett beschließt schließlich seinen Vater dazu zu überreden, einen großen Teil seines Vermögens seiner Nichte zu hinterlassen, um ihr die gewünschte Bewegungsfreiheit zu garantieren. Er selbst hat die Schwindsucht und sieht daher sein Leben als zu kurz an, um eine Familie zu gründen und das ganze Erbe seines Vaters zu verwenden. Und so erhält Isabel überraschenderweise schon bald ein Vermächtnis ihres Onkels, den sie nur eine kurze Zeit kannte. Da zu dieser Zeit bereits eine Freundschaft mit einer guten Bekannten ihrer Freundin entstanden ist, lässt sie sich gerne überreden, mit dieser nach Italien zu reisen. Dort soll ihr Schicksal auf sie warten. Denn ihre Freundin, Madame Merle, macht sie dort mit einem guten Freund bekannt, der die junge Amerikanerin in seinen Bann schlägt.
Mit der Heirat Isabels Archer verändert sich die Stimmung der Erzählung. Die Ehe der Osmonds wird nicht glücklich. Sie scheinen keine gemeinsamen Interessen zu haben. Nach außen geben sich die Eheleute den Anschein eines etablierten Paares, aber Isabels Freunde machen sich Sorgen. Isabel versucht, das Liebesglück ihrer Stieftochter Pansy voranzutreiben, aber Mr. Osmond hat ganz andere Pläne für seine Tochter. Isabel erfährt, dass auch sie einer Intrige zum Opfer gefallen ist. Kurz zuvor hatte sie ein Telegramm aus England erhalten, welches sie an das Sterbebett ihres geliebten Cousins ruft. Ist dies vielleicht das Ticket für die Freiheit? Eine Möglichkeit, vergangene Fehler auszulöschen und noch einmal von vorne zu beginnen?
Die junge Dame steht vor einer schweren Entscheidung und diese kann sie nur alleine treffen.
Der Autor lässt dem Leser keine Chance, dem Sog seiner Erzählung zu entkommen. Zunächst amüsiert er mit gegensätzlichen amerikanischen und englischen An- und Einsichten, verwirrt mit dem Ablehnen eines perfekten Lebensbildes und stürzt den mitfühlenden Menschen in die Ängste und Sorgen gescheiterter Illusionen. Obwohl er selbst darauf hinweist, dass die Nebenfiguren nur zwingendes Beiwerk bei der Herausstellung der Hauptfigur sind, kommt doch der Verdacht, dass diese ein für den Schriftsteller nicht unliebsames Eigenleben zu führen pflegen. Auf jeden Fall stellt die politisch völlig unkorrekte aber sehr unterhaltsame amerikanische Freundin der zunehmend melancholischen Hauptperson einen unersetzlichen Gegenpol da. Und darf am Ende gar verkünden, für welchen Weg sich die tapfere Dame entschieden hat.
Persönlich erfahrenes Leid und Unglück scheinen für Henry James unabdingbar mit Charakterbildung verbunden zu sein. Auch wenn man diese Ansicht nicht uneingeschränkt bejaht, ist die eindringliche Art der Erzählung doch sehr beeindruckend. Und man stellt das Buch in nachdenklicher Stimmung ins Regal zurück.