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5.0 von 5 Sternen
Liebevolle Hommage an eine Mutter, 27. Januar 2008
Friedrich Christian Delius Bildnis einer Mutter als junge Frau Rowohlt TB ISBN 349924344X
Wir schreiben das Jahr 1943.
Eine junge Frau wandert durch die Strassen Roms. Sie betrachtet die Bauten und ruht sich auf den Treppen und Plätzen aus, die sie auf ihren Wegen kreuzt. Ihre Bewunderung gilt den herrlichen Kirchen, Brunnen und Skulpturen der italienischen Renaissance. Zwischen den warmen Sonnenstrahlen denkt sie an ihren Mann, mit dem sie erst kurz verheiratet ist. Er ist Militärpfarrer in Rom. Erst kürzlich hat er sie nachkommen lassen, und sie hatten <die römischen Freuden> genießen wollen. Nur drei Tage nach ihrer Ankunft musste er ihr mitteilen, dass er als Soldat nach Afrika beordert war.
In zarten, einfachen Sätzen beschreibt Delius das Leben seiner Mutter. Erst 21 Jahre alt, ist sie in jenen Tagen beseelt von der Liebe zu ihrem Mann und der erwarteten Geburt ihres ersten Kindes.
Sie stammt aus Doberan in Mecklenburg und fühlt sich ungewohnt von der Ostsee ans Mittelmeer verschlagen.
In feinen und sensiblen Worten schildert Christian Delius die Zeit, in der Krieg herrschte, und in der niemand wußte, wie das Leben weitergehen würde.
Die junge Frau ist von einfachem und gläubigem Gemüt. Vater und Mann stehen in kirchlichen Diensten. Ihre Sympathie gilt der bekennenden Kirche, die dem Hitlerregime kritisch gegenüber steht.
Sie wohnt in einem Hospital, das von evangelischen Diakonissen geführt wird. Dort fühlt sie sich sicher. Die Sehnsucht nach ihrem Mann vermag niemand zu lindern, und ihre Angst, dass er den Krieg nicht überleben könnte, ist unübersehbar.
Der Gottesglaube hilft ihr.
Delius schreibt auf einfühlsame Weise ein Erinnerungsbuch, das seine Mutter als liebe, freundliche, unschuldige und ihrem Mann in tiefer Liebe anhängende Frau zeigt.
In einer langen Rede, unterbrochen nur von längeren Absätzen, fließen die Erinnerungen aus der Feder des Erzählers. Seine Worte sind diskret und geben doch Auskunft, wie es um die junge Frau steht, die seine Mutter ist.
Beim Anblick der schönen Gebäude, prächtigen Strassen und Plätze mit den Marmorskulturen, den Kirchen, Parks und Treppen wünscht sie sich die Erklärungen ihres Mannes, der sich in der Ikonografie auskennt.
Kirchen mit so klangvollen Namen wie Santa Maria del Popolo oder der Park der Villa Borghese, die spanische Treppe und die vielen Brunnen werden in dem kleinen Erinnerungsbändchen unaufdringlich und treffend gezeichnet.
Der Romkenner wird entzückt sein, mit den Augen der jungen Frau Rom zu erkunden.
Sie hängt reflektierend ihren Gedanken nach.
Der passende Ausdruck von dem < katholischen, schönheitslüsternen Überfluß> lassen die Widersprüche erahnen, die den strengen, asketischen Protestantismus vom Katholizismus trennen. Anläßlich eines Kirchenkonzerts mit Bachkantaten werden die inneren Gefühle des Fremdseins und der kurzzeitigen Heimatlosigkeit bei aller Bewunderung der Stadt schmerzlich erkennbar.
In diesem liebevollen Stück Prosa erreicht uns ein Bild des zweiten Weltkriegs, das nicht rau, brutal und blutrünstig ist, sondern aus der Innenschau einer sehr jungen Frau berichtet. Sie ist glaubwürdig und anrührend zu lesen.
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23 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein einfühlsames und tiefgründiges Buch!, 21. September 2006
Rezension bezieht sich auf: Bildnis der Mutter als junge Frau (Gebundene Ausgabe)
"Bildnis der Mutter als junge Frau" ist ein bemerkenswertes Buch, da Friedrich Christian Delius sich tief in die Gefühlswelt seiner mit ihm schwangeren Mutter hineinfühlt.
November 1942: Kurz vor der Entbindung ihres ersten Kindes kommt die frisch verheiratete 21jährige nach Rom. Ihr Mann, der als Geistlicher und Reservist die kleine Gruppe der deutschen Protestanten leitet, kann wider Erwarten nur wenige Tage mit seiner Frau verbringen. Dann muss er nach Afrika, wo Hitlers letztes Afrikaregiment Stärke symbolisieren muss. Allein erkundet sie nun die Stadt und der Leser kann sie ein paar Tage im Januar 1943 begleiten...
Die Gedanken- und Gefühlswelt dieser jungen Frau ist so fein und tief ausgelotet, dass man sich wirklich immer wieder bewusst machen muss, dass der Autor die Geschichte seiner Mutter und nur sehr bedingt seine eigene erzählt!
Ihm gelingen dabei sehr intensive Augenblicke, an denen die Leser teilhaben können.
Das Buch folgt einem ganz eigenen Rhythmus, der fast lyrischen Charakter hat. Gleichzeitig ist es auch ein weiteres Beispiel dafür, wie weit Hitlers vernichtender Arm gegriffen hat und legt wieder einmal ein Schicksal frei, dem viel zu früh eine jugendliche Leichtigkeit genommen wurde.
Ähnlich wie Urs Widmer und Leon de Winter ist Friedrich Christian Delius ein Mutter-Portrait geglückt, dass von großer Zuneigung und Wärme geprägt ist.
Ein leises und sehr schönes Buch!
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13 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Wunderbarer Spaziergang, 11. September 2006
Rezension bezieht sich auf: Bildnis der Mutter als junge Frau (Gebundene Ausgabe)
Was Friedrich Christian Delius in seiner Erzählung Bildnis der Mutter als junge Frau beschreibt, ist eine Mischung aus Wunschbild und eigener Familiengeschichte: Er erzählt von einem , verwirrenden, wunderbaren Spaziergang einer jungen, schwangeren Frau seiner Mutter durch das winterliche Rom 1943. Sie kennt die Stadt nicht, der Vater ihres Kindes, mit dem sie hier zusammen zu leben hoffte, wurde an die Front nach Afrika berufen, und über 60 Jahre später beschreibt ihr Sohn ihre Ängste, Beobachtungen und Gedanken, die sie durch die fremde Stadt treiben nach Delius Art sprachlich virtuos, aber diesmal ganz unsatirisch, sondern zart und liebevoll.
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