Dass Lorbeerzweige auf Ehre und Ansehen eines Porträtierten hinweisen, weiß man gerade noch. Aber dass auch z.B. Akeleien, Orangenblüten oder Walnüsse auf Gemälden keineswegs nur aus dekorativen Gründen zu sehen sind, war mir noch nie so recht bewusst gewesen. Tatsächlich bedienten sich vor allem Maler des Mittelalters, der Renaissance und des Barock ausgeklügelter Zeichensysteme, deren einzelne Zeichen der Natur entnommen sind. Dementsprechend erzählen diese Bilder lange Geschichten, wenn man sie nur zu lesen versteht.
Da gewinnen nicht nur Stillleben eine neue Bedeutungsebene jenseits des rein Dekorativen. Band 7 des "Bildlexikon der Kunst" macht einem das aufs nachdrücklichste klar: Etwa wenn das "Stillleben mit Blumen und Insekten" (Jacob van Walscapelle) wegen seines Zusammenspiels von Masken zweier Wassergottheiten, Mohnblumen, einer Schnecke, einem Schmetterling, einer Hyazinthe und einer Fliege schon fast zur wissenschaftlichen Abhandlung über Tod, Vergänglichkeit und Auferstehung, Gut und Böse wird -- nur ist es leichter zugänglich als ein entsprechendes Traktat, und schöner anzuschauen ist's sowieso.
"Die Natur und ihre Symbole. Pflanzen, Tiere und Fabelwesen" ist ein kunsthistorisches Nachschlagewerk der besonderen Art; man kann ohne Vorkenntnisse daraus Gewinn ziehen; es gibt keine Hemmschwelle, keine inhaltsgespickte Dornenhecke, durch deren Fachvokabular man sich erst hindurchlesen muss, bevor man gucken darf. Und für Leser mit Vorwissen ist's auch nicht trivial.
In 7 Kapiteln (Pflanzen, Blumen, Früchte, Tiere auf der Erde, Tiere des Himmels, Tiere des Meeres, Fabelwesen) werden die häufigsten und/oder wichtigsten Pflanzen und Tiere anschaulich erklärt; die einzelnen Unterkapitel sind immer wie folgt strukturiert:
Auf einer knapp 3/4 Seite werden die wichtigsten Bedeutungen des betreffenden Tieres, Pflanze oder Fabeltiers in Mythologie, Altem und Neuem Testament erläutert, wie sie zur Entstehungszeit der Gemälde jedermann geläufig waren. Die Quellen umfassen römische und griechische Antike, Altes und Neues Testament, Kirchenväter, römische Geschichtsschreibung u.a. Am Seitenrand findet man Kurzinformationen zu den Punkten "Mythologie", "Bedeutung(en)", "Geschichten und Personen" sowie "Quellen(angaben)". Das Kernstück dieses auch optisch äußerst ansprechenden Bandes sind jedoch die vielen Abbildungen von Gemälden, Skulpturen, Altarbildern, Fresken, Buchillustrationen etc. vom 4. bis 19. Jahrhundert -- wobei der Schwerpunkt freilich auf Mittelalter, Renaissance und Barock liegt, da hier die Verwendung von Symbolen in der bildenden Kunst am gebräuchlichsten war. Die Reihe der abgebildeten Künstler ist beeindruckend, wie man sich denken kann; alles, was Rang und Namen hat, ist vertreten. Da macht bereits das zweckfreie Durchblättern Spaß.
Bei jedem Bildbeispiel (ich sag's nochmal: Es gibt unzählige Bildbeispiele!) werden die jeweils abgebildeten Tiere und Pflanzen stichwortartig im Bildzusammenhang gedeutet. Man lernt beim aufmerksamen Betrachten: Was z.B. bedeuten ein Distelfink, eine Walnuss, eine Schwalbe bei Madonnen-Darstellungen; was ein Pelikan oder eine Pappel in einer Kreuzigungsszene; was ein Affe, ein Hund oder eine Lilie bei Porträts? Und so weiter... Die Antworten sind beileibe nicht immer naheliegend und niemals trivial; es bestätigt sich wieder mal die Erkenntnis "Man sieht nur, was man weiß". Und jetzt kommt man endlich drauf, was die Schnecke am unteren Bildrand von Francesco del Cossas "Verkündigung" bedeutet...auch wenn dieses Bild in diesem Band nicht abgebildet ist.
Dieser Band, wie überhaupt die ganze Reihe "Bildlexikon der Kunst", ist ein Glücksfall. Das Buch ist nicht nur schön gemacht, mit großzügigem, ansprechenden und übersichtlichem Layout, vielen Abbildungen, sehr gutem Papier und natürlich Fadenheftung, sondern auch informativ für Laien und Fachleute (nur die ganz hartgesottenen Cracks dürften den Inhalt bereits komplett kennen), dabei gut geschrieben, und die Systematik begreift man intuitiv.
Ich bin begeistert -- und würd am liebsten stante pede in die nächste Gemäldegalerie pesen, um bekannt geglaubte Bilder neu zu lesen.