Was das Buch Riepes zu einem großen Gewinn macht, ist die Verknüpfung von genauer Bildbetrachtung und ihrer theoretischen Kontextualisierung. Der Autor schöpft, und das ist selten in dem Genre der deutschen Filmbücher (besonders in der bewusst populär gehaltenen „middlebrow"-Literatur der bekannteren Filmbuchverlage wie Schüren oder Bertz), aus dem Vollen, und das sowohl, was seine theoretische Grundlage, die strukturale Psychoanalyse Lacans, als auch sein profundes filmisches Wissen anbetrifft, das er immer wieder zur erläuternden Rahmung anbringt.
Riepe liest - ganz im Sinne einer Betrachtung Cronenbergs als „Auteur" - das Gesamtwerk des Filmemachers. Er analysiert dabei jeweils einzelne Filme unter einem Schwerpunkt, den dieser nach Riepe im Projekt „Cronenberg" einnimmt. Dabei hält sich Riepe nur auf den ersten Blick an die Chronologie der Filme: Er beginnt mit den drei Splatterfilmen Shivers (1975), Rabid (1976) und The Brood (1979), setzt aber dann zum Thema „Brüderpaar" eine Lektüre von Dead Ringers (1988) an, die vom Brüderfilm Scanners (1980) gefolgt wird. Nach einer Analyse von The Fly (1986), den er bezeichnenderweise mit dem paradigmatischen Text der neueren Kulturwissenschaften, Lacans „Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion" (1936), liest, folgt das Schlüsselkapitel des gesamten Projekts (sowohl von Cronenberg als auch von Riepe) mit der Analyse von Videodrome (1982). Dieser folgen dann Betrachtungen zu The Dead Zone (1983), zu Naked Lunch (1991), und zu den selten in Cronenberg-Texten erwähntem Melodrama M. Butterfly (1993). Riepe untersucht danach die Metaphorik von Sexualität in Crash (1996) und eXistenZ (1999) und liefert - und das dürfte viele interessieren - frühzeitig eine spannende Lektüre von Cronenbergs letztem und in Deutschland noch gar nicht gezeigtem Film Spider (2002), in dem der Schauspieler Ralph Fiennes nach Red Dragon wieder einmal einen psychisch Gestörten gibt. Das Abschlusskapitel „Die Frau als ‚Symptom des Mannes'" macht noch einmal einen Parforce-Ritt durch das Projekt „Cronenberg" und rundet mit diesem speziellen Aspekt das Buch ab.
Zur Frage, was denn aus dem Konzept „Cronenberg mit Lacan" herauskommt, möchte man Folgendes sagen: Gemischtes und vielleicht nicht etwas für jedermann. Der Fan, der sich für die Filme Cronenbergs begeistert und seine Analysen eher im Kontext eines filmischen Verweisuniversums sucht, kommt zwar auch auf seine Kosten, verpasst aber die zentrale These des Buches, die jedem Kapitel als Folie dient: Diese lautet, dass Cronenbergs Filme wie in der Freudschen Traumdeutung oder dem Lacanschen Diktum, dass das Unbewusste wie eine Sprache strukturiert sei, als eigenständige Kulturpoetik und Kulturdiagnose zu verstehen seien. Das Buch liefert deshalb zwar psychoanalytische Lektüren der Filme Cronenbergs, aber ebenso werden die Filme Cronenbergs als ganz spezielle filmische Formen einer Psychoanalyse gegenwärtiger Kultur betrachtet. Der anderen Generalthese des Buches ist allerdings besser zu folgen und ergänzt auch auf logische Weise die erste These. Riepe zufolge buchstabiert Cronenberg „Metaphorik" bildlich durch, und er macht es sehr plausibel und anschaulich: Wenn es um „Kopfzerbrechen" in Cronenbergs Film Scanners geht, dann platzt in aller Regel auch der Kopf auf blutigste Weise. Diese beiden Thesen zusammengenommen werden bündig mit der Lacanschen Psychoanalyse enggeführt. Mitunter kommen die Interpretationen etwas unvermittelt, wenn manche Szenen plötzlich auf „phallischen Konnotationen" beruhen, auf dem „Spiegelstadium" oder auf ödipalen Komplexen basieren. Wie langweilig theoretische Einleitungen in wissenschaftlichen Büchern auch sein mögen, der eine oder andere näher erläuternde Absatz oder Exkurs zu den struktural psychoanalytischen Konstrukten, mit denen Riepe die Filme Cronenbergs liest, hätte dem Verständnis für eine breitere Leserschicht nicht geschadet. So lässt sich zum Beispiel die Funktion des Lacanschen Phallus-Komplexes, den Riepe in vielen Filmen Cronenbergs als strukturellen Motor identifiziert, im methodischen Instrumentarium zuweilen schwer von der Vulgär-Terminologie einer Aussage wie „Das ist ein Phallussymbol", die ja ohne interpretatorischen Mehrwert ist, unterscheiden. Um es noch einmal deutlich zu machen: Riepe macht dies nicht! Allein etwas mehr Theorie hätte der Klarheit der Thesen gedient.
In deutscher Sprache gibt es bislang nur zwei Monographien und einen Sammelband aus Österreich, die sich ausschließlich mit den Filmen von David Cronenberg beschäftigen. Neben Almut Oetjens und Holger Wackers „Organischer Horror" aus dem Jahr 1993, das schon lange vergriffen ist, gibt es inzwischen die zweite Auflage von Thomas Dreibrodts „Lang lebe das neue Fleisch" aus dem Jahr 2000. Der Sammelband „Und das Wort ist Fleisch geworden", herausgegeben von Drehli Robnik und Michael Palm 1990 im Wiener PVS Verlag, bietet in 14 Aufsätzen und vier übergreifenden „Gelenkstellen" ein breites Spektrum an wissenschaftlicher Cronenberg-Lektüre bis zum Film Naked Lunch (1991). Die beiden Monographien dagegen sind ausgesprochene Fanbücher mit einem nur vage ausgeprägten analytischen Interesse. Sie liefern inhaltlich und motivisch genaue Lektüren, aber in der Argumentation gehen sie dann vor allem apologetisch gegen Wissenschafts- und Kritikergespenster an, die naturgemäß sehr vage bleiben. Das Klischee vom Fan (und besonders trifft dies wohl auf die zumeist jugendlichen Liebhaber von Horror- und Splatterfilmen zu), der in einem sozialromantischen Gestus seine „Lieblinge" und „Geheimtipps" vor der kapitalistischen Vereinnahmung durch „Hochkultur", „Wissenschaft", „Kommerzialisierung" und „Mainstream" schützen möchte, wird in diesen beiden Büchern wieder einmal bestätigt. Riepes Buch dagegen zehrt positiv von seinem akademischen Anspruch, einer soliden Theoriebasis und einem stark formulierten Forschungsinteresse mit intelligenten Thesen. Das Buch ist deswegen erfrischenderweise nicht auf Legitimation aus, sondern kann sich voll auf die kulturpoetische Bedeutung der Filme Cronenbergs stützen. Verschwiegen werden soll aber auch nicht, dass es aus der heutigen Position vielleicht etwas einfacher ist, über einen inzwischen gefeierten „Auteur-Regisseur" Cronenberg zu schreiben als noch vor zehn Jahren über den „Splatterfilmer", den „Baron of Blood" und „Dave Deprave" Cronenberg.