Das Buch brachte mir der Bote zusammen mit Henschels "Die wirrsten Grafiken der Welt" ins Büro. Und krasser könnten die Gegensätze kaum sein. Während die Clip-Art-Fetischisten und Power-Point-Freaks zur ästhetischen Umweltverschmutzung beitragen, zeigt uns Martin Kemps Buch eindrücklich, dass Anschaulichkeit mit der Liebe zum Objekt zusammenhangen muss. Der wunderschön gestaltete und gedruckte Band aus dem DuMont-Verlag erscheint gerade zur richtigen Zeit, um dieser unheilvollen Entwicklung Einhalt zu gebieten. Je grösser die Bilderflut wird, desto wichtiger ist die Diskussion um das Bild. Die chronologisch geordneten Artikel erlauben nebst dem Kunstgenuss auch Einblicke in naturwissenschaftliche Phänomene. Der renommierte Kunsthistoriker beschreibt sein Anliegen so: "Es ging mir darum, tiefer liegende Strukturen zu betrachten, die in manchen Arten von Kunst und manchen Arten von Wissenschaft gemeinsam Ausdruck finden." Dies hat er fraglos erreicht, indem der aus Tausenden von Bildern Exemplarisches auswählte und ihnen tiefsinnige und dennoch verständliche Texte zur Seite stellte. Wer bei Kemps Expeditionen dabei sein will, muss etwas tiefer als sonst in die Tasche greifen. Aber die Investition lohnt sich.