Pressestimmen
(TÄTOWIER MAGAZIN, April 2002)
"Insbesondere die Tatsache, daß in jener Zeit das Tätowieren noch etwas Anderes darstellte als die heutzutage bekannte und weitverbreitete Massenproduktion, macht das liebevoll aufgemachte Buch zu einem 'Must-have' in der Hausbibliothek."
(UNCLESALLYS, Berliner Szenemagazin, Juni 2002)
TÄTOWIER MAGAZIN, April 2002
UNCLESALLYS, Berliner Szenemagazin, Juni 2002
Kurzbeschreibung
Portraitiert und photographiert von Herbert Hoffmann
Mit einem Vorwort von dem Historiker Dr. Stephan Oettermann.
Hrsg. von Oliver Ruts & Andrea Schuler
280 Seiten, gebundene Ausgabe, Format 24x32,5cm
Mit mehr als 350 Abbildungen (farbig und im Duotone) und ausklappbarem Centerfold.
BilderbuchMenschen ist ein einzigartiges Photolesebuch mit Portraits tätowierter Menschen, die zwischen 1878 und 1952 geboren sind. Viele Jahre hat der 82jährige Hamburger Tattoomeister Herbert Hoffmann die Tätowierten dieser Generationen photographiert und ihre Lebensgeschichten aufgezeichnet. Mit seiner Photosammlung nimmt der Amateurphotograph den Leser mit auf eine Zeitreise zurück ins Nachkriegsdeutschland und gibt einen faszinierenden Einblick in ein Kapitel verdrängter Kulturgeschichte.
Ich bin von der Tätowierung beseelt und will auch nicht von ihr lassen!. Mit diesen Worten beschreibt Herbert Hoffmann sein Lebenswerk. Der gebürtige Preuße hat seine bürgerliche Herkunft nie abgelegt. Dennoch wählte er einen für seine Generation sehr unüblichen Lebensweg: er wurde Tätowierer und setzte sich zeitlebens dafür ein, "sein liebstes Hobby" vom Dunst des Anrüchigen zu befreien und wieder gesellschaftsfähig zu machen. Einer seiner Verdienste hier ist die des Chronisten - doch die Beziehung zu seinen Modellen geht über ein reines Arbeitsverhältnisö weit hinaus: über Jahrzehnte hinweg hat er tätowierte Menschen aufgesucht, sie interviewt und in Wort und Bild "festgehalten". 99 dieser Portraits werden in BilderbuchMenschen vorgestellt. Der Blick des Photographen auf die abgelichteten Menschen ist voller Sympathie, Respekt und sogar Bewunderung. Im Vorwort des Photolesebuches beschreibt der Historiker Dr. Stephan Oettermann eine gewisse Verwandtschaft der Hoffmannschen Photographie mit den Portraits von August Sander.
Das Buch richtet sich auch an Leser, die über reine Tätowierbegeisterung hinaus ein weitergehendes Interesse haben: photographisch, historisch, kulturgeschichtlich.
Der Verlag über das Buch
Über den Autor
Auszug aus BilderbuchMenschen. Tätowierte Passionen 1878-1952. von Oliver Ruts, Andrea Schuler, Herbert Hoffmann. Copyright © 2002. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Emma und Oskar, die mir schnell ans Herz wuchsen, lernte ich über einen Umweg kennen. In Düsseldorf sah ich Anfang der Fünfziger Jahre auf der Straße einen alten Bauarbeiter mit stark tätowierten Händen, die ich sehr bewunderte. "Das ist noch gar nichts," rief er lachend. "Da mußt Du erst mal den Blauen Oskar sehen - der hat den ganzen Körper volltätowiert. Er ist aus Stolp wie ich, aber ich weiß nicht, wo er abgeblieben ist."
Fortan war ich auf der Suche. Unbedingt wollte ich den Blauen Oskar finden und photographieren. Doch niemand konnte mir weiterhelfen. Endlich erfuhr ich durch den Suchdienst des Roten Kreuzes, daß sein bürgerlicher Name Oskar Manischewski laute und er inzwischen in Berlin wohne.
Ich schrieb ihm und es entstand ein reger Briefwechsel zwischen uns. Aus jeder Zeile las ich seine große Begeisterung für Tätowierungen und die Freude an volltätowierten Körpern heraus. Er schrieb, daß auch seine Frau stark tätowiert sei.
Oskar und seine Frau Emma hatten sich in Stolp nach der Jahrhundertwende volltätowieren lassen. Bis in die 1930er Jahre waren die beiden mit Schaustellern durch die Welt gereist und als tätowiertes Ehepaar aufgetreten - als Feuerspucker und Schwertschlucker, was ihnen viel Bewunderung einbrachte. Welch ein aufregendes Leben! Doch mit der Naziherrschaft und dem Kriege war dies auf einen Schlag vorbei. Die Veranstaltungen wurden als abartig und pervers beschimpft. Von Jahr zu Jahr verschwanden mehr Schaustellerkollegen, die nie wieder gesehen wurden.
An Ostern 1958 war es endlich soweit: Jack und ich fuhren nach Berlin und besuchten den Blauen Oskar und seine Frau. Ich war voller Vorfreude. Doch verlief die erste Begegnung ganz anders, als ich es mir erträumt hatte. Vom Glanz vergangener Zeiten war nicht mehr viel zu spüren. Die beiden lebten in einem tristen Hinterhaus in einer schmucklosen Wohnung mit kärglicher Einrichtung. Doch ihre Freude über unseren Besuch war riesig und der Empfang mehr als herzlich.
Sie wollten alles über die neue, farbige Technik des Tätowierens wissen. Unsere frisch erworbenen Hautbilder aus Hamburg, Kopenhagen und Rotterdam beeindruckten sie sehr. Oskar wünschte sich sogleich auch welche. Es war nicht leicht, noch leere Stellen auf seinem blautätowierten Körper zu finden. Nur um den Genitalbereich war noch ein bißchen Platz. Dort mußte ich Oskar ein paar neue, kleine Tätowierungen machen. Er hatte große Freude daran. Ja, auch seine Ohrläppchen waren frei und bekamen von mir frische Farbe verpaßt.
Die beiden alten Leute freuten sich sehr über das neue Leben, das in ihrer bescheidenen Hütte erwacht war. Gerne ließen sie sich von mir photographieren. Sie bedauerten nur, daß wir unsere schönen, bunten Tätowierungen unter den Kleidern versteckten.
Oskar nahm mich zur Seite und sagte sehr ernst: "Herbert, Du mußt Dir unbedingt die Hände tätowieren lassen. Wer soviel Freude an Tätowierungen hat wie Du, der sollte das auch mitteilen, indem er sie sichtbar macht."
Ich versprach es ihm gerne, denn seine blau tätowierten Handrücken und Finger faszinierten mich sehr. Aus vielen Gründen kam es aber erst Jahre später dazu. Schade, daß Emma und er das nicht mehr erleben konnten.
Auszug aus dem Vorwort des Historikers Dr. Stephan Oettermann:
Tätowierungen hatten Herbert Hoffmann schon seit seiner Kinderzeit im ländlichen Pommern der 1920er Jahre fasziniert. Obwohl aus bürgerlichem, protestantischem Hause stammend, liebäugelte der Junge mit dem einfachen Volk: Man brauchte Arbeitsleute fürs Geschäft, für die Feldbestellung, für Handwerksarbeiten, für Dienstleistungen. Ringsum lebten einfache Menschen, arme Tagelöhner, harte Arbeiter, muskulöse Gesellen. Die Leute waren derb, hatten schwielige Hände, ihre Lederstiefel waren vom Ackerboden schmutzig oder vom Stallmist, ihre braunen Manchesterhosen und Arbeitshemden waren alt und von Flicken übersät, die blaue Arbeitsmütze war von Sonne und Regen ausgeblichen, der Schirm stark abgegriffen. Ich empfand eine Hochachtung vor diesen anspruchslosen, arbeitsamen und zufriedenen Menschen. Viele, sehr viele von ihnen, waren tätowiert. Sie hatten einfache blaue Tätowierungen auf Armen und Händen. Manchmal blitzte aus dem grauen Arbeitshemd auch eine Tätowierung auf der Brust heraus. Bald gehörten nach meiner Vorstellung Arbeitsleute und Tätowierungen zueinander. Die blauen Bilder und Zeichen auf ihren Armen und Händen fesselten mich und machten mich immer neugieriger. Sie wurden meine Vorbilder. Ich wollte werden ganz wie sie - und tätowiert wie sie.
Tatsächlich waren die meisten Tätowierten, die Herbert Hoffmann in seiner Jugend beobachten konnte, bereits ältere Männer, die ihre blauen Hautstiche schon vor dem Ersten Weltkrieg oder wenig später erworben hatten. Seit dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts war es, insbesondere in den Unterschichten, zu einer weiten Verbreitung gekommen. Der berühmte Berliner Pathologe und Sozialmediziner Rudolf Virchow bezeichnete das Phänomen um 1900 sogar als Tätowierungswut.
Der parallel dazu einsetzende kriminalanthropologische Diskurs argwöhnte in der Tätowierung ein Zeichen für Abnormität und Devianz, wenn man sich nicht gar dazu verstieg, den Tätowierten als geborenen Verbrecher oder degenerierten Adligen zu diskriminieren. Fast überall in Deutschland verweigerten die Polizeiverwaltungen den Tätowierern die Gewerbeanmeldung, außer in den Hafenstädten, wo man die Tätowierung als Seemannsfolklore tolerierte. Wandergewerbescheine für Tätowierer wurden grundsätzlich nicht erteilt, so daß die herumziehenden Gelegenheitstätowierer in Wanderherbergen, Kneipen oder am Rande von Rummelplätzen mehr oder weniger verborgen und illegal arbeiteten, immer von Haft und Schub bedroht.